»Fagiolis technische Fähigkeiten stehen außer Frage, er bewältigt mit Bravour auch die schwierigsten Koloraturen … und wann immer man sich eine etwas andere Stimmfärbung wünscht, er bietet sie.«

Opera Now, in der Rezension von Rossini, Januar 2017

Franco Fagioli – Biografie

Für einen Ausnahmekünstler wie Franco Fagioli sind die ungemein schwierigen Arien in der Barockoper und der frühen Belcanto-Oper kaum eine Herausforderung. Fagioli verfügt über das notwendige Zusammenspiel von technischer Beweglichkeit, Vielfalt des Tons und Stimmumfang, um in Werken zu triumphieren, die viele andere Countertenöre vor Probleme stellen. Die erstaunlichen Fähigkeiten des argentinischen Sängers werden weltweit von Kritikern gerühmt und ziehen scharenweise Zuhörer an, die diesen Künstler erleben wollen, der die spektakulären Läufe, Sprünge und Verzierungen selbst der schwierigsten Bravourstücke bewältigt. Als einer der besten Sänger unserer Zeit hat er im Laufe der letzten zehn Jahre mit den angesehensten Dirigenten gearbeitet, wie beispielsweise Nikolaus Harnoncourt, René Jacobs, Marc Minkowski, Riccardo Muti, Christophe Rousset, Riccardo Minasi, Emmanuelle Haïm, Diego Fagiolis und George Petrou. Er tritt zudem regelmäßig mit den Ensembles Il pomo d’oro und Armonia Atenea auf.

Im Juli 2015 wurde Fagioli als erster Countertenor überhaupt von Deutsche Grammophon unter Vertrag genommen. Bereits zwei Monate später wurde Glucks Orfeo ed Euridice veröffentlicht (»[Fagiolis] Darbietung ist voller Schönheit und Dramatik«, The Times), im September 2016 folgte seine erste Soloaufnahme für DG. Dieses Album mit Rossini-Arien, das in Zusammenarbeit mit Armonia Atenea und George Petrou entstand, erhielt ebenfalls allgemeinen Beifall der Kritik. Gramophone beispielsweise rühmte die »außergewöhnliche figurative Beweglichkeit« des Sängers. Ein neues Album mit Opernarien von Händel erscheint im Januar 2018.

Franco Fagioli wurde im nordargentinischen San Miguel de Tucumán geboren. Er erhielt Klavierunterricht am Musikinstitut von Tucumán und studierte dann Gesang, zunächst in seiner Heimatstadt und später am Instituto Superior de Arte, dem Ausbildungszentrum des Teatro Colón in Buenos Aires. Den Durchbruch erzielte der schon beeindruckend ausgereifte junge Interpret, als er im Oktober 2003 den 10. Internationalen Gesangswettbewerb »Neue Stimmen« der Bertelsmann-Stiftung gewann.

Schon bald bewies Fagioli sein ungewöhnliches Talent mit einer Reihe von wichtigen Operndebüts: 2005 sang er mit großem Erfolg die Titelpartie in Händels Giulio Cesare am Opernhaus Zürich. Er hat diese Rolle seither in Produktionen in der ganzen Welt verkörpert. 2007 trat er unter Riccardo Muti erstmals bei den Salzburger Pfingstfestspielen auf und wurde dort begeistert empfangen, als er 2014 mit einem Programm virtuoser Arien zurückkehrte, die Rossini und Meyerbeer für Giambattista Velluti, den letzten großen Kastraten, geschrieben hatten. Bei seiner erneuten Rückkehr im Mai 2016 verkörperte er Romeo in Nicola Antonio Zingarellis Giulietta e Romeo. Fagioli gab sein USA-Debüt Anfang 2010 mit einer triumphalen Interpretation der Titelrolle von Cavallis Giasone am Chicago Opera Theater. 2011 erhielt er als erster Countertenor in 30 Jahren die höchste musikalische Auszeichnung Italiens, den Premio Abbiati.

Händel

Franco Fagioli hat sich einen Namen als einer der besten Händel-Sänger unserer Zeit gemacht. Über seine erfolgreichen ersten Auftritte als Giulio Cesare hinaus erhielt er begeisterte Kritiken für seine Interpretation des Ariodante 2010 bei den Händel-Festspielen Karlsruhe, wo er seither mehrmals auftrat. 2014 und 2015 glänzte er dort in der Titelrolle von Händels Riccardo Primo. Er verkörperte zudem Händelrollen wie Poro bei den Händel-Festspielen Halle, Teseo an der Staatsoper Stuttgart und Bertarido in Rodelinda beim Festival della Valle d’Itria 2010 in Martina Franca. Dieser Auftritt als Bertarido war der Auftakt zu einer fruchtbaren Partnerschaft mit dem Dirigenten Diego Fasolis und veranlasste die italienische Fachzeitschrift L’Opera, Fagioli zum »Sänger des Jahres« zu wählen. Fagiolis Vielseitigkeit und Virtuosität kamen 2012 erneut zur Geltung bei seinem Debüt bei den Salzburger Sommerfestspielen, wo er in der schwierigen Rolle des Andronico in Händels Tamerlano die üppigen tieferen Register seiner Stimme zeigte.

2016 trat er erstmals bei den Festspielen in Aix-en-Provence auf, wo er die Partie des Piacere in einer szenischen Produktion von Il trionfo del tempo e del disinganno sang, die Anfang 2017 an der Opéra de Lille und am Théâtre de Caen wiederaufgenommen wurde. Im Sommer dieses Jahres war er wiederum als Giulio Cesare am Teatro Colón zu hören, und im September gab er sein erfolreiches Debüt an der Mailänder Scala in der ersten Produktion von Tamerlano an diesem Haus überhaupt (»Franco Fagiolis üppiger, virtuoser Countertenor ist perfekt für den leidgeprüften Andronico«, Financial Times).

Mozart

Fagioli verkörperte im April 2014 Sesto in Mozarts La clemenza di Tito an der Opéra national de Lorraine in Nancy und im November des Jahres gab er sein Debüt am Royal Opera House, Covent Garden als Idamante in Idomeneo. In der Saison 2015/16 trat er in konzertanten Aufführungen von Lucio Silla an der Philharmonie de Paris und am Theater an der Wien auf, und im Juli 2017 sang er in seiner Heimatstadt San Miguel de Tucumán erneut die Partie des Sesto.

Kastraten-Rollen

Die Partie des Arsace in Aureliano in Palmira wurde für Giambattista Velluti geschrieben. Es war Fagiolis erste Rossini-Rolle und mit ihr eroberte er 2011 das Festival della Valle d’Itria. Im Herbst 2012 verblüffte er das Publikum ebenso wie die Kritiker mit seinen Auftritten in Nancy als Arbace in Vincis Artaserse, eine Rolle, die für Sopran-Kastraten geschrieben wurde und die er anschließend an mehreren bedeutenden Häusern in Europa sang, unter anderem in Versailles (nachdem er sie zuvor schon auf CD und DVD aufgenommen hatte). Im Jahr darauf faszinierte er die Musikwelt mit dem Album Arias for Caffarelli (»... die Leichtigkeit und geradezu übermenschliche stimmliche Beweglichkeit, mit der er einige der großen Bravournummern bewältigt, ist einfach atemberaubend«, kommentierte The Guardian). Ebenfalls für den italienischen Starkastraten Caffarelli geschrieben wurde die Rolle des Farnaspe in Pergolesis Adriano in Siria. Fagioli sang sie in einer konzertanten Aufführung in Versailles im Dezember 2015 und am Theater an der Wien im Dezember 2016. Drei Monate zuvor hatte er sein erfolgreiches Debüt an der Pariser Opéra in der Titelrolle von Cavallis rekonstruierter Oper Eliogabalo gegeben.

Und noch mehr . . .

In den letzten Jahren hat Fagioli bei einer Reihe von Opern-Gesamtaufnahmen mitgewirkt, so bei den Welt-Ersteinspielungen von Caldaras La concordia de’ pianeti (als Apollo) für Archiv Produktion, Hasses Siroe (als Medarse) und Vincis Catone in Utica (als Cesare) für Decca. Das letztgenannte Werk präsentierte er auch auf Tournee mit Riccardo Minasi und Il pomo d’oro in Wiesbaden und Versailles in der Spielzeit 2014/15. Die Produktion wurde beim Festival in Bukarest und am Theater an der Wien im September 2015 wiederaufgenommen. Die Decca-Aufnahme von Adriano in Siria, in der Fagioli wiederum die Rolle des Farnaspe singt, erschien im November 2016.

Jüngste und kommende Höhepunkte

In der vergangenen Spielzeit gab Fagioli im Anschluss an die Veröffentlichung seines neuesten DG-Albums Recitals mit Arien von Rossini in Paris, Zürich und Moskau. Im Mai 2017 kehrte er an die Opéra national de Lorraine zurück, wo er erstmals die Rolle des Arsace in Rossinis Semiramide sang. Im September gab er, wie oben erwähnt, sein Debüt an der Mailänder Scala, und im Oktober sang er erneut die Titelrolle von Eliogabalo, diesmal für die niederländische Nationale Opera. Zu den künftigen Höhepunkten zählen eine konzertante Aufführung von Serse in Versailles; Recitals mit Arien von Händel in Portugal, der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Belgien und Spanien; Pergolesis Stabat mater in Deutschland, Frankreich und Ungarn; sowie eine Bühnenproduktion von Lucio Silla in Karlsruhe im Juli 2018.

10/2017