Alice Sara Ott


CD 477 8095 - also available as download
International release date: January 2010

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Alice Sara Ott im Gespräch mit Michael Church

»Die Chopin-Walzer liebe ich sehr,« sagt Alice Sara Ott. »Chopins gesamtes kompositorisches Schaffen ist hier zusammengefasst; außerdem zeigen diese Walzer seine gespaltene Persönlichkeit – zwischen Polen und Frankreich hin und her gerissen war Chopin Zeit seines Lebens auf der Suche nach seiner Identität. Genauso geht es mir mit Japan und Deutschland. Nur in der Musik fühle ich mich wirklich zu Hause.«

Alice Sara Ott wurde 1988 in München als Tochter einer japanischen Mutter und eines deutschen Vaters geboren. Nachdem die Dreijährige den Wunsch bekundet hatte, Konzertpianistin werden zu wollen, tat ihre Mutter ihr Bestes, um sie von dieser aufreibenden Karriere abzuhalten und baute einen Zaun um das Klavier, damit sie nicht darauf spielen konnte. Nach einem Jahr gab sie aber nach, und Alice bekam ihren Unterricht. Czernys Etüden spielte sie nicht, sondern meisterte bald Bachs Inventionen und Sinfonien. Der Gewinn eines Wettbewerbs im Alter von fünf Jahren bestärkte sie in ihrem Vorhaben: »Ich war erstaunt und erfreut über die positive Reaktion des Publikums und entschied: Das wird mein Beruf.«

Es folgten etliche Preise, darunter der »Most Promising Artist« Award in Hamamatsu, den sie als 13jährige gewann, zwei Jahre später kam dann der erste Preis des italienischen Silvio Bengalli-Wettbewerbs dazu, den sie als jüngste Bewerberin mit der höchsten Bewertung, die je bei diesem Wettbewerb vergeben wurde, gewann. Sie beherrscht die Konzerte von Tschaikowsky und Ravel ebenso meisterlich wie die Solowerke von Beethoven und Liszt. (Ihre Interpretation von Liszts Études d’exécution transcendante kam kürzlich bei der Deutschen Grammophon heraus.)

Auf die Frage, worin für sie die eigentliche Herausforderung bei der Interpretation der Chopin-Walzer liege, bekennt sie, dem »wahren Duft, der wahren Farbe« jedes Walzers nachzuspüren. »Chopins Musik ist kein offenes Buch, Chopin stellt seine Gefühle niemals zur Schau, immer bewahrt er seine Würde. Es ist so, als würde er sich nur eine einzige Träne gestatten – doch hinter der Maske ist er tieftraurig. Nach außen hin ist er charmant, im Grunde seines Herzens aber melancholisch. Diese Stücke rufen bei mir weniger Bilder hervor, sondern eher Erinnerungen. Wenn ich traurig bin, spiele ich op. 64 Nr. 2 in cis-moll, das tröstet mich. Ich spiele den Walzer in der Abenddämmerung, ohne das Licht anzumachen.« In dieser Hinsicht befolgt sie Chopins Anweisungen auf den Punkt: Seinen Schülern sagte er einmal: »Wenn die Augen weder Noten noch Tasten sehen können, wenn alles verschwindet, nur dann kann man wirklich vollkommen hören.«

Alice Sara Otts Kommentare zu den Walzern gewähren interessante Einblicke und Erkenntnisse. Den Walzer op. 42 in As-dur liebt sie ganz besonders. »Die Mittelstimme zu Beginn muss ein dunkles Murmeln sein, damit die Außenstimme heller scheinen kann, was paradoxerweise eine Art Melancholie schafft. Ich liebe die Harmonien im Mittelteil, und auch den dramatischen Farbwechsel vor der Schlussreprise. Diese Stelle war mir gleich plausibel.« So etwas passiert aber nicht immer sofort – den Walzer op. 18 empfand sie zunächst als spröde: »Vielleicht, weil die Phrasen so kurz sind, und eine durchgehende Linie deshalb schwer zu finden ist; im Walzer op. 34 Nr. 1 sind die Phrasen dagegen lang und graziös, man kann sich da leicht hineinfinden.« Op. 64 Nr. 1 in Des-dur, »Minutenwalzer« genannt, bringt sie zum Lachen: »In Japan nennt man ihn den ›Walzer des kleinen Hundes‹, und das trifft es, finde ich – er jagt seinem eigenen Schwanz hinterher. Man spielt es humorvoll, mit einem verschmitzten Lächeln.«

Chopin war nie damit zufrieden, wie seine Schüler den Beginn von op. 64 Nr. 2 in cis-moll spielten, und selbst Alice Sara Ott empfand die ersten Takte als Herausforderung: »Es dauerte etwas, bis ich die gefällige erste Phrase mit der leicht dahingeworfenen zweiten Phrase verbin-den konnte.« Der nächste Walzer op. 64 Nr. 3 in As-dur ist außergewöhnlich, denn Chopin legt das Thema im späteren Verlauf des Stücks ganz in die linke Hand; die brillante Coda wird von den Pianisten gern genutzt, um virtuoses Können unter Beweis zu stellen. »Ich nehme sie nicht so schnell,« sagt sie. »Man muss den Walzer-Charakter bewahren – das sind Salonstücke, und sie müssen als solche unterhalten. Virtuosität würde die ihnen eigene Melancholie und Sehnsucht verschleiern.« Ihrer Meinung nach sind Alfred Cortot und Dinu Lipatti diesem Geist am nächsten gekommen.

Ein weiteres ihrer Ziele ist es, Chopins Intentionen genau zu befolgen. Alice Sara Ott spielt aus den Autographen, da sie nach ihrem Empfinden dem düsteren Geist seiner Musik eher entsprechen als einige der modernen Ausgaben. Wenn sie die Chance hätte, Chopin persönlich zu treffen, wie würde sie wohl reagieren? »Sein Klang war nicht groß – er konnte kein fortissimo spielen, kannte aber viele subtile Schattierungen im pianissimo. Er war ein Dichter. Ich würde ihn nicht nach Interpretationen fragen, sondern ihn bitten, für mich zu spielen, damit ich hören kann, ob ich den Duft jedes Stückes richtig erschnuppert habe.«