»MOZARTS MUSIK MUSS IMMER SINGEN«

Seong-Jin Chos neuestes Album für Deutsche Grammophon:
Mozarts Klavierkonzert in d-Moll und lyrische Werke für Soloklavier

Klavierkonzerte, die einem zahlenden Publikum gefallen sollten, gehörten zu Mozarts täglich Brot. Doch Mozart erhob die Gattung hoch über alles, was es zuvor gegeben hatte, so hoch, dass er sie praktisch in der Form erfand, die wir heute kennen. Seine reifen Klavierkonzerte sind nicht leicht in der Aufführung, tatsächlich können sie ein Härtetest für die Fähigkeiten jedes Interpreten sein. Seong-Jin Cho hat mit dem Klavierkonzert in d-Moll KV 466 eines von Mozarts anspruchsvollsten Werken für Klavier und Orchester gewählt, um sein erstes Mozart-Album für Deutsche Grammophon zu eröffnen. Das neueste Album des koreanischen Pianisten, das zudem die dramatische Klaviersonate in F-Dur KV 332, die frühe Klaviersonate in B-Dur KV 281 und die Fantasie in d-Moll KV 397 enthält, erscheint am 16. November 2018.

Seong-Jin Cho hatte das Glück, dass seine frühesten Mozart-Erinnerungen an Aufnahmen von zwei der größten Opern des Komponisten gebunden sind: Le nozze di Figaro und Die Zauberflöte. Sie offenbarten dem jungen Musiker Mozarts sangliche Linie mit all ihrem Licht und Schatten, ihrem Pathos und Humor, ihrem Witz und ihrer Weisheit. Die Menschlichkeit der Musik berührt Cho noch immer. »Wenn ich spiele, versuche ich, ehrlich und mit dem Herzen zu spielen«, sagt er. »Ich versuche, meine Gefühle zu vermitteln – ich versuche, den Hörern eine Geschichte zu erzählen.« Mozart, fügt er hinzu, sei als Komponist der ideale Geschichtenerzähler. »Seine Musik steht immer dem Gesang und der Oper nahe; sehr oft muss die melodische Linie eher wie Bel Canto sein.«

Bel Canto, die Kunst des »schönen Singens«, legt großes Gewicht auf den richtigen Moment, auf ein Empfinden, wann man sich bestimmten Emotionen überlassen sollte und wann andere besser zurückgehalten werden. Chos Mozart erwächst aus diesen außerordentlich fein justierten Ausdrucksnuancen. Seiner Interpretation des Klavierkonzerts in d-Moll geht es vor allem um die komplexe Gefühlswelt des Werks. »Für mich bietet Mozart alles: Seine Musik ist so vielschichtig. Wenn ich seiner Musik lausche, habe ich die unterschiedlichsten Gefühle«, erklärt Cho. »Der dritte Satz des d-Moll-Konzerts beispielsweise steht teilweise in Moll, aber dann wendet sich Mozart nach Dur, und das erzeugt ein ganz anderes Gefühl. Mozart scheint mit den Gefühlen zu spielen. Das ist genial.«

Das Autograf des Klavierkonzerts in d-Moll ist undatiert, aber Mozart notierte die Vollendung in seinem eigenen Werkverzeichnis am 10. Februar 1785. Am selben Tag kam Mozarts Vater in Wien an, um einige Zeit bei seinem Sohn und dessen Frau zu verbringen. In einem Brief berichtete Leopold Mozart, dass man bei seiner Ankunft noch dabei war, die Orchesterstimmen zu kopieren, wenige Stunden, bevor sein Sohn die Uraufführung spielen sollte. »[...] das Concert war unvergleichlich, das Orchester vortrefflich [...]«, schrieb er seiner Tochter. Die Dramatik des Konzerts beruht zum großen Teil auf dem Dialog zwischen Orchester und Solist. Cho fand die idealen Partner für diese Aufnahme im Chamber Orchestra of Europe und dessen häufigem Gastdirigenten Yannick Nézet-Séguin.

»Ich bin Yannick erstmals 2017 begegnet, als ich nach Baden-Baden fuhr, um ihn am Pult des COE in La clemenza di Tito zu erleben«, erinnert sich der Pianist. Cho fand sofort Gefallen an Nézet-Séguins ausdrucksstarker Interpretation und war fasziniert von ihrem Reichtum an Farben und Charakterisierungen. Orchester und Dirigent kehrten diesen Sommer ins Festspielhaus Baden-Baden zurück, um die Mozart-Aufnahmen mit Cho zu machen. »Yannick ist ein so guter Begleiter, wenn er Opern dirigiert, dass ich wusste, er würde auch für einen Pianisten ein guter Begleiter sein – und ich hatte recht. Er ist ein außerordentlich sensibler Musiker, der sehr schnell reagiert, wenn ich beispielsweise rubato spiele und etwas länger für eine Phrase brauche. Bei der Aufnahme hatte er verschiedene Ideen, die mich wirklich inspirierten.« Das Spiel des COE, ausdrucksstark in seinen ausladenden Gesten und mit subtilen Nuancen der Artikulation, unterstützte Chos lyrische Auffassung des Stücks. »Die Details sind sehr wichtig, Aspekte wie Dynamik, Phrasierung, Legato, Staccato, diese Elemente der Artikulation.«

Chos Interpretation des d-Moll-Konzerts durchläuft den Weg von den stürmischen Gefühlen des ersten Satzes über die gefühlvolle Kontemplation im mittleren Satz, Romance betitelt, bis zum lebensbejahenden, glücklichen Ende des Werks. »Man muss es spielen wie ein Sänger singt, also muss man atmen! Man darf es nicht zu präzise spielen, denn Mozarts Musik muss immer singen!«

Überraschende Kontraste und unvermittelte Stimmungswechsel bestimmen die emotionale Atmosphäre von Mozarts Sonate in F-Dur KV 332. Das Werk, das in der zweiten Jahreshälfte 1783 in Wien entstand, wird durch eines der größten Bravourstücke der Klavierliteratur des späten 18. Jahrhunderts gekrönt, ein rasantes Finale, das auf mindestens sechs thematischen Einfällen basiert und durch plötzliche Wechsel zwischen Dur und Moll gekennzeichnet ist. Cho findet den langsamen Satz »besonders interessant, weil Mozart seine eigenen Verzierungen als Alternative in der Partitur notierte und uns damit einen deutlichen Begriff von seinen Vorstellungen über Verzierungen allgemein lieferte. Wenn wir also Mozart spielen und etwas wiederholt wird, was sehr häufig vorkommt, müssen wir nach meiner Ansicht gewisse Verzierungen einfügen, um die Musik in neuem Licht erscheinen zu lassen.«

Das ideale Gegenstück zur F-Dur-Sonate fand der Pianist in der nach seinen Worten »fröhlichen« Sonate in B-Dur KV 281, einem charmanten, an Haydn orientierten Werk des 19-jährigen Komponisten. Der langsame Satz, ein Andante amoroso mit fließender Melodik und zarten Verzierungen, ließe sich leicht zu einer Opernarie umarbeiten.

Die Fantasie in d-Moll, aufgenommen als Bonustrack für die digitale und die LP-Version des Albums, lässt sogar noch mehr an die Oper denken, besonders im zentralen Adagio. Nach Chos Meinung lotet es das Spektrum von Mozarts Ausdruckswelt aus. »Viele Ideen in diesem Werk erscheinen mir orchestral. Ich denke, es ist ein gutes Beispiel für eine Fantasie – es ist unsinnig, sie in einem beständigen Tempo zu spielen. Es muss sich bewegen und verändern.«