Eine Reise über vier Jahrzehnte
Maurizio Pollini vollendet seinen Zyklus der Beethoven-Sonaten
Ein bemerkenswertes Vermächtnis auf dem gelben Label des am längsten für Deutsche Grammophon tätigen Exklusivkünstlers

Fast vierzig Jahre sind vergangen, seit Maurizio Pollini seine ersten Studioaufnahmen von Beethovens Sonaten machte. Seine Interpretationen der Klavierwerke opp. 109 und 110 für Deutsche Grammophon standen am Anfang einer außergewöhnlichen künstlerischen Reise. Am 17. November endet sie. Mit der Veröffentlichung der Sonaten opp. 31 und 49 finalisiert der große italienische Pianist seinen Beethoven-Zyklus. Zweifellos wird das Album, das 2013-14 im Münchner Herkulessaal entstand, im Pantheon der wichtigsten Klavieraufnahmen seinen Platz finden. Es findet sich auch in einer acht CDs umfassenden Edition, die Pollinis Gesamtzyklus der 32 Klaviersonaten von Beethoven enthält.

Auf dem gelben Label ist dies der erste Gesamtzyklus der Klaviersonaten des Komponisten seit Daniel Barenboims Einspielung in den 1980er-Jahren. Neben Wilhelm Kempffs legendären Monoaufnahmen aus den 1950er-Jahren und deren Nachfolgern in Stereo im folgenden Jahrzehnt wird er im Katalog der Deutschen Grammophon einen wichtigen Platz einnehmen. Ebenbürtig steht er zudem neben dem legendären Beethoven-Zyklus, den Emil Gilels für Deutsche Grammophon aufnahm und der durch den plötzlichen Tod des sowjetischen Pianisten 1985 unvollständig blieb. 

Die Zeit spielte eine entscheidende Rolle in der Entwicklung von Pollinis Beethoven. »Die Interpretation aller Werke, die ich spiele, entwickelt sich im Laufe der Zeit«, stellte er fest. »Sonst gäbe es keine Erneuerung. Jedes Mal, wenn wir ein Musikstück vor uns haben, gibt es eine kleine Veränderung. Das Leben selbst schafft diese Veränderung.«

Maurizio Pollini, bekannt als großer Aristokrat der Klavierwelt, wurde 1960 als Sieger des Warschauer Chopin-Wettbewerbs international berühmt. Aufsehen erregte er, als er sich nach seinen ersten Erfolgen für anderthalb Jahre aus dem Konzertleben zurückzog, um sich ganz auf die Verfeinerung seiner Technik und die Erweiterung seines Repertoires zu konzentrieren. Erst allmählich kehrte er in den Konzertsaal zurück und 1971 unterzeichnete er einen Exklusivvertrag mit Deutsche Grammophon. Die Suche des Pianisten nach Perfektion und intellektueller Klarheit und auch sein Bestreben, zur Spiritualität der Musik vorzudringen, trugen zur Entwicklung seines umfassenden Künstlertums bei.

Beethoven ist seit mehr als 50 Jahren ein Fokus in Pollinis Musikerleben. Seine Interpretationen von Beethovens Werken gründen sich auf eingehendem Studium, profitieren aber auch von seiner starken Auseinandersetzung mit dem Werk zeitgenössischer Komponisten, wie Pierre Boulez. Sie zeichnen sich aus durch Pollinis festen Willen, weit unter der Oberfläche ernster Musik nach noch tieferer Bedeutung zu suchen. In den 40 Jahren seit Beginn seines Sonaten-Zyklus haben Pollinis Interpretationen an Reife, Kraft und Klarheit gewonnen. Die Gesamtaufnahme gibt Einblick in diese außergewöhnliche künstlerische Entwicklung – und auch in die Unerschöpflichkeit von Beethovens Vorstellungskraft.

Im Konzertsaal hat Maurizio Pollini die Beethoven-Sonaten viele Male gespielt, beispielsweise in Berlin, in München, in Paris, London und Wien. Mehrere dieser Aufführungen wurden im Hinblick auf eine spätere Veröffentlichung live aufgenommen. Der Pianist entschied jedoch, für seine Aufnahmen bei Deutsche Grammophon fast ausschließlich Studiobedingungen gelten zu lassen. Sein Zyklus wurde im Münchner Herkulessaal und im Wiener Musikverein aufgenommen, mit Ausnahme einer Einspielung im Kultur- und Kongresszentrum Luzern.

Christopher Alder, Produzent vieler DG-Beethoven-Alben von Pollini, erinnert sich, wie der Pianist peinlich genau einem stets identischen Muster von Vorbereitung, Aufnahme und Abhören folgte: »Wie bei allen großen Künstlern ist seine Kenntnis der Werke so umfassend, dass er vermutlich nie wirklich aufhört, über die Musik nachzudenken, die er spielt. Er weiß genau, in welcher Beziehung jede einzelne Klaviersonate zu den anderen Werken steht, die Beethoven zu jener Zeit schrieb. Zu seinen Aufnahmesitzungen gehört in der Regel ein Vorbereitungstag. Am nächsten Tag spielt er zunächst das ganze Programm einmal durch. Er wiederholt diesen Prozess noch zweimal. Nachdem er sich am folgenden Tag einige kurze Passagen angehört hat, spielt er das Programm wiederum dreimal. Alles entsteht im Grunde im Augenblick der Aufführung, auch wenn er genau weiß, was er anstrebt, und intuitiv fühlt, wenn er es auch nur geringfügig verfehlt.«

Pollinis Aufnahmen der letzten fünf Klaviersonaten von Beethoven erschienen zunächst auf drei LPs. Sie wurden von der Kritik gefeiert und bei der ersten Vergabe der Gramophone Awards 1977 als »Instrumentalalbum des Jahres« ausgezeichnet. Inspiriert durch die intellektuelle Stringenz und spirituelle Intensität von Pollinis Musizieren, rühmte der Kritiker in The Gramophone die »erhabene Reinheit« seiner Interpretationen. Das Album war ein kommerzieller Erfolg. Es zählt noch heute zu den meistverkauften Titeln der Serie »The Originals«.

1988 nahm Pollini weitere Klaviersonaten von Beethoven für Deutsche Grammophon auf: opp. 31 Nr. 2, 53, 79 und 81a. Das Projekt fand 1991 seine Fortsetzung, als er signifikante Interpretationen der Sonaten opp. 27 und 28 einspielte. Sechs Jahre später folgten Live-Aufnahmen von opp. 22, 26 und 53. 

Die Klaviersonaten opp. 54, 57, 78 und 90 wurden 2002 aufgenommen. Und noch im selben Jahr fügte Pollini seinem Zyklus die Sonaten opp. 10 und 13 hinzu. Den frühen Sonaten op. 2 widmete er sich 2006 und ließ dann sechs Jahre verstreichen, bevor er die Sonaten opp. 7, 14 und 22 einspielte. Die Werke wurden jeweils zu dem Zeitpunkt aufgenommen, an dem Pollini sich bereit fühlte, seine Interpretationen auf Schallplatte zu bannen. 

Pollinis nunmehr kompletter Beethoven-Zyklus bietet die Möglichkeit, seine spezifische Beziehung zu den Klaviersonaten zu studieren. Die Einspielung dokumentiert auch die langfristige Entwicklung seiner Auffassung von einigen der größten Klavierwerke aller Zeiten – jenes nie ganz auslotbaren Ausdrucks menschlichen Seins, der alle Schaffensphasen des Komponisten umfasst.

2011 sprach Pollini mit dem Londoner Guardian über die Bedeutung der Werke seines Kernrepertoires, zu dem auch Beethovens Klaviersonaten zählen. »Es spielt keine Rolle«, erklärte er, »ob man diese Stücke dauernd spielt oder auch jahrelang überhaupt nicht – was bei mir oft vorkommt. Geistig sind sie immer präsent. Man denkt über sie nach und bezieht sich auf sie. Obwohl es mitunter eine Illusion ist, hofft man, dass man sie mit der Zeit ein wenig besser versteht. Es sind dauerhafte Beziehungen; sie bestehen, solange man Klavier spielt.«


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