Rolando Villazón

Rolando Villazón
Orchestra Teatro Regio Torino
Gianandrea Noseda

0289 477 9460 8
Int. Release: November 2012

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Liebes Publikum,

willkommen auf dieser musikalischen Reise, auf der einige der vielen schönen Stücke zu hören sind, die Verdi für Tenor geschrieben hat.

Unser Ausgangspunkt ist eine Arie aus Verdis erster Oper Oberto, es folgen Stücke, die Verdi in jungen Jahren schrieb, Arien aus seinen beliebtesten Opern sowie einige spätere Werke. Auf unserem Weg begegnen uns auch einige seiner von Luciano Berio orchestrierten Lieder, das Tenorsolo aus der großartigen Messa da Requiem, und zum Schluss die allerletzte Arie, die er für Tenor schrieb.

Wenn man Verdi interpretiert, bringt man Variationen auf die ewige Melodie der menschlichen Seele zu Gehör. Verdi war ein Mann des Volks, der für das Volk komponierte, er war ein Genie, verlor aber nie das Gespür für die tiefen Regungen des menschlichen Herzens. Es gab wohl keinen unprätentiöseren, bescheideneren Komponisten als Verdi. Den Musikkritikern seiner Zeit, die meinten, es sei falsch, große Musik für den Ausdruck von Liebe, Schmerz oder ähnlichen Emotionen zu halten, erwiderte Verdi: »Und warum sollte man denn nicht glauben, dass Musik ein Ausdruck von Liebe oder Schmerz ist?« Für Verdi galt: »Eine Kunst, der es an Natürlichkeit und Schlichtheit mangelt, ist keine Kunst. Der Ausgangspunkt für jede Idee muss das Einfache sein.«

Zusammen mit dem Orchester des Teatro Regio Torino und dem großartigen Gianandrea Noseda den unermesslichen musikalischen Ozean Verdis zu erkunden, die stillen blauen Tiefen, die gewaltigen Stürme, die zart gekräuselten Wellen und blutroten Sonnenuntergänge zu erleben, hat mir großen Spaß gemacht. Hinzu kam das besondere Vergnügen, die musikalische Odysee in Begleitung meiner lieben Kollegin Mojca Erdmann unternehmen zu dürfen. Wir hoffen, dass Sie diese Reise ebenso genießen und nach dem Hören das dringende Bedürfnis verspüren, sich selbst in diesen Ozean zu stürzen, dieses weite Meer des großartigen Œuvres, das uns Verdi hinterlassen hat.

Rolando Villazón


VERDI UND VILLAZÓN
DIE MUSIKALISCHE REISE EINES TENORS


Die Tenorpartien in Verdis Opern erfordern große stimmliche Kraft und Klangschönheit, aber auch aufrichtige, ehrliche Empfindung. Das wird in diesem Recital von Rolando Villazón deutlich, bei dem der Sänger neben beliebten Klassikern auch weniger bekannte Stücke von Verdi präsentiert. Diese Entdeckungsreise war für Villazón ausgesprochen spannend, und seinem Publikum wird es sicher ebenso ergehen. Verdi hat in der internationalen Karriere des Sängers stets eine wichtige Rolle gespielt; mit dieser faszinierenden Reise durch das lange Leben Verdis setzt Villazón seine intensive Beschäftigung mit dem Komponisten fort. An Verdis Musik schätzt Villazón vor allem, dass sie so ungemein anrührend ist, eine Eigenschaft, die ihr einen universellen und zeitlosen Reiz verleiht. »Verdi hatte die Gabe, die wichtigsten menschlichen Emotionen in Musik übersetzen zu können«, sagt Villazón. In den Opern geht es immer wieder um »Eifer-sucht, Liebe, Trauer, Todessehnsucht, das Verlangen nach unerreichbaren Dingen«. Doch um welche dramatische Situation es sich auch immer handelt, Verdi hat stets »einen direkten Zugriff auf das, was uns als Menschen ausmacht«.

Verdi, so Villazón, war »ein Genie, das die Menschen ganz direkt und unmittelbar anzusprechen vermochte. Wenn wir an Verdi denken, kommen uns sogleich ›La donna è mobile‹ und das Trinklied aus La traviata in den Sinn, all diese sehr eingängigen Stücke, die seine Kritiker als vulgär abtaten. Meiner Meinung nach war Verdi aber ganz einfach nahe an den Menschen dran.« Zu Verdis Lebzeiten »führten die Komponisten bereits große intellektuelle Diskurse, sie lösten sich von ihrem Werk und ihrer Identität, doch Verdi steht ganz in der alten Tradition – er teilt die Empfindungen, die seine Musik vermittelt.« Diese unverfälschten, ganz direkten Emotionen lassen Verdis Musik sehr modern wirken, sagt Villazón, und das ist selbst 200 Jahre nach der Geburt des Komponisten noch so.

Als Verdi 1813 geboren wurde, fingen die Tenöre gerade an, eine wichtige Rolle auf der Opernbühne zu spielen. Im 18. Jahrhundert hatten vor allem Sopranistinnen und Kastraten im Rampenlicht gestanden, Tenöre wurden dagegen, von ein paar Ausnahmen in Mozarts opere serie einmal abgesehen, lediglich in Nebenrollen besetzt. Für Opernkomponisten und -publikum galten die Kastraten mit ihrer geradezu übermenschlichen Verzierungskunst als Helden per se. Durch Rossini erfuhren die Tenöre jedoch eine Aufwertung – und im Laufe der Romantik avancierten sie zu den wahren Helden der Bühne.

Zeitgenössische Berichte lassen darauf schließen, dass die Tenöre bei Rossini und Bellini ihre hohen Töne vor allem falsettiert sangen (zwar mit viel Atemdruck, es war aber dennoch Falsettgesang). Die entscheidende Wende in der Geschichte des Gesangs läutete 1831 ein junger Franzose ein: Bei der italienischen Erstaufführung von Rossinis Guglielmo Tell in Lucca sang Gilbert-Louis Duprez den Arnold und führte bei dieser Gelegenheit das »do di petto« ein – ein mit Bruststimme gesungenes hohes C. Duprez wiederholte dieses Kunststück 1837 bei seiner Rückkehr nach Paris (Rossini war davon eher weniger angetan und meinte, es habe geklungen wie der »Schrei eines Kapauns, dem man die Kehle durchschneidet«). Als Verdi seine Karriere als Opernkomponist begann, war dieser markerschütternde Ton, der das neue maskulin-energische Heldenideal unterstrich, bereits zur Norm geworden.

Bei der Ausgestaltung ihrer Rollen in Verdis Opern konnten die Tenöre auf ihre Erfahrungen mit den dramatischeren Rollen von Donizetti zurückgreifen, bei denen ein anmutiges Legato und eine gewisse deklamatorische Emphase gefragt war. Die Rollen in Verdis frühen Opern wie Oberto und I due Foscari sind von der großen Phrasierungskunst geprägt, die Verdi von seinen Belcanto-Vorgängern übernommen hatte. Dennoch war bereits zu diesem Zeitpunkt eine große Veränderung erkennbar: Die Tenöre mussten nun markanter und schwungvoller phrasieren. In den Cabaletten wurde der Held gern in besonders prägnanter Manier präsentiert; an die Stelle des ausgezierten Stils trat eine knappere, mit slancio (übersetzt in etwa »Elan« oder »Ungestüm«) vorzutragende Phrasierung; hier zeigte sich das neue Bild der Tenöre in all ihrem heroi-schen Machismo.

Der Musikwissenschaftler Rodolfo Celletti beschrieb den Verdi-Tenor als einen Sänger, »der stets zwischen lyrischer Ekstase und wehmütiger, elegischer Hingabe auf der einen Seite und feurigen, energischen Ausbrüchen (seien diese nun patriotisch oder moralisch inspiriert oder schlicht Ausdruck des Verliebtseins) auf der anderen Seite steht.« Verdi wies mit Nachdruck darauf hin, dass »man bei der Komposition einer Gesangspartie darauf bedacht sein müsse, sie als ein direktes Spiegelbild der psychologischen Befindlichkeit einer Figur zu gestalten; Gefühle, Konflikte, Stimmungswechsel müssen mit einer Schnelligkeit ablaufen, die frühere Opernkom-ponisten bisher so nicht kannten.«

Villazón widmet sich hier auch Verdis Liedern, die man heute leider nur noch selten hört. Verdi beschäftigte sich mit dieser Gattung in allen Phasen seiner Karriere; trotzdem entstanden nicht einmal 30 Lieder. Luciano Berio, einer der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts, orchest-rierte 1991 acht ausgewählte Romanzen von Verdi (Villazón singt hier drei davon). Einige von Verdis Liedern waren möglicherweise Studien für Opern­arien und Cabaletten; Villazón beschreibt sie als »außergewöhnlich, schön, erhebend, gefühlvoll«.

Mit diesem Album richtet Villazón auch eine Bitte an sein Publikum: »Opernlaie oder Opernkenner – jeder sollte sich soviel Verdi wie möglich anhören; erst dann kann man erkennen, was für ein Vulkan der Ur-Gefühle hier brodelt.« Verdi eröffnet seinem Publikum »eine Welt, die in den Menschen selbst existiert. Er übersetzt sie für uns, gibt sie uns in Form von Musik«.

Roger Pines
Roger Pines ist Dramaturg und Radiokommentator
an der Lyric Opera of Chicago


10/2012

Rollando Villazon: Verdi