Herkunft und Entfaltung

Auf ihrer fünften Einspielung für die Deutsche Grammophon widmet sich Lisa Batiashvili Musik von Sergei Prokofjew. Visions of Prokofiev, das im Februar 2018 erscheint, schlägt eine Brücke zwischen populärer und ernster Musik der frühen Moderne. Auf dem Album sind die beiden Violinkonzerte Prokofjews, 1917 beziehungsweise 1935 vollendet, die längst Klassiker des modernen Repertoires sind. Lisa Batiashvili spielt aber auch drei populäre Melodien aus dem Bühnenschaffen des Komponisten – in Arrangements von Tamás Batiashvili, dem Vater der Geigerin. Begleitet wird sie vom Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin. Zwischen Februar und August 2018 wird Lisa Batiashvili das Zweite Violinkonzert von Prokofjew unter anderem in Rom, Sydney, New York, Wien und Madrid aufführen.

Im Georgien zu Zeiten der Sowjetunion galt Sergei Prokofjew als einer der wichtigsten Meister des 20. Jahrhunderts. Seine Musik wurde allerorts aufgeführt und im Unterricht gelehrt. Lisa Batiashvili erlebte das als Kind. Und auch als sie 1991 nach Deutschland zog, formte Prokofjews Musik ihre Kunst. Mark Lubotsky zum Beispiel ließ sie gleich zu Beginn ihres Studiums an der Hamburger Musikhochschule Prokofjews Erstes Violinkonzert studieren, ihm selbst hatte es noch der sowjetische Geiger David Oistrach vermittelt. Obwohl Lisa Batiashvili – damals erst 12 Jahre alt – die starke Gestik und suggestive Theatralik des frühen Prokofjews nicht sofort begriff, wurde ihr das Konzert vertraut. Später setzte sie es, quasi als ihr Markenzeichen, bei wichtigen Anlässen auf das Programm. Für sie war es zu einem Werk geworden, mit dessen Stil sie sich vollkommen identifizieren konnte.

»Das Erste Konzert war vor 15 oder 20 Jahren allerdings längst nicht so populär wie heute. Ich habe es bei großen Wettbewerben gespielt und eine Reihe von Debüts damit bestritten«, sagt Batiashvili. »Es gibt darin eine Zärtlichkeit und eine träumerische Weltverlorenheit, die mich enorm faszinieren. Prokofjew hat offenbar unendliche Möglichkeiten, das Fragile, das Verletzbare des menschlichen Empfindens musikalisch zu transportieren. Und doch ist alles so nah an einer wirklich klassischen Ausdrucksweise. Die Nähe zum Ballett und zum Theater rührt natürlich von Prokofjews Gabe her, jede Rolle und jeden Charakter mit den prägnantesten und schönsten musikalischen Themen zu umreißen.« 

Die Verbindung zwischen den beiden Konzerten und den drei Evergreens aus den Balletten Romeo und Julia und Cinderella sowie aus der frühen Oper Die Liebe zu den drei Orangen – hier in Arrangements von Tamás Batiashvili, dem Vater der Geigerin – ergibt sich auf diesem Album zwanglos: »Das Zweite Violinkonzert mag beim ersten Hören etwas konventioneller, kalkulierter wirken als das erste. Dabei ist zum Beispiel die wunderbare Kantilene des zweiten Satzes eng verwandt mit dem Liebesthema aus Romeo und Julia. Was Prokofjew in den Balletten leistet, findet seinen unmittelbaren Niederschlag in den Charakteren der Konzerte. Umgekehrt aber haben die besten Nummern der Ballette eine so vollendete Gestalt, dass sie auch unabhängig vom szenischen Zusammenhang funktionieren.«    

Vor allem aber, erklärt die Geigerin, sei Prokofjew ein Komponist, »der Ost und West zu einer wirklichen Einheit zusammenführt und deshalb zeitlos wirkt.« Die Formensprache der Instrumentalmusik, die aus der deutschen Tradition stammt, ein Klangempfinden, das am französischen Impressionismus geschult ist, schließlich die Kombination aus intensivem Melos und zündender rhythmischer Energie, wie sie für die russischen Komponisten seit Mitte des 19. Jahrhunderts typisch ist – all dies findet bei Prokofjew zu innerer Einheit. Und es reflektiert auf sein Leben: 1917, im Jahr der Oktoberrevolution, verließ Prokofjew seine russische Heimat und suchte sein Glück in den USA und in Westeuropa. 1936, als die wirtschaftliche Situation im Westen sich dramatisch verschlechtert hatte und das Heimweh übermächtig wurde, kehrte er – inzwischen ein internationaler Star – in die Sowjetunion zurück. Mal gefeiert, mal gemaßregelt, wurde Prokofjew zum prominenten Diener eines autoritären Systems. Das Schicksal wollte es, dass er im März 1953 starb, am selben Tag wie Stalin.

Auch Lisa Batiashvili ist eine Emigrantin. Und auch sie ist eine Künstlerin, die Prägungen aus »Ost« und »West« in Beziehung setzt. Obgleich ihre Verbindung zu ihrem Geburtsort Georgien nach wie vor stark ist – regelmäßig kehrt sie nach Tiflis zurück, um Verwandte und Freunde zu treffen und Konzerte für ihre Landsleute zu geben –, versteht sie sich als Europäerin. Schon lange lebt sie in München, ihr Mann ist Franzose, ihre Kinder wurden in Deutschland geboren. Sie muss sich nicht mehr für oder gegen einen Staat oder eine Lebensweise entscheiden – die kulturellen Prägungen dürfen nebeneinander bestehen und sich ergänzen.

Auch künstlerisch stimmt das. Wie viele aus der russischen Ausbildungstradition entstammenden Instrumentalisten ist Batiashvili im Grunde Klassizistin. Klare Proportionen, elegante Konturen, die Schönheit des Maßvollen und ein möglichst organischer Aufbau der Zusammenhänge sind ihr allemal wichtiger als Übersteigerung und Effekt. Und gerade deshalb passt das Chamber Orchestra of Europe zu ihrem Spiel. Das Kollektiv individueller Spitzenmusiker trifft sich jedes Jahr für eine begrenzte Zeit mit den besten Dirigenten für ausgewählte Projekte. Es ist multinational besetzt, ein schönes Beispiel für einen harmonischen europäischen Pluralismus. Yannick Nézet-Séguin ist ein fester künstlerischer Partner des CEO, schon seit Langem. Lisa Batiashvili ihrerseits spielte unter Nézet-Séguins Leitung immer wieder wichtige Konzerte. »Sein Musizieren ist so natürlich«, sagt sie, »und zugleich so berührend, dass man es fast mit dem Walten eines Naturgesetzes zu tun zu haben glaubt. Das Orchester, er und ich – für mich ist das eine ideale künstlerische Konstellation.«