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VILLAZÓN SINGT HÄNDEL

Es sind die Helden des lyrischen Tenor-Fachs der Oper des 19. Jahrhunderts, mit denen Rolando Villazón sich einen Namen gemacht hat. Dass er hier eine Sammlung von Händel-Arien vorlegt, ist sicher für viele eine Überraschung. Seit wann interessiert sich der heute 36-jährige Mexikaner für die Musik des frühen 18. Jahrhunderts? "Das kann ich Ihnen genau sagen", antwortet er. "Zu Beginn meiner Laufbahn kaufte ich mir in Paris eine CD, auf der Cecilia Bartoli Vivaldi singt. Ich war fasziniert. Meine Frau auch. Bei jedem Anlass - ob es etwas zu feiern gab oder wir nur Aufmunterung brauchten - hörten wir die CD. Das war natürlich 'B.C. - before children', bevor wir Kinder hatten! Seither habe ich immer nach Aufnahmen von Barock musik Ausschau gehalten. Und ich träumte davon, sie selbst zu singen. Ich wusste allerdings, dass meine damalige Gesangstechnik nicht für dieses Repertoire geeignet war."

Dann hatte er das Glück, die Dirigentin und Cembalistin Emmanuelle Haïm kennen zu lernen. Sie überredete ihn, eine Monteverdi-CD zu machen. "Und ich muss sagen, es war eines der spirituell erfüllendsten Erlebnisse meiner Laufbahn. Es öffnete eine Tür zu etwas Neuem. Ich fand es wunderbar, neue Farben meiner Stimme und Worte als Gestaltungsmittel zu entdecken, nach der richtigen Edition zu suchen. Etwa zu jener Zeit wurde mir bewusst, dass mir auch das Lied-Repertoire liegt. Aber das ist ein anderes Thema!"

Nachdem er die Erfahrung gemacht hatte, dass er Barockarien singen konnte "und keine Angst zu haben brauchte, was die Leute denken", bot sich Villazóns nächster Ausflug in dieses Repertoire sozusagen von selbst an. Warum nicht zum bevorstehenden 250. Todestag Händels (der große deutsch-englische Komponist starb 1759) einige der schönsten Arien aus seinen opere serie aufnehmen? Trotz allem war es ein Wagnis. Vor dieser Aufnahme hatte er Händel kaum öffentlich gesungen.

"'Ombra mai fu' habe ich schon einmal gesungen, aber ich weiß nicht mehr, wo und wann. Und wahrscheinlich habe ich, es wie Caruso oder Corelli zu singen versucht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich bewundere ich, was diese großen Tenöre gemacht haben. Mit dieser Aufnahme wollte ich aber dem barocken Gesang näher kommen und nicht einfach die Interpretation eines lyrischen Tenors liefern."

Villazón wollte sich in jeder Hinsicht - musikalisch, stilistisch und philosophisch - auf die Welt der historischen Aufführungspraxis von Barockmusik einlassen. Paul McCreesh, dessen Gabrieli Players zur ersten Garde der britischen Ensembles mit historischen Instrumenten zählen, ließ sich nach dem ersten persönlichen Arbeitstreffen für das Projekt gewinnen.

"Warum nicht?" sagt der Dirigent. "In gewisser Weise zeigt sich darin, dass die Bewegung für Alte Musik erwachsen wird. Selbst große lyrische Tenöre wollen diese Stücke jetzt singen! Natürlich sind in diesem Repertoire üblicherweise leichtere Stimmen zuhause. Aber nach ein paar ersten Proben mit Rolando merkte ich, dass er eine fantastische Stimme für Barockmusik hat. Sie hat große Präsenz und ist sehr nuanciert. Und er ist auch ganz offen für stilistische Korrekturen. Ihm ist völlig klar, dass man Händel nicht mit Ausbrüchen und Portamenti wie bei Puccini singen kann."

Villazón hat diese Anforderungen in keinster Weise als Einschränkung empfunden. "Wenn ich das Gefühl hätte, dass ich bei dieser Musik meine Technik zurücknehmen müsste, würde ich im Klartext sagen: 'Um dieses Repertoire zu singen, muss man sich als Sänger Beschränkungen auferlegen.' Aber so sehe ich die Sache nicht. Für Barockmusik benötigt man die gleiche Energie wie für spätere Werke, die Intensität ist dieselbe, und man muss genauso sorgfältig auf Stimmfärbungen achten."

"Bei Händel kann man sich zudem nirgends verstecken. Alles muss sehr klar sein - Konsonanten, Einsätze, die Art, wie man von einem hohen Ton absteigt. Vor allem muss man den Text zum Leben erwecken. Meiner Meinung nach ähneln die Anforderungen bei Barockarien eher denen der Lied-Interpretation als denen der Opernarien der Romantik. Die Diktion muss sehr klar und die Färbung der Wörter sehr subtil sein."

Bei der Vorbereitung dieses Albums schauten Villazón und McCreesh Dutzende von Händel-Arien an. Aber die Auswahl, die sie schließlich trafen, wirft Fragen auf - nicht zuletzt, weil einige der ausgewählten Arien ursprünglich gar nicht für Tenor geschrieben wurden. "Dafür gibt es zwei Gründe", erklärt McCreesh. "Zum einen gehören die Tenorarien aus Händels Opern nicht immer zu seinen besten Stücken, und zum anderen liegen sie oft sehr tief und passen daher nicht besonders gut zum Glanz von Rolandos Stimme. Warum sollte er nicht transponierte Fassungen der großen Kastratenrollen singen? Sie liegen seiner Stimme ausgezeichnet - und zu Händels Zeit wurden Arien ständig transponiert. Händel selbst tat es. Ariodantes 'Dopo notte' existiert beispielsweise auch in einer Fassung für Tenor."

"Die Mezzo-Arien lassen sich so gut singen", sagt Villazón, "dass ich sie unwiderstehlich fand. Zuerst wollte ich nur 'Dopo notte' und 'Scherza, infida' (ebenfalls aus Ariodante) sowie 'Ombra mai fu' aus Serse singen. Aber Paul überredete mich, aus Serse außerdem noch 'Più che penso' und 'Crude furie' aufzunehmen, und ich bin sehr froh darüber." Die restlichen Stücke wurden von vornherein für Tenor geschrieben. Neben zwei Arien aus dem Oratorium La Resurrezione, die Villazón "fantastisch und wunderschön" findet, gehören dazu Bajazets hinreißende Arien aus Tamerlano - vielleicht die schönsten Solostücke, die Händel je für Tenor komponierte. Wer miterleben konnte, wie Villazón Bajazets große Sterbeszene aufnahm, war überrascht, wie viel physischen Aufruhr er durch die Stimmfärbung zum Ausdruck brachte. Mitunter hatte man wirklich das Gefühl, er würde seinen letzten Atemzug tun.

"Ich sage immer, dass man im Studio dreimal so viel Intensität in die Musik legen muss wie auf der Bühne", stellt Villazón fest. "Zum Ausgleich für die fehlende visuelle Dramatik und aus Angst vor dem Versagen. Zudem hat das Mikrophon keine Gefühle wie das Publikum im Saal. Auch das muss man ausgleichen. Die Pianissimi müssen ppppp sein."

McCreesh findet das vollkommen legitim. "Bajazets letztes Solo ist eine der großen Sterbeszenen der Opernliteratur", erklärt er. "Da ist es unerlässlich, 'ohne Stimme' zu singen - Klangfarben jenseits der Musik einzusetzen, wenn sie nur geeignet sind, den Augenblick des Todes glaubhaft zu machen. Wenn man versucht, mit zu viel gepflegtem tenoralen Ton zu sterben, verfehlt man die dramatische Wirkung. Ich wäre sehr überrascht, wenn der Tenor Borosini, für den Händel die Partie schrieb, es anders gesungen hätte."

Hatten das Spiel auf Originalinstrumenten und die historische Aufführungspraxis der Gabrieli Players Einfluss auf die Art, wie Villazón gesungen hat? "Ja, auf sehr positive Weise", sagt er. "Wenn man Streicher von dieser Qualität hört, ist man gezwungen, seinen Gesang anzupassen. Vor allem aber steckte mich der unglaubliche Enthusiasmus des Orchesters an. Und mit welcher Präzision die Musiker spielen! Die Zusammenarbeit mit dem Orchester war problemlos. Ihre Fähigkeiten sind sensationell."

Könnte Villazón sich vorstellen, Händel auch auf der Bühne zu singen, nachdem er so viel Spaß an den Händel-Aufnahmen hatte? "Unbedingt. Ich würde gern Bajazet in einer Inszenierung von Tamerlano singen. Und warum nicht anschließend sogar Serse? Wer weiß?"

Richard Morrison

Rolando Villazón, Paul McCreesh und die Gabrieli Players sind mit einem Händel-Programm in einer Fernsehübertragung der Unitel-Produktion im ZDF am 10. April 2009 zu sehen.

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