Yuja Wang

Yuja Wang
Fantasia
CD 479 0052
Also available as download
International Release: March 2012

Yuja Wangs Fantasia

Yuja Wang kann sich nicht mehr erinnern, wie viele Zugaben sie in der Pariser Salle Pleyel gespielt hat. »Ich könnte schwören, es seien vier gewesen«, sagt sie, »doch ich höre immer wieder, es seien mehr gewesen – das ist wirklich seltsam.« In der Carnegie Hall waren es vier Zugaben, in der Salle Pleyel mochte sie sich kaum von ihrem Flügel trennen. »Da geht es mir so wie mit Menschen, die ich nur einmal treffe, um dann in eine andere Stadt weiterzuziehen. Ich weiß genau, dieses Klavier werde ich nie mehr berühren – aber es war so wunderschön, ich habe diese Atmosphäre einfach geliebt.« Eine Zugabe, so Yuja Wang, mag kurzlebig sein, sie ist aber auch wahrhaftig. »Es ist ein flüchtiger Moment, den Pianist und Publikum teilen. Diese Stücke spiele ich schon so lange, dass sie ein Teil von mir geworden sind, sie spiegeln wider, wie ich mich in dem jeweiligen Moment gerade fühle.«

Nach ihrer gewichtigen CD Transformation (mit Stücken von Strawinsky, Scarlatti, Brahms und Ravel) und ihren von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeierten Rachmaninow-Einspielungen hat Yuja Wang bei der Deutschen Grammophon nun diese Sammlung von Miniaturen aufgenommen, ein Projekt ganz anderer Art. »Ich liebe all diese Stücke«, erzählt Yuja. »Mit diesen Miniaturen kann ich eine Stimmung, einen Geruch, den Hauch einer Atmosphäre einfangen. Das macht diese Stücke aus, sie stehen für Erinnerungen, Hoffnun­gen, ähnlich wie ein Haiku.«

Der Titel des Albums, Fantasia, lässt an den gleichnamigen Disney-Film und an Dukas’ L’Apprenti sorcier denken. Das freut Yuja Wang ganz besonders, denn dieser Film und ein Besuch von Schwanensee zählten zu ihren ersten Begegnungen mit klassischer Musik. Sie genießt stets den kleinen Schock des Wiedererkennens, wenn das Publikum zum ersten Mal die bekannte Melodie hört.
Wie es für Yuja Wang typisch ist, geht es von Mickey Mouse übergangslos weiter zu Johann Wolfgang von Goethe: Dukas’ Werk wurde von Goethes Zauberlehrling inspiriert, während sich Gretchen am Spinnrade, das sie in einer Transkription von Liszt spielt, auf Goethes Faust bezieht, ein Werk, das Yuja geradezu verschlungen hat. »Ich liebe dieses Drama«, erzählt sie, »denn es steckt so viel Menschliches darin. Und obwohl Schubert sein Lied vor 200 Jahren schrieb, habe ich das Gefühl, dass es zu mir und allen heutigen Menschen spricht, da wir alle die gleichen menschlichen Gefühle teilen, und auch etwas, das größer ist als wir selbst. Es ist ein wundervolles Stück, tiefgründig und voller Ausdrucksmöglichkeiten, dramatisch, doch nicht real, ein fantastisches Drama, das sich in meiner Fantasie abspielt.«

Ähnlich erlebt sie auch die Stimmungen, die die Musik von Skrjabin hervorruft, ein Komponist, dessen Werk Yuja Wang ganz besonders fasziniert. Durch die Gegenüber­stellung mit Chopins cis-moll-Walzer zieht sie erneut einen Vergleich zwischen den beiden Komponisten, die sie schon auf ihrer Debüt-CD bei der Deutschen Grammophon Sonatas & Etudes bewusst in Beziehung setzte. »Skrjabins frühe Werke ähneln stark denen Chopins. Später wurde Skrjabin immer neurotischer, und in seinen mittleren Jahren, mit Opus 32, war er dem Wahnsinn nahe. Ein Gefühl von Wahnsinn steckt in diesem Werk, doch noch wirkt es verschleiert und träumerisch. Es ist wie eine andere Ebene des Seins. Skrjabin war ein Synästhetiker wie Messiaen, er erlebte Klänge als Farben. Diese Stücke sprechen zu mir, sie sind voller Fantasie, hier habe ich völlige Freiheit.«
Ein weiterer Schwerpunkt dieser Zusammenstellung sind Transkriptionen, von Giovanni Sgambatis Version einer Melodie aus Glucks Orfeo ed Euridice bis zu Yuja Wangs eigener Fassung von Dukas’ L’Apprenti sorcier, bei der sie sich auch auf Victor Staubs Transkrip­tion dieses Stückes stützte. Warum hat sie nicht einfach Staubs Transkription genommen? »Sie ist für jeden Pianisten unspielbar, der nicht gerade eine Spannweite von zwei Oktaven hat«, entgegnet Yuja lachend. »Meine Fassung ist auf meine Hände zugeschnitten.«

Die Werke von Rachmaninow, die sie ausgewählt hat, zollen gleichermaßen dem Pianisten wie dem Komponisten Tribut. »Rachmaninows Spiel hat etwas Engelhaftes, Erhabenes, es ist sehr organisch. Er besitzt eine solche Klarheit, sowohl im Klang wie in der Struktur; alles ergibt ganz einfach einen Sinn, wie ein Gemälde von Raphael – Horowitz erinnert da eher an einen Dalí.« Yuja verehrt so unterschiedliche Pianisten wie Samuil Feinberg, den sie für seine Subtilität bewundert, oder Art Tatum, dessen improvisatorische Freiheit sie schätzt. Doch Vladimir Horowitz, der auf dieser CD mit Transkriptionen von Saint-Saëns’ Danse macabre und Bizets Carmen vertreten ist, nimmt einen ganz besonderen Platz in Yuja Wangs persönlichem Pantheon ein: »Ich hätte die CD fast ›Meine Helden‹ genannt«, bekennt sie. »Horowitz ist der vollkommene Pianist. Bei ihm kann man explosionsartige Ausbrüche und eine atemberaubende Brillanz erleben, er ist aber auch ein guter Geschichtenerzähler. Sein Spiel zieht den Zuhörer unweigerlich in den Bann, und wenn man ihn hört, hat man den Eindruck: Dieser Pianist spielt nur für mich, er spricht einzig und allein zu mir. Man hat das Gefühl, seine ganze Aufmerksamkeit gelte nur einem selbst, darum hört man ihm auch so aufmerksam zu. Es ist eine ganz intime Situation und das entspricht meiner Vorstellung von der perfekten Zugabe. Die Leute meinen immer, mit einer Zugabe wolle man nur glänzen. Doch für mich ist eine Zugabe ein kleiner Moment der Zärtlichkeit, der aus tiefstem Herzen kommt.«

Shirley Apthorp
2/2012