Highlights der Zigeunermusik
Die Künstlerin im Gespräch mit George Hall

George Hall: Welche Idee steckt hinter diesem Album?

Elīna Garanča: Da gab es mehrere. Zunächst ging es mir natürlich um das Zigeuner-Thema, ich liebe aber auch die spanische Zarzuela, tatsächlich alles an Spanien – das ganze spanische Temperament, die Art, wie die Spanier denken, wie sie leben. Seit ich den Film Carmen mit Julia Migenes und Plácido Domingo zum ersten Mal sah, hat mich das alles fasziniert. Ich muss damals acht Jahre alt gewesen sein. Dieses Album ist eine kleine Hommage an Spanien und an das spanische Temperament.

GH: Die Rolle der Carmen ist die wohl berühmteste Verkörperung Spaniens in der gesamten Musikgeschichte. In der letzten Zeit haben Sie sie häufig gesungen – wie gestalten Sie die Figur?

EG: Das lässt sich nicht genau sagen, denn jeder Regisseur betont unterschiedliche Aspekte dieser Figur. Da muss man flexibel sein – mal geht es mehr um Sex und Gewalt, mal um Freiheit und Verzweiflung oder Schicksal und Lebenslust. Für mich ist Carmen vor allem eine freiheitsliebende Frau, die nur von einem Tag zum anderen lebt. Beim Zuschauer sollte sie ein ganzes Kaleidoskop von Stimmungen auslösen: Man soll sie lieben, sie hassen, sie bemitleiden; man soll mit ihr lachen und sich wünschen, sie wie ein kleines Kind in den Arm nehmen und ihr sagen zu können: »Morgen ist alles wieder gut.«

GH: . . . und die Soli der Carmen unterscheiden sich stark voneinander.

EG: Ja, und die Unterschiede entstehen mit der Stimmfärbung – man muss sinnlich klingen, brillant oder sehr düster. Bei der »Seguidilla« ist der Part des Don José unerlässlich, man braucht einen Kollegen, der auf das eigene Spiel eingeht und es beantwortet. Wie sinnlich die Carmen erscheint, hängt oft davon ab, wie die anderen Darsteller auf der Bühne auf sie reagieren.

GH: Nur wenige wissen, dass es zwei Fassungen der berühmten »Habanera« gibt. Sie haben beide für dieses Album aufgenommen.

EG: Ich liebe diese frühe Arie, die Bizet später durch eine andere ersetzte – ein wunderbares Stück! Die Möglichkeit, beide dieser sehr unterschiedlichen Habaneras hören zu können, fand ich sehr interessant. Es wäre sicher faszinierend, fast schon schockierend, in einer Inszenierung einmal die erste Fassung zu bringen.

GH: Carmen ist natürlich eine der größten und wahrscheinlich die berühm-teste aller Opern. Aber lassen Sie uns ein bisschen über die Zarzuela sprechen. Viele Leute außerhalb Spaniens wissen nur wenig über diese Form des Musiktheaters.

EG: Zarzuela ist die spanische Form der Operette. Sie wird häufig unterschätzt, doch es gehört schon einiges dazu, eine Zarzuela wirklich gut aufzuführen – das ist auch bei der deutschen Operette so. Denn entgegen der landläufigen Meinung ist die Zarzuela eine ernsthafte Gattung, die meiner Meinung nach stark vom Flamenco geprägt ist. Zarzuela spricht Menschen jeder Nationalität an, jedes Publikum in jedem Konzertsaal, in dem ich damit aufgetreten bin.

GH: Wie kamen Sie damit in Berührung?

EG: Mein Mann kommt aus Gibraltar, er ist also in unmittelbarer Nähe zu Spanien aufgewachsen. Er hat mir diese Gattung nahe gebracht und mir einige bekannte Stücke daraus gezeigt.


GH: Haben Sie ein paar Lieblings-Zarzuelas?

EG: Ich liebe El barquillero. Da gibt es zum Beispiel die Stelle, in der es heißt, »Wie kann man die Urgewalt einer verliebten Frau im Zaum halten?« – so ist das Leben, nicht wahr?
GH: Auch auf dem Gebiet des Liedes haben spanische Komponisten Unschätzbares geleistet. Ihre Auswahl, Lieder von de Falla, Montsalvatge und anderen, ist ausgesprochen schön. Haben Sie eine besondere Beziehung zu diesem Repertoire?

EG: Meine Eltern sind Musiker, also habe ich viele Lieder von Obra-dors, de Falla, Serrano und anderen spanischen Komponisten zu Hause gehört – diese phantastischen Stücke kenne ich also schon von klein auf! Ich bin José María Gallardo del Rey sehr dankbar, dass er sie mit mir aufgenommen hat. Ich liebe den Flamenco und gehe gerne in diese kleinen Tavernen, in denen man ihn tanzt. Mit Gitarrenbegleitung tritt der ganze Charakter der de Falla-Lieder noch deutlicher zu Tage.

GH: Verlassen wir Spanien für einen Moment, aber lassen Sie uns beim Zigeuner-Thema bleiben: Es hat den Anschein, als würden Sie es wirklich genießen, das Lied und den Csárdás aus Lehárs Zigeunerliebe zu singen!

EG: Aber ja, natürlich! Da ich sechs Jahre in Österreich gelebt habe, ist mir die deutsche Operette nicht ganz unbekannt. Es ist ein phantastisches Stück, das das Publikum am Ende eines Recitals regelmäßig zum Füßestampfen bringt. Es ist kein einfaches Stück; ich komme aber aus einem Land der ehemaligen Sowjetunion, und so habe ich auch einen gewissen Zugang zu den melancholischen Zügen dieses Stücks. Und ich hoffe, die Klangfarben meiner Stimme passen auch dazu.

GH: Von der Zigeunermusik eines österreich-ungarischen Komponisten zu der eines Iren: Es hat mich sehr gefreut, dass Sie die berühmte Arie der Arline aus Balfe’s Bohemian Girl auch aufgenommen haben!
EG: Das Lied hat eine so schöne Melodie! Es ist eines von diesen Stücken, die man des Abends zu Hause mit einem guten Glas Wein zusammen genießt. Wenn ich es singe, stelle ich mir vor, wie sich dieses von Zigeunern entführte Mädchen wohl fühlen muss, wie es sich an seine Kindheit in einem Schloss mit marmornen Fußböden erinnert.

GH: Einen größeren Gegensatz als den zum Stück der Old Lady aus Bernsteins Candide ist wohl kaum vorstellbar.

EG: Vielleicht bin ich noch nicht alt genug, um das zu sagen, aber Spaß ist keine Frage des Alters. Und da ich ursprünglich eigentlich Musical-Sängerin werden wollte, bevor ich meine Opernkarriere einschlug, liebe ich dieses Repertoire . . .

GH: Und es ist natürlich ein Tango!

EG: Ja, das stimmt. Ich denke, für Zigeuner sind Grenzen einfach nicht existent, und ich hoffe, das Publikum erkennt, dass es bei Komponisten und Sängern genauso ist. Ich bin absolut davon überzeugt, dass man nicht in einem bestimmten Land oder mit einem bestimmten musikalischen Repertoire aufwachsen muss, um das Temperament und das rechte Verständnis zu haben, diese Musik auch gut und richtig zu gestalten.

7/2010