Die Einheit des in sich Verschiedenen

Eine Art »religious week« nennt Pierre-Laurent Aimard seine Arbeit an Ravels Klavierkonzerten mit Pierre Boulez und dem Cleveland Orchestra. Der Komponist und Dirigent ist für ihn der »Mount Everest« der heutigen Musik, und so war es für ihn wörtlich »ein Traum«, diese Ravel-Aufnahme zu realisieren.

»Wahrscheinlich gab Ravel sein Bestes als Schöpfer in den goldenen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg«, so Aimard, »und dann lebte er die verschiedenen Neo-Richtungen auf seine Art und Weise aus, aber er blieb in seinem Handwerk und seiner Seele als Künstler er selbst.« Für den Pianisten sind die wesentlichen Merkmale Ravels ein französischer Grundton, eine fast analytische Feinheit, akustische Sinnlichkeit, formelle Perfektion sowie Diskretion und Eleganz. »Und es ist interessant zu beobachten, wie sparsam Ravel komponiert hat. Die extreme Art seiner Komposition ist aber auch verbunden mit seinem Wunsch, jedes Werk zu einem einzigartigen kompositorischen Projekt zu machen. Dazu nahm er unterschiedliche Ästhetiken und Richtungen als Inspiration.«

Die Klavierkonzerte Ravels sind für Aimard in ihrer völligen Verschieden­heit ein echtes Paar. Als Ravels nahezu letzte Werke vor seinem Tod sind sie auch seine letzte Botschaft. Durch ihre gleichzeitige Entstehung in den Jahren 1929 bis 1931 miteinander verwoben, werden sie zum Januskopf und damit zur Chiffre von Ravels Wesen und Kunst an sich: jener von Paul Valéry an dem Ravel so verwandten Dichter Mallarmé erkannten Dialektik von Kalkül und Zufall. Sie sind also Inbegriff jenes Moments, in dem kindliches Spiel in tödlichen Ernst umschlägt, ein Moment, das Mallarmé und Ravel so tief verbindet. Das G-dur-Konzert ist für Aimard »ein leichtes Stück ohne Sorge, mit Jazz, ein bisschen Eleganz, ein bisschen baskischer Folkore, mit pianistischer Brillanz . . .«. Und Boulez bezeichnet es als »eine außergewöhnliche Kombination ganz verschiedener Zielrichtungen.«
Ganz im Gegensatz zum Geschwisterwerk: »Hier überwiegt das Dramatische, alles ist Spannung«, so Boulez, »und wenn Ravel sich beispielsweise der Jazz-Rhythmen bedient, schlägt das um in eine erstaunliche Radikalität. Wie man in dem Konzert für beide Hände den Divertimento-Charakter hervorheben kann, so sollte man im Konzert für die linke Hand das dramatische Moment deutlich machen.« Das Konzert wurde für den kriegsver­wundeten einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein geschrieben und bleibt somit immer auch Monument der Tragödie des Ersten Weltkriegs. Wobei die einsame linke Hand laut Aimard »klingen muss wie zwei Hände – die große Herausforderung ist diese Illusion, ein Spiel mit den Grenzen einer einzigen Hand«. Er orientiert seine Deutung tatsächlich am Begriff »tragisch«, versteht die Tragik jedoch nicht nur rückbezogen, sondern vielmehr als Vision kommenden Unheils, als ein Stück »Vor-Angst vor einer dunkleren Zukunft«.

Eine solche Deutung erklärt sich nicht zuletzt aus Aimards Verhältnis zu Ravel überhaupt. So war sein Ansatz nie »historisch«. Er habe, wie er sagt, Ravel mit Yvonne Loriod studiert, die eine hochdifferenzierte »akustische Sinnlichkeit« mit der Öffnung ins Neue verband. Und so ist Ravel für Aimard »ein Komponist, der nach, wenn nicht sogar gegen den Impressionismus komponiert hat. In den Miroirs, vielleicht bei ›Une barque sur l’océan‹, zeichnet sich ein sehr stürmischer, späterer Impressionismus ab. Die Art von unfassbarer Textur in ›Noctuelles‹ ist eher sehr modern als impressionistisch. ›Oiseaux tristes‹ ist eine wunderbare Schöpfung mit akustisch transformierten, sehr realistischen Vogelimitationen und ansonsten sehr suggestiven Harmonien. ›Alborada‹ ist sehr ›pointe sèche‹, und ›La vallée des cloches‹ ist eine endlose Melodie, die sich in akustischen Phänomenen verschwendet. Wir haben also fünf sehr unterschiedliche, klar definierte Miroirs.«

Aimards und Boulez’ exemplarisch individueller Zugriff auf einen immer noch geheimnisvollen Meister wie Ravel ermöglicht gar eine Revision unserer Hörgewohnheiten – wenn es uns gelingt, wie Boulez sagt, »die Vielzahl der stilistischen Komponenten zu einem Stil zu binden, sie nicht einfach nacheinander erscheinen zu lassen. Für Pierre-Laurent, denke ich, und für mich besteht hier Interpretation darin, die Einheit des in sich total Verschiedenen zu manifestieren.«

Georg-Albrecht Eckle
6/2010