Mirga Gražinytė-Tyla – Biografie

Die litauische Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla, Musikdirektorin des City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO), beschreibt ihre Tätigkeit als »eine Kombination von Musik und Kommunikation mit Musikern«. Charakteristisch ist ihre Fähigkeit, den Musikern ebenso wie dem Publikum markante und klare musikalische Ideen zu vermitteln. Das Online-Kulturmagazin The Arts Desk umschrieb sie unlängst als »personifizierte Kommunikation«, und der Londoner Observer nannte sie »faszinierend und durch nichts aufzuhalten«. Gražinytė-Tyla besticht durch ihre Konzentration und expressive Gestik, zusammen mit innovativer Programmgestaltung und der Bereitschaft, Risiken einzugehen. »Wir alle brauchen Risiken!« sagt sie. »Wenn wir die Regeln weglassen, entdecken wir vielleicht etwas ganz Neues.«

Die konventionellen Grenzen auszuloten, ist sicher ein wesentlicher Teil von Mirga Gražinytė-Tylas Motivation. Als neue Exklusivkünstlerin bei Deutsche Grammophon debütiert sie mit einem Album, das der Musik des polnischen Komponisten Mieczyław Weinberg gilt. Die Aufnahme seiner Symphonie Nr. 2 für Streichorchester und der Symphonie Nr. 21 „Kaddish“ mit Gidon Kremer, dem CBSO und der Kremerata Baltica erscheint im Mai 2019. Sie fällt mit dem Gedenken anlässlich des 100. Geburtstags des Komponisten zusammen. Die Dirigentin wird ferner Musik von Raminta Šerkšnytė mit dem Litauischen Nationalen Symphonieorchester, dem Städtischen Chor Vilnius und der Kremerata Baltica präsentieren. Im Mittelpunkt eines weiteren DG-Projekts steht eine Aufnahme von Werken britischer Komponisten anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Orchesters im Jahr 2020. »Mit Deutsche Grammophon bin ich aufgewachsen«, erklärt sie. »Es ist wirklich eine Ehre, zu diesem Label zu gehören und Werke aufzunehmen, die für viele Hörer neu sein werden.«

Mirga Gražinytė-Tyla wurde als Tochter einer Musikerfamilie geboren. Ihr Vater, ein Chorleiter, und ihre Mutter, eine Pianistin, unterstützten ihren instinktiven Wunsch aufzutreten. »Musizieren war in meiner Kindheit allgegenwärtig«, sagte sie der BBC 2016. »Mit 11 Jahren erklärte ich, ich könne mir keinen anderen Beruf vorstellen als die Musik. Ich bekam Angst, dass es zu spät sein würde, wenn ich nicht sofort begänne, alles zu lernen.« Mirgas frühe Begabung wurde durch Musikunterricht in ihrer Kindheit gefördert und weiterentwickelt. Sie studierte Chorleitung und bildende Kunst in ihrer Heimatstadt an der renommierten Nationalen Mikalojus-Konstantinas-Čiurlionis-Kunstschule und dirigierte ihr erstes Chorkonzert mit 16 Jahren.

Ein Umzug nach Österreich und ein Platz an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz eröffneten Mirga Gražinytė-Tyla die Möglichkeit, ihren musikalischen Horizont zu erweitern. Mit der Perspektive, künftig Orchester zu leiten, ging sie zum Studium an das Konservatorium in Bologna, die Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy« in Leizig und die Zürcher Hochschule der Künste. 2009 wurde sie vom Deutschen Dirigentenforum aufgenommen, 2011 wurde sie 2. Kapellmeisterin am Theater Heidelberg und 2012 erfolgte ihr internationaler Durchbruch, als sie den begehrten Salzburg Young Conductors Award gewann und dann mit dem Gustav Mahler Jugendorchester ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen gab. Im Jahr darauf wurde sie 1. Kapellmeisterin am Konzert Theater Bern, und von 2015 bis 2017 war sie Musikdirektorin am Salzburger Landestheater. In der Saison 2012/13 war sie Gustavo Dudamel Fellow des Los Angeles Philharmonic Orchestra, arbeitete dann zwei Spielzeiten hindurch als Assistant Conductor des Orchesters und 2016/17 als Associate Conductor.

Mirga Gražinytė-Tylas Ausnahmetalent wurde von den Musikern des CBSO bei ihrem Debüt mit dem Orchester 2015 sofort erkannt. Sie wurde erneut eingeladen, und man bot ihr in der Nachfolge von Sir Simon Rattle, Sakari Oramo und Andris Nelsons den Posten der Musikdirektorin an. Sie begann ihre Amtszeit im September 2016, und der Londoner Telegraph begrüßte sie in der Top-Kritik ihres London-Debüts bei den BBC Proms als »überzeugende Persönlichkeit auf dem Podium«. Innovative Programmgestaltung und intensive, aufschlussreiche Aufführungen wurden zum Markenzeichen ihrer Arbeit mit dem CBSO, wobei ihr Repertoire von Haydn und Mozart über symphonische Musik von Debussy, Mahler und Schostakowitsch bis zu neuen Werken von beispielsweise Hans Abrahamsen, Jörg Widman und Raminta Šerkšnytė reicht. Im Mai 2018 verlängerte sie ihren Vertrag beim CBSO um zwei Jahre bis 2021. Sie wird eine führende Rolle bei den Sonderprojekten und Tourneen anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Orchesters spielen.

Gražinytė-Tyla führte das CBSO 2018 auf große Europa-Tourneen mit Aufführungen unter anderem an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest, im Wiener Musikverein und der Berliner Philharmonie. In der Saison 2017/18 trat sie erstmals mit dem Philadelphia Orchestra und dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia auf; hinzu kamen ihr Debüt in der Carnegie Hall in New York mit dem Metropolitan Opera Orchestra, Weinbergs Violinkonzert in Los Angeles mit Gidon Kremer und ein eindrucksvolles Debussy-Festival mit dem CBSO.

Im November 2018 dirigierte sie das CBSO mit den britischen Erstaufführungen von Roxanna Panufniks Faithful Journey – A Mass for Poland und Weinbergs Symphonie Nr. 21. Jüngste und kommende Höhepunkte ihrer Saison 2018/19 sind weiterhin unter anderem ihr Debüt mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester; eine 12 Konzerte umfassende Tournee mit dem CBSO nach Deutschland, Frankreich, Luxemburg, in die Niederlande und die Schweiz; die britischen Erstaufführungen von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis’ symphonischer Dichtung Das Meer und Weinbergs Ballett Der goldene Schlüssel; die Uraufführung eines neuen Werks von Unsuk Chin für das Los Angeles Philharmonic Orchestra; und eine Aufführung von Tippetts A Child of Our Time mit dem Orchestre National de France.

Mirga Gražinytė-Tyla weiß, wer sie ist: »Beim Dirigieren geht es ums Teilen von Musik.«

4/2019