Daniil Trifonov - Biografie

Kurz bevor Daniil Trifonov zu spielen beginnt, herrscht eine besondere Stille im Publikum. Aus ihr heraus kommt ein Spiel, wie man es nur selten hört, überragend und von tiefer Einsicht. »Was er mit seinen Händen macht, ist technisch unglaublich«, bemerkte ein Kommentator kurz nach Trifonovs Triumph im Finale des Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerbs in Moskau 2011. »Hinzu kommt sein Anschlag – er hat Zartheit und auch das dämonische Element. Ich habe so etwas noch nie gehört.« Diese Äußerung stammt nicht von einem professionellen Kritiker, sondern von einer der größten Pianistinnen der Welt, Martha Argerich. Sie stellte fest, ihr junger Kollege verfüge über »alles und noch mehr«, und diese Ansicht wurde seither durch eine Fülle begeisterter Rezensionen, Ovationen des Publikums und internationaler Preise bekräftigt. Im Juli 2015 erklärte der Kritiker der Londoner Times »[Trifonov] ist fraglos der erstaunlichste Pianist unserer Zeit«.

Trifonovs Klavierspiel zeugt mit seiner Mischung aus Kraft und Poesie von einer einzigartigen Begabung. Seine brillante Erfindungskraft und Originalität zeigen sich auch in seinem wachsenden Ansehen als Komponist, das im April 2014 einen neuen Höhepunkt erreichte, als er bei der Uraufführung seines Ersten Klavierkonzerts am Cleveland Institute of Music den unerhört schwierigen Solopart spielte.

Im Februar 2013 gab Deutsche Grammophon den Abschluss eines Exklusivvertrags mit Daniil Trifonov bekannt. Sein erstes Recital für das Gelblabel ist eine Live-Aufnahme aus der Carnegie Hall: Liszts gewaltige Sonate in h-moll, Skrjabins Sonate-Fantaisie und Chopins 24 Préludes op. 28. Das Album wurde 2015 für einen Grammy in der Kategorie »Bestes klassisches Instrumentalsolo« nominiert und sicherte Trifonov den ECHO Klassik-Preis 2014 als »Nachwuchskünstler des Jahres (Klavier)«. Sein zweites Album für DG mit Werken von Rachmaninow erschien im August 2015. Neben Trifonovs bezwingender Interpretation der Variationen über ein Thema von Paganini, begleitet vom Philadelphia Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin, sind die Variationen über ein Thema von Chopin und die Variationen über ein Thema von Corelli zu hören. Hinzu kommt Trifonovs eigene Rachmaniana, ein Bravourstück für Soloklavier.

Seit er den Tschaikowsky-Wettbewerb gewann, hat Trifonov als Konzertsolist und mit Recitals die ganze Welt bereist. Er ist mit vielen der weltbesten Orchester und Dirigenten in zahlreichen renommierten Konzertsälen und bei angesehenen Festivals aufgetreten. Seine Aufführung von Prokofjews Klavierkonzerten Nr. 1 und Nr. 3 mit dem London Symphony Orchestra und Valery Gergiev war einer der Höhepunkte bei den BBC Proms 2015. »Trifonov zeigte schwindelerregende Fingerfertigkeit im Ersten Konzert und eine absolut betörende Eleganz im Dritten ... beeindruckendes Klavierspiel«, urteilte The Guardian und classicalsource.com rühmte sein »packendes, äußerst faszinierendes Spiel«.

Trifonovs Saison 2015/16 hält eine Reihe bedeutender Konzerte bereit. So gibt er erstmals ein Recital in der Walt Disney Hall in Los Angeles und unternimmt eine ausgedehnte Recital-Tournee durch Europa mit Auftritten in Wien, Berlin, Genf, Paris, Rom, Lissabon, Barcelona und Amsterdam. Weitere Höhepunkte sind sein Debüt bei den Abonnementskonzerten des Philadelphia Orchestra; ein vier Konzerte umfassendes Gastspiel an der Wigmore Hall; eine große Nordamerika-Tournee mit dem Montreal Symphony Orchestra; Auftritte mit dem San Francisco Symphony Orchestra unter Michael Tilson Thomas und den Münchner Philharmonikern unter Valery Gergiev; eine Asien-Tournee mit der Tschechischen Philharmonie und zehn Konzerte auf einer Europa-Tournee mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra.

Daniil Trifonov kam am 5. März 1991 in Nischni Nowgorod zur Welt, seine Eltern waren beide Berufsmusiker. »Mit fünf Jahren hatte ich ersten Klavierunterricht, ich komponierte auch und gab auch ständig Konzerte«, berichtet er. Als Achtjähriger trat er erstmals mit Orchester auf – ein Ereignis, das für ihn unvergesslich bleibt, weil er mitten im Konzert einen Milchzahn verlor. Als Student an der berühmten Gnessin-Musikschule in Moskau lieh er bei seiner Lehrerin Tatiana Zelikman historische Aufnahmen großer Pianisten aus und zog bleibende Lehren aus den Einspielungen von Rachmaninow, Cortot, Horowitz, Friedman, Sofronizki und anderen Vertretern eines goldenen Zeitalters des Klaviers. »Zu den heutigen Pianisten, die mich inspirieren, zählen Martha Argerich, Grigory Sokolov und Radu Lupu«, fügt er hinzu.

2008 gewann der 17-Jährige den fünften Preis beim Vierten Internationen Skrjabin-Wettbewerb in Moskau. Im Jahr darauf begann er auf Tatiana Zelikmans Empfehlung ein Klavierstudium bei Sergei Babayan am Cleveland Institute of Music, wo er auch Kom­positionsunterricht erhielt. 2011 gewann Trifonov den 13. Internationalen Rubinstein-Klavierwettbewerb in Tel Aviv, dann sicherte er sich den ersten Preis und den Grand Prix beim 14. Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Er gewann dort zudem den Publikumspreis und den Preis für die beste Aufführung eines Mozart-Konzerts. Die Financial Times sprach später vom unaufhaltsamen Fortgang seiner Laufbahn und rühmte seine grenzenlose Vorstellungskraft: »Was Trifonov zu einem solchen Phänomen macht, ist das ekstatische Moment in seinen Aufführungen – eine alles durchdringende Intensität selbstverständlicher Bühnenpräsenz, die seine Auftritte mitreißend, faszinierend und inspirierend macht. Kein Wunder, dass alle westlichen Hauptstädte ihm zu Füßen liegen.«

9/2015