MEDITATIONEN ÜBER ERINNERUNG

Hélène Grimauds neues Album bei Deutsche Grammophon ergründet das Wesen der Erinnerung in Miniaturen von Chopin, Debussy, Satie, Valentin Silvestrov und Nitin Sawhney

Musik wurde als ein Mittel beschrieben, etwas Verlorenes wiederzufinden – in ihrer jüngsten Aufnahme für Deutsche Grammophon widmet sich Hélène Grimaud dieser besonderen Fähigkeit von Musik: Bilder der Vergangenheit in der Gegenwart wachzurufen, Eindrücke von Orten und Zeiten zum Leben zu erwecken. Auf Memory, das am 28. September 2018 erscheint, spielt die französische Pianistin ein breites Spektrum von Klavierminiaturen ein. Ihre Auswahl reicht von impressionistisch anmutenden Träumereien Chopins und Debussys bis zu Valentin Silvestrovs zeitlosen Melodien im Volkston.

Erinnerung und Musik haben Parallelen. Beide sind flüchtig, nie fixiert, immer Gegenstand der Interpretation. Unsere Identität ist von Erinnerungen bestimmt, genau wie viele unserer Erlebnisse mit Musik verbunden sind. Das Wesen der Erinnerung ist universell und hat einen Platz im Leben jedes Einzelnen. Hélène Grimaud geht ihm nach und erkundet auf Memory musikalisch die vielen Ebenen des menschlichen Bewusstseins.

»Musik entfernt die Schichten der Zeit und enthüllt den Kern unserer Erfahrungen. Schmerz, Angst oder Freude verblassen, es bleibt nur die Empfindung. Die Empfindung ist der Nachhall der Erfahrung im Raum der Erinnerung. Sie ist auch der Raum, in dem Musik in jedem von uns erklingt – uns berührt, bewegt, uns unserem Inneren näherbringt. So kann uns die Musik auch daran erinnern, dass es neben den Belanglosigkeiten des Alltags einen Ort gibt, der den Sinn bewahrt, und dass wir nicht unter der Last des Vergessens leiden: Das Wunder des Lebens besteht in der Fähigkeit, zu reflektieren und zu erinnern.« Was die Pianistin sagt, berührt sowohl das Universelle als auch das Individuelle, und es verrät viel über ihre Auffassung von Musik als ein natürlicher Prozess, der im Augenblick des Erschaffens und Wiedererschaffens durch Gespür und Intuition gestaltet wird.

Memory folgt auf Grimauds Album Water, eine nachdenklich stimmende Betrachtung über den kostbarsten Rohstoff unserer Welt. Ihre jüngste Veröffentlichung steht in direktem Zusammenhang mit Water, denn wieder widmet sich Grimaud einer weiteren Grundlage des Lebens, die man solange für selbstverständlich nimmt, bis sie schwindet.

Grimaud wählte Kompositionen, die direkt die Erinnerung ansprechen, sie schuf ein Programm von Werken, die aufgrund ihrer Einfachheit die Barrieren rationalen Denkens umgehen und eindringliche Stimmungen, Gefühle und Empfindungen wachrufen. Diese Miniaturen sind keine großen Konstrukte; sie besitzen vielmehr, was die Pianistin treffend immaterielle Qualitäten nennt. Jedes der 15 Stücke des Albums weckt den vergänglichen Eindruck eines erinnerten Gedankens, eines Erlebnisses, das man sich ins Gedächtnis ruft. Memory, sagt Grimaud, »erzeugt flüchtige, zarte Spiegelungen – Traumbilder dessen, was war oder hätte sein können«.

Grimauds Spiel durfte sich im sakralen Raum der Himmelfahrtskirche im Münchner Stadtteil Sendling entfalten. Dieser Aufnahmeort, eine ehemalige Bierhalle, die vor etwa 100 Jahren zur Kirche umgebaut wurde, machte Eindruck auf Grimaud. »Es war ein überwältigendes Gefühl, allein in einem riesigen, halligen Raum zu sein, in einem für die geistige Innensicht bestimmten Gebäude«, sagt sie. »Von Natur aus bin ich nicht unbedingt eine Farbenkünstlerin, aber die Kunst der Klangerzeugung ändert sich radikal, wenn man von Hall umgeben ist – wenn jede einzelne Note widerhallt und sie sich gegenseitig antworten. Damit die Dichtung durchscheinen kann, muss die Musik hier sehr klar artikuliert werden.«

Für Komponisten spielt die Erinnerung eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung von Einflüssen. Debussy beispielsweise lernte viel durch seine Chopin-Studien und erinnerte sich später im Leben an diese Lektionen, als er Stücke wie Rêverie und La plus que lente komponierte. Seine Musiksprache erhielt auch Impulse durch die Harmonik seines Freundes Erik Satie. Die Übereinstimmungen sind auf Memory klar erkennbar.

Hélène Grimaud betont den meditativen Charakter der Werke, wenn sie die Nostalgie von Chopins Nocturne in e-Moll op. 72 Nr. 1 mit einer Reihe von Saties minimalistischen Miniaturen umgibt, darunter Miniaturen aus seinen berühmten Zyklen Gnossiennes und Gymnopédies. Und sie unterstreicht auch die Gemeinsamkeiten zwischen zwei Anfang der 2000er-Jahre entstandenen subtilen Bagatelles von Silvestrov und Debussys Arabesque Nr. 1 in E-Dur, einem Frühwerk, das von den eleganten Linien und Windungen der Natur inspiriert ist.

Valentin Silvestrovs Klavierminiaturen hat die Künstlerin mit dem Bild des »atmenden Lichts« verglichen, einer poetischen Metapher, die ohne Weiteres die Eindrücke in Worte fasst, die sie mit Memory erzeugt.