PIERRE BOULEZ (1925 – 2016)

Eine wegweisende Persönlichkeit in jedem musikalischen Bereich

In tiefer Trauer gibt Deutsche Grammophon den Tod von Pierre Boulez bekannt. Als Pionier in jedem Bereich musikalischer Arbeit und als Denker eindringlicher Originalität war Boulez eine Persönlichkeit, die von den 1950er-Jahren bis zum Ende seines Lebens großen Einfluss hatte. Sein Name wurde gleichbedeutend mit intellektueller Integrität und nicht nachlassendem musikalischem Scharfsinn. DG war und ist stolz darauf, ihn mehr als vier Jahrzehnte auf seiner Reise begleitet und viele seiner wichtigsten Projekte als Dirigent und Komponist dokumentiert zu haben.

In den 1950er-Jahren war der Einfluss von Boulez’ musikalischem Denken besonders spürbar im Rahmen der Darmstädter Internationalen Ferienkurse für Neue Musik, bei denen die wichtigsten Strömungen der Gegenwartsmusik erforscht und weiterentwickelt wurden. Anfang der 1960er-Jahre lehrte er auch an der Musikhochschule Basel, aber schon bald war er überwiegend als Dirigent tätig. 1966 debütierte er in Bayreuth mit einer legendären Aufführung von Parsifal und er dirigierte das Werk auch in den beiden folgenden Spielzeiten ebenso wie 1970, als es von DG aufgenommen wurde. 1976 wurde er für die Neuproduktion des Rings zum 100. Jubiläum der Uraufführung erneut nach Bayreuth eingeladen. Patrice Chéreaus epochale Inszenierung wurde 1980 gefilmt und 2005 auf DVD von DG veröffentlicht. 1979 dirigierte Boulez die Uraufführung der vervollständigten Fassung von Bergs Lulu an der Pariser Opéra, und die Aufnahme, die DG im Zusammenhang mit dieser Produktion am IRCAM machte, erhielt im selben Jahr einen Gramophone Award.

1989 unterzeichnete Boulez einen Aufnahmevertrag mit Deutsche Grammophon, und 1992 wurde er Exklusivkünstler des gelben Labels. Während der 1980er- und 1990er-Jahre spielte er zahlreiche Werke von Ravel (mit den Berliner Philharmonikern), Debussy (mit dem Cleveland Orchestra), Strawinsky und Bartók ein. Peter Steins Inszenierung von Debussys Oper Pelléas et Mélisande für die Welsh National Opera dirigierte Boulez 1992; die Produktion wurde gefilmt, die Aufnahme bei DG veröffentlicht. Seine Aufnahme der Klavierkonzerte von Ravel mit dem Pianisten Krystian Zimerman erhielt 1999 einen Gramophone Award. 1995 wählte ihn die Fachzeitschrift Gramophone zum »Künstler des Jahres« und er wurde zu seinem 70. Geburtstag von den französischen »Victoires de la musique classique« geehrt.

Im Jahre 2000 dirigierte er anlässlich seines 75. Geburtstags nicht nur eine Vielzahl von Konzerten, sondern machte für DG auch neue Aufnahmen eigener Werke, darunter die Avantgarde-Klassiker Pli selon pli und Le Marteau sans maître. Im selben Jahr wurde die Aufnahme von Répons mit einem Grammy ausgezeichnet, die CD mit Anthèmes 2, Messagesquisse und Sur Incises erhielt 2001 einen Gramophone Award, und 2005 trug ihm seine DG-Einspielung von Le Marteau sans maître seinen 26. Grammy ein. Bei der Grammy-Verleihung 2015 wurde er mit einem Grammy für sein Lebenswerk geehrt.

Es war ein Zeichen von Boulez’ Offenheit gegenüber Veränderungen, dass sich seine Auffassung von Musik im Allgemeinen sowie von einzelnen Werken und Komponisten im Laufe der Zeit weiterentwickelte. Dieser Wandel ist auf vielen DG-Aufnahmen dokumentiert: in Aufführungen von Mahlers Symphonien und Orchesterliedern, Bruckners Symphonie Nr. 8 (mit den Wiener Philharmonikern) und – aus Anlass seines 85. Geburtstags – durch eine CD mit Szymanowskis Violinkonzert Nr. 1 und der Symphonie Nr. 3 (»Lied der Nacht«) sowie eine zweite Einspielung der Klavierkonzerte von Ravel (diesmal mit Pierre-Laurent Aimard). Gleichzeitig nahm er weiterhin klassische Werke des 20. Jahrhunderts von Varèse, Ligeti, Messiaen und sich selbst auf. Im Februar 2015 brachte Deutsche Grammophon zum 90. Geburtstag eine Edition mit 44 CDs heraus, die seine sämtlichen Aufnahmen von Musik des 20. Jahrhunderts für das gelbe Label enthält – eine Zusammenstellung, die den Kern seiner einzigartigen Leistungen repräsentiert.

Dickon Stainer, President & CEO of Global Classics der Universal Music Group, sagte: »Pierre Boulez gehörte zu den alles überragenden Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit, gleichermaßen bedeutend als Komponist und als Dirigent – von seinen ikonoklastischen Aussagen über die Oper bis zum breiten Spektrum des Repertoires, das er in stets faszinierenden Aufführungen dirigierte. Er war darüber hinaus ein großer Förderer künstlerischen Talents in allen Bereichen der Musik, sein Vermächtnis wird auf unterschiedlichste und ohne Zweifel beispiellose Weise weiterleben. Wir sind aufrichtig stolz darauf, dass Deutsche Grammophon seine Arbeit als Komponist und Dirigent Jahrzehnte hindurch festgehalten hat und der Nachwelt damit ein Zeugnis seiner künstlerischen Leistung überliefert, das auch für kommende Jahrhunderte seine Gültigkeit bewahrt.«

Clemens Trautmann, Präsident von Deutsche Grammophon, fügt hinzu: »Wir trauern um einen großen Komponisten und Dirigenten, der Musik stets konsequent als zeitgenössische Kunstform gelebt hat – und dadurch unsere Gegenwart weiterhin prägt. Sein unbedingter Gestaltungswille – gepaart mit genauester Kenntnis der Partituren und hochkonzentrierter Arbeit mit seinen Ensembles – hat auch seine Aufnahmen für die Deutsche Grammophon bestimmt, die noch heute so klar, neuartig und wegweisend erscheinen wie schon zum Zeitpunkt ihrer Entstehung. Sie haben unseren Katalog mehr als 40 Jahre bereichert und insbesondere das Verständnis von Strawinsky und Bartók für ganze Hörergenerationen revolutioniert. Boulez hat durch Reduktion auf das Wesentliche die Art und Weise verändert, in der wir große Musik hören und Repertoire der Avantgarde entdecken. Für die intensive Zusammenarbeit sind wir dankbar und empfinden es als Privileg, dass die Deutsche Grammophon zur Wahrung seines künstlerischen Vermächtnisses beitragen darf.«

Als Boulez im April 2012 in die »Hall of Fame« der Fachzeitschrift Gramophone aufgenommen wurde, schrieb Pierre-Laurent Aimard eine Würdigung des Menschen Boulez und seiner Kunst, in der er dessen größte Qualitäten aufzählte: »Seine Klarheit (erzielt durch das Weglassen alles Überflüssigen), seine Kunstfertigkeit (die großen Respekt für die Partitur mit völliger Freiheit verbindet), sein geniales Organisationstalent. Vor allem aber seine seltsam erlesene Originalität, sein poetisches Anderssein. Sein Dirigieren, ganz konzentriert auf das Wesentliche, ist die Ökonomie schlechthin und das Ausblenden des Ego im Streben nach seinem höchsten Ziel: der Musik zu dienen.«