Rafal Blechacz | Debussy_Szymanowski

Triumph der Empfindsamkeit

Erinnern wir uns: Es war ein unwirtlicher Hamburger Herbstabend im Jahr 1984, da stand die Welt auf einmal still. Zumindest in der Musikhalle, wie sie damals noch hieß. Niemand wagte zu atmen – in diesem Augenblick, in dem die Welt abhandengekommen zu sein schien, staunend starrte ein ganzer Saal auf das, was vorn auf der Bühne geschah. Dabei war es doch nur Musik. Musik von Claude Debussy, das zweite Buch der Préludes, und der, der sie spielte, spielte sie so göttlich, dass man gar nicht anders konnte, als in arkadischen Gefilden zu schweben.

Ein Wunder war es, wie es selten geschieht, und doch auch keines. Denn der Pianist, der weiland die Welt anhielt, war von göttlicher Statur: Arturo Benedetti Michelangeli, ein Meister der Magie. Stets glich sein Erscheinen auf den Podien einer Epiphanie, vor allem dann, wenn er Chopin oder Debussy spielte. Das war eben doch mehr als Musik. Es war Seelenzauber.

Nur zu verständlich also, dass die Augen von Rafał Blechacz zu leuchten beginnen, wenn er über den großen Künstler spricht, der neben Alfred Cortot und Walter Gieseking unter anderen zu seinen Lieblingspianisten zählt. Für den polnischen Künstler bleibt die Darbietung von Michelangeli eine Inspiration. Es findet seinen Ausdruck besonders in Bezug auf die Klavierwerke von Debussy. Blechacz geht es nicht nur um die Transparenz und Erhabenheit, die in der Deutung von Estampes präsent sind, sondern auch um die pianistische Brillanz in Pour le piano und die schillernden Farben von L‘Isle joyeuse. Derart durchlässig und zugleich virtuos haben bislang nur wenige Pianisten Debussys Klangsprache übersetzt.

Der junge polnische Pianist findet die schier unaufhörliche musikologische Debatte, ob das Œuvre von Claude Debussy nun dem Impressionismus zuzurechnen sei oder nicht, im Grunde unwesentlich. Für ihn ist Debussy entschieden ein Impressionist. Aber eben einer, der seine strukturellen Tugenden der Klassik entnommen und sie weiterentwickelt hat. Debussy also ist ein Komponist, der die Errungenschaften eines Mozart, Beethoven und Chopin anerkennt, sie aber in eine Sprache der Moderne in der Musik zu übertragen weiß. Er ist der König der Farben, sagt Rafał Blechacz.

Bleibt man diesem Bild treu, so wäre es wohl nicht vermessen, Karol Szymanowski als den König der existenzialistischen Poesie zu bezeichnen. Wie kein Zweiter (seinen Landsmann Frédéric Chopin einmal ausgenommen) vermochte es Szymanowski, mit seiner Musik direkt ins Herz zu zielen. Er wollte es so. Und kein Zweifel kann daran bestehen, dass man recht hat, wenn man ihn als einen Expressionisten charakterisiert. Szymanowskis Klangsprache ist erfüllt von Emotion, Intuition, Inspiration, von Esprit, Wollust und Sehnsucht. Und genau das war es, was Rafał Blechacz berührte, als er, beinahe noch ein Kind, erstmals Musik dieses Komponisten hörte. Jerzy Godziszewski, ein Professor von der Hochschule in Bydgoszcz, an der auch Rafał Blechacz studieren sollte, spielte damals einige Stücke Szymanowskis, darunter die Metopen und die Masken, Stücke voller Emphase und Klangsinn, die entfernt an den Mystizismus eines Skrjabin erinnern, aber doch einen ganz eigenwilligen Ton anschlagen. Auf der Stelle stand der junge Rafał in Flammen und brachte sich diese Musik näher (wenn auch mit einem Umweg über die Variationen op. 3).

Blechacz empfindet eine ungeheure Affinität zu Szymanowski, insbesondere zu einem kolossalen Opus wie der frühen c-moll-Sonate, die, wenn man so will, eine Weiterführung von Beethovens Ideal einer freien – und durch eine Fuge gekrönten – Sonatenform mit expressionistischen Mitteln darstellt. Ein Kraftwerk der Gefühle ist diese Sonate auch und gerade deswegen: weil die monumentale Struktur sich vereint mit einem Klangspektrum, das von der Klassik bis zu Skrjabin reicht.

Rafał Blechacz spielt das mit einer Noblesse und Souveränität, die fast irritiert angesichts seines Alters. Andererseits spürt man eben auch, wie sehr die ausgiebige Beschäftigung mit Bach und der Wiener Klassik seinen Klang- und Formsinn geschult hat. Scheinbar Widersprüchliches ist hier vereint: jugendlicher Sturmdrang und höchste poetische Sensitivität. Man möchte meinen, es sei dies ein Widerspruch par excellence. Aber das ist nur bei oberflächlicher Betrachtung der Fall. Wie lehrt uns schon die Physik: Gegensätze ziehen sich an. Vor allem dann, wenn beide mit enormer Energie ausgestattet sind.

Jürgen Otten
11/2011