Ildar Abdrazakov - Biografie

Ildar Abdrazakov erweckt die großen Bassarien der Opernwelt zum Leben; er hat die stimmlichen Fähigkeiten, den künstlerischen Ausdruck und eine mitreißende Bühnenpräsenz, die es dazu braucht. Abdrazakov konnte sich bereits in einem Alter, in dem für die meisten Bassisten die Reifezeit gerade beginnt, einen Platz in der ersten Riege seines Fachs sichern. Der 41-jährige russische Sänger, den die New York Times einen »Bassisten mit Eleganz und unforcierter Stimmfülle« nannte, ist äußerst gefragt bei den führenden Opernhäusern und Konzertsälen. Sein Kernrepertoire reicht von Mozarts Figaro und den Buffopartien bei Rossini und Donizetti bis zu den außerordentlich komplexen Verdifiguren Attila, Oberto und Filippo II. »Mein Ausgangspunkt ist immer der Komponist«, erklärt er. »Ich will singen, was der Komponist geschrieben hat. Das steht an erster Stelle. Alles beginnt mit der Partitur und ist darin vorhanden.«

Im August 2017 gab Ildar Abdrazakov bei den Salzburger Festspielen ein gefeiertes Rollendebüt als Don Alfonso in Donizettis Lucrezia Borgia. Im darauffolgenden Monat erschien bei Deutsche Grammophon ein Album mit französischen und italienischen Opernduetten, aufgenommen mit Rolando Villazón. Die beiden Sänger werden zum Ende dieses Jahres auf ihrer sieben Konzerte umfassenden Tournee gemeinsam zu hören sein, u.a. im Prager Smetanasaal, in der Berliner Philharmonie, im Théâtre des Champs-Elysées und im Wiener Konzerthaus.

Am 10. Oktober, kurz nach der Veröffentlichung von Duets, wurde verkündet, dass Abdrazakov einen Exklusivvertrag mit Deutsche Grammophon unterzeichnet habe – am selben Tag, als er bei der Eröffnung der Saison 2017/18 an der Pariser Opéra Bastille als Philippe II neben Jonas Kaufmann und Elīna Garanča in Verdis Don Carlos auf der Bühne stand. Im kommenden April wird er dann die Titelrolle in Verdis Attila in konzertanten Aufführungen am Gran Teatre del Liceu in Barcelona singen und für Juni 2018 ist sein mit Spannung erwartetes Debüt in der Titelrolle von Mussorgskis Boris Godunow an der Opéra national de Paris vorgesehen.

Deutsche Grammophon hat bereits einige Meilensteine in Abdrazakovs Karriere dokumentiert. Auf Blu-ray und DVD veröffentlichte das gelbe Label Donizettis Lucia di Lammermoor aus der Metropolitan Opera, wo er neben Anna Netrebko auftrat (2009), und Borodins Fürst Igor mit Abdrazakov in der Titelrolle (2014). Sein erstes Soloalbum für DG macht der Sänger im Oktober 2018, auf dem Programm stehen Verdi-Arien mit dem Orchestre Métropolitain de Montréal und Yannick Nézet-Séguin.

Ildar Abdrazakov wurde 1976 in Ufa, der damaligen Hauptstadt der Baschkirischen Autonomen Sowjetrepublik, der heutigen Republik Baschkortostan, geboren. Sein Vater, ein Film- und Fernsehregisseur, erkannte die musikalische Begabung des jungen Ildar und schickte ihn auf eine örtliche Musikschule. Der 14-jährige Schüler erhielt erste Gesangsstunden bei M. G. Murtazina, die bereits seinen älteren Bruder unterrichtete, und trat zwei Jahre später in ihre Klasse am Staatlichen Kunstinstitut Ufa ein. »Ich war mit einer großartigen Lehrerin gesegnet, und ich war ehrgeizig«, berichtet er. »Beides trug dazu bei, dass ich meine Karriere schon so jung begann.«

Abdrazakov studierte auch weiterhin bei Professor Murtazina, nachdem er Mitglied des Baschkirischen Staatlichen Theaters für Oper und Ballett geworden war. Mit 22 Jahren gab er sein Debüt am Mariinski-Theater in St. Petersburg und erwarb dort unschätzbare frühe Erfahrungen. Der junge Bassist unternahm zahlreiche Tourneen mit dem Mariinski-Theater, während derer er 2000 bei seinem ersten Auftritt am Royal Opera House, Covent Garden internationale Aufmerksamkeit fand. Noch im selben Jahr erfolgte sein Durchbruch, als er den internationalen Wettbewerb Maria Callas – Nuove voci per Verdi gewann. Ein Sieg, der zu seinem Debüt an der Mailänder Scala im Jahr 2001 und zu weiteren Engagements an renommierten Häusern führte. Sein Debüt an der Metropolitan Opera gab Abdrazakov 2004 als Masetto in Mozarts Don Giovanni. Seither gastiert er regelmäßig an der Met in Rollen von Figaro und Don Giovanni bis zu Escamillo, und in der Eröffnungsvorstellung der Saison 2011/12 des Hauses verkörperte er Enrico VIII neben Anna Netrebko in Donizettis Anna Bolena. Im Dezember 2017 ist er an der Met als Mozarts Figaro zu hören und im Februar 2018 in Rossinis Semiramide.

In einer Neuinszenierung der Mailänder Scala sang Ildar Abdrazakov in der Saison 2003/04 Moses in Rossinis Moïse et Pharaon unter Leitung von Riccardo Muti, und ebenfalls unter Muti wirkte er in der Galavorstellung zur Wiedereröffnung der Scala 2004 mit. 2010 gab er dort sein erstes Recital mit Liedern von Tschaikowsky, Rachmaninow, Liszt, Ravel und anderen. Weitere Höhepunkte seiner Karriere: Don Basilio und Filippo II für das Royal Opera House, Covent Garden; Attila, Figaro, Don Giovanni und die vier Schurken aus Les Contes d’Hoffmann für das Mariinski-Theater; Don Basilio für die Pariser Opéra und die Bayerische Staatsoper; Méphistophélès (Gounods Faust) für die Pariser Opéra und die Salzburger Festspiele; Don Giovanni und Mustafà für die Wiener Staatsoper; Filippo II für das Bolschoi-Theater, in Lima und Turin sowie konzertant am Théâtre des Champs-Elysées; Moses (Moïse et Pharaon) für das Opernhaus Marseille; Attila für die Opéra de Monte-Carlo; Silva (Verdis Ernani) für das Opernhaus in Rom; und Boitos Mefistofele für die San Francisco Opera.

Neben seiner Arbeit im Opernhaus ist Ildar Abdrazakov auch ein gefragter Konzertsänger, der unter anderem bereits in der Carnegie Hall, im Wiener Musikverein, bei den BBC Proms und den Salzburger Festspielen gastierte. Die Live-Aufnahme seiner Aufführung von Verdis Requiem mit dem Chicago Symphony Orchestra und Riccardo Muti, die das eigene Label des Orchesters veröffentlichte, erhielt 2011 zwei Grammys als »Beste klassische Aufnahme« und »Beste Aufnahme eines Chorwerks«.

Im Juni 2015 wirkte Ildar Abdrazakov neben Anna Netrebko, Jonas Kaufmann und Dmitri Hvorostovsky beim Gipfeltreffen der Stars mit, einem Open-Air-Konzert, das 50 000 Zuhörer zum ausverkauften Münchner Königsplatz zog. Kurz darauf nahm er seine Arbeit als Künstlerischer Direktor der Elena Obraztsova International Academy of Music auf, die im August 2015 mit einem Galakonzert in St. Petersburg offiziell eröffnet wurde. »Es ist ein ganz besonderes und zugleich sehr ehrgeiziges Projekt«, stellt er fest. »Zum ersten Mal schaffen wir in Russland nicht nur ein System klassischer, traditioneller Ausbildung, sondern hoffen darüber hinaus, eine dauerhafte Verbindung zwischen den Generationen zu etablieren, sodass die heute tätigen Berufsmusiker ihre Erfahrung an junge Talente weitergeben können. Ich fühle eine große Verantwortung und bin stolz darauf, andere Musiker und Sänger an meinen eigenen Erfahrungen teilhaben zu lassen.«

10/2017