Ein Stück für eine Nacht – Max Richter veröffentlicht sein achtstündiges Werk SLEEP

Einer der führenden britischen Komponisten der Gegenwart hat das wohl längste je aufgenommene einteilige klassische Musikstück geschrieben. SLEEP dauert acht Stunden – und soll wirklich und wahrhaftig den Zuhörer zum Einschlafen bringen. 

»Es ist ein achtstündiges Wiegenlied«, erklärt sein Komponist Max Richter.

Richter hat das bahnbrechende Werk für Klavier, Streicher, Elektronik und Gesangsstimme geschrieben – aber ohne Text. »Es ist mein persönliches Wiegenlied für eine hektische Welt«, erklärt er, »ein Manifest für eine langsamere Gangart des Lebens.«

Die Uraufführung von SLEEP wird im September in Berlin stattfinden – von Mitternacht bis acht Uhr morgens. Und die Zuhörer erhalten ein Bett statt Sitzplatz und Programm. Am 4. September erscheinen bei Deutsche Grammophon die achtstündige Fassung als digitales Album und zudem eine einstündige Version – from SLEEP – als CD, Vinyl, Download und Streaming. 

»Man könnte sagen, dass dem kürzeren Stück aufmerksam zugehört werden soll, das große Werk dagegen dazu bestimmt ist, beim Schlafen gehört zu werden«, so Richter, der die einstündige Version als »eine Reihe von Fenstern zu dem großen Stück« beschreibt.

Richter erhielt erst kürzlich großen Beifall am Royal Opera House in London für seine »außerordentlich atmosphärische Musik« (The Guardian) zu Wayne McGregors Ballett Woolf Works. Gleichermaßen beeinflusst von Post-Rock, klassischer Musik und der elektronischen Avantgarde hat Richter fünf Soloalben komponiert und veröffentlicht sowie eine »Neu-Komposition« von Vivaldis Vier Jahreszeiten geschaffen, die zum Bestseller wurde.

Richter erwartet nicht, dass irgendjemand sich SLEEP vollständig anhört, obwohl einige es vermutlich tun werden. »Eigentlich ist es ein Experiment, um zu verstehen, wie wir Musik in verschiedenen Bewusstseinszuständen erleben.« Die Idee zu dem Werk sei durch ein altes Interesse entstanden: »Schlafen zählt zu den wichtigsten Dingen, die wir tun«, erläutert er. »Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir im Schlaf. Für mich ist der Schlaf etwas Wunderbares, und das ist er für mich seit meiner Kindheit.«

Während der Komposition befragte Richter den angesehenen amerikanischen Neurowissenschaftler David Eagleman, um mehr über die Gehirnfunktionen beim Schlafen zu erfahren. »Durch SLEEP will ich herauszufinden, wie das Gehirn Lebensraum für die Musik sein kann, wenn unser Bewusstsein Urlaub hat.« 

In der Welt der Kunst gibt es zurzeit ein erneutes Interesse an langen Werken. »In der Musik ist das nichts Neues«, sagt Richter. »Das gab es schon bei Cage, Terry Riley und LaMonte Young. Dass es jetzt wiederkommt, ist unter anderem eine Reaktion auf die Beschleunigung unseres Lebens – wir alle brauchen einen Knopf zum Abschalten.«

Und er fügt hinzu: »Die Konventionen der Aufführung klassischer Musik haben mich schon immer interessiert, unsere strengen Regeln, die diktieren, wie und welche Musik uns gefallen darf. Während Kompliziertheit und Unzugänglichkeit in der Musik mit Intelligenz und Avantgarde gleichgesetzt wurden, kam uns im Europa des 20. Jahrhunderts etwas abhanden. Die Moderne schenkte uns so viele packende Werke, aber zugleich haben wir unsere Wiegenlieder verloren. Wir haben das gemeinsame Hörerlebnis verloren. Das Publikum wurde kleiner. Alle meine Werke aus den letzten Jahren haben sich diesen Fragen gewidmet, auch SLEEP. Es ist ein überlegtes politisches Statement.«


Coming soon

MAX RICHTER
SLEEP
and from SLEEP

Max Richter (Piano, Organ, Synthesizers, Electronics)
American Contemporary Music Ensemble (ACME)
Grace Davidson



Share