JÓHANN JÓHANNSSON - 12 CONVERSATIONS

Deutsche Grammophon veröffentlicht die Weltersteinspielung eines zwölfsätzigen Streichquartetts von Jóhann Jóhannsson: 12 Conversations with Thilo Heinzmann.

Interpretiert von Echo Collective

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Das Album erscheint am 20. September 2019, einen Tag, nachdem der Klangpoet 50 Jahre alt geworden wäre.

Als Jóhann Jóhannsson im Winter 2018 überraschend in Berlin starb, endete auch ein hochinteressantes Zusammenspiel der Künste. Jóhann Jóhannsson hatte es gewagt, hatte Musik und Literatur, Musik und Theater, Musik und Film in seinen Kompositionen miteinander kommunizieren lassen, sehr innovativ, oft melancholisch, immer tiefgründig, klassische und elektronische Elemente verschmelzend.

Den Philanthropen und Kunstsammler Richard Thomas interessierten genau solche Grenzgänge. Er stellte sich vor, dass ein Werk entsteht, bei dem die bildende Kunst und die Musik in einen Dialog treten, sich jedoch nicht gegenseitig übermalen, einander in Produktion und Interpretation nicht nachlaufen, sondern eins werden. Und er hatte einen Künstler vor Augen, den Berliner Maler Thilo Heinzmann, der seinerseits sofort an Jóhann Jóhannsson dachte.

So kam es, dass Heinzmann und Jóhannsson über vier Jahre ein intensives künstlerisches, politisches, persönliches Gespräch führten. Und Jóhannsson zu, nein, mit einem Bild von Heinzmann ein Streichquartett schrieb. Am 20. September, einen Tag, nachdem der Komponist 50 Jahre alt geworden wäre, erscheint 12 Conversations with Thilo Heinzmann bei Deutsche Grammophon.

Ein Stück Musik, Auftragswerk der Richard-Thomas-Foundation, das einzigartig ist im Schaffen des Golden-Globe-Gewinners und doch typisch. Jóhannsson, 1969 in Reykjavík geboren, stellte nämlich nicht nur musikalische Korrespondenzen zwischen den Künsten her, wie es durchaus fast normal ist für isländische Künstler seiner Generation, sondern auch zwischen den musikalischen Gattungen und Epochen. In ihm – dem genialen Autodidakten, der Posaune und Klavier, Sprachen und Literaturwissenschaften studierte, bevor er sich austobte in der vielgestaltigen und gern eigenwilligen isländischen Indie-Rockszene – fand ein ständiger innerer Austausch statt. Zwischen den Genres. Zwischen allen Zeiten und Klängen.

Während der Arbeit an den 12 Conversations hing ein Bild von Thilo Heinzmann im Studio von Jóhann Jóhannsson. Und er schrieb eine puristische Partitur. Nur für Streicher diesmal und gänzlich ohne Elektronik. Gewissermaßen ein Musterbuch seiner musikalischen Meisterschaft, das einen – angesichts seines frühen Todes und der Vorstellung, was Jóhannsson noch hätte schreiben können – einhalten lässt und nachdenklich macht.

Es sind zwölf Sätze, die eine kreative Verbindung bilden von Jóhann Jóhannssons persönlichem Ausdruck und den Einflüssen, die seine musikalische Sprache formten. So entsteht ein Dialog nicht nur mit Thilo Heinzmanns Kunst, sondern auch mit dem Geist des früheren und gegenwärtigen musikalischen Minimalismus. Erinnerungen an einfache Ostinatos des Barocks und anhaltende Affekte durchziehen die Komposition, manchmal um hypnotische Augenblicke höchster Spannung aufzubauen, manchmal um ruhige Räume zur Kontemplation zu öffnen. Auch Lamentationen und Elegien sind zu hören – Mahnungen an unsere eigene Sterblichkeit – oder melancholische Tänze. Nachdem Jóhannsson in so vielen Werken die unendlichen Möglichkeiten von Klangstrukturen und -farben ausgelotet hat, schafft er in 12 Conversations eine ganz neue Ausdruckswelt. Die Intimität des Streichquartetts und die unverstellte Emotion der Melodik – bar jeder elektronischen oder digitalen Einkleidung – unterscheiden dieses Album deutlich von seinen früheren Veröffentlichungen.

12 Conversations ist ein Werk, das dem Echo Collective auf die Finger geschrieben wurde – den Violinisten Margaret Hermant und Sophie Bayet, dem Bratschisten Neil Leiter und dem Cellisten Thomas Engelen, die auf dem Album zu hören sind. Die Musiker des in Belgien ansässigen Ensembles haben sich als Pioniere im Grenzgebiet zwischen Klassik und verschiedensten Musikrichtungen einen Namen gemacht. Sie arbeiteten mit zeitgenössischen Künstlern zusammen wie dem niederländischen Pianisten Joep Beving oder dem Ambient-Duo A Winged Victory for the Sullen. Jóhann Jóhannsson hat Echo Collective sehr gemocht, weil sie, sagte er, begriffen hätten, dass scheinbar einfache Musik nicht leicht zu spielen sei, dass es mehr als sonst auf konzentrierte Artikulation ankommt, auf exakte Dosierung der Expression. Das hatte sich bei Orphée gezeigt, den Stücken seines Konzeptalbums, die Jóhannsson drei Jahre zuvor gemeinsam mit Echo Collective einstudiert und aufgeführt hatte.

Die Aufnahme der 12 Conversationsim Kern auch ein Notat für die Idee und die Ideale der Europäischen Union, denn an sie dachte der Brite Richard Thomas, als er die Arbeit anstieß und für das Gemeinschaftsprojekt Künstler aus drei Nationen zusammenbrachte – waren eine besondere Herausforderung für das Ensemble. Vor seinem Tod hatte Jóhannsson die Musiker eingeladen, um über die finale Partitur zu sprechen, bei der Einspielung aber standen sie vor interpretatorischen Detailfragen allein.

Mit den 12 Conversations with Thilo Heinzmann, die 2016 in London uraufgeführt wurden und nun in ihrer überarbeiteten Version erscheinen, setzt die Deutsche Grammophon die Würdigung des großen isländischen Klangabenteurers fort. Sie wurde gerade begonnen mit »Retrospective«, der zweibändigen Auswahledition seines Gesamtwerks. Es werden noch einige bisher unveröffentlichte Werke und Aufnahmen folgen.

Im Konzert werden die 12 Conversations with Thilo Heinzmann mit dem Echo Collective im Herbst zu erleben sein, in Deutschland, Belgien, Großbritannien und anderorts (eine Übersicht finden Sie hier).



Jóhann Jóhannsson – RETROSPECTIVE - VON DER ESSENZ DES KLANGS

Eine zweiteilige Werkschau bei Deutsche Grammophon würdigt den vor einem Jahr verstorbenen Komponisten Jóhann Jóhannsson.

Der erste Teil RETROSPECTIVE I erscheint am 26. April 2019.

Vor einem Jahr starb der isländische Komponist Jóhann Jóhannsson. In Gedenken an den brillanten Klangkünstler und Geschichtenerzähler erscheinen bei Deutsche Grammophon zwei aufwendige Editionen, die die wichtigsten Werke Jóhannssons präsentieren. RETROSPECTIVE I wird am 26. April 2019 als Hardcover-Buch-Edition veröffentlicht und beinhaltet auf insgesamt sieben Alben Jóhannssons frühe Werke. Auch der bis dato unveröffentlichte Soundtrack zum Film White Black Boy ist wie die anderen Alben in der Edition neu im Katalog der Deutschen Grammophon.

Jóhann Jóhannsson war ein Phänomen. »Ich bin besessen von der Beschaffenheit des Klangs«, hat der isländische Komponist einmal gesagt und ebenso besessen wie beseelt hat er aus seinen Kompositionen die Essenz der Musik herausdestilliert. Dabei gelang es ihm hochkomplexe Themen und starke Kontraste mit scheinbarer Leichtigkeit und bezwingender Emotionalität miteinander in Beziehung zu setzen. Vor einem Jahr starb Jóhannsson im Alter von gerade einmal 48 Jahren. Deutsche Grammophon würdigt den Klangforscher nun mit einem zweiteiligen Großprojekt, das Jóhannssons Hauptwerke umfasst und außerdem einen bislang unveröffentlichten Soundtrack. Am 26. April erscheint der erste Teil der Edition mit insgesamt sieben Alben und einem Hardcover-Book.

Jóhann Jóhannsson kam am 19. September 1969 in Reykjavík auf die Welt und widmete sich von seiner frühen Kindheit an der Musik. In seiner Jugend spielte er in verschiedenen Rock- und Pop-Bands und wurde Teil der isländischen Indie-Szene, bis er über das Theater schließlich zur Komposition fand. Bereits auf seinem Debutalbum Englabörn aus dem Jahr 2002 zeigte er sich als meisterhafter Geschichtenerzähler, der es vermochte, Emotionen und Beziehungen in eindringliche atmosphärische Stimmungsbilder und packende musikalische Psychogramme zu übersetzen. Mit seiner Musik zum Film Prisoners erlangte Jóhannsson 2013 internationale Bekanntheit und wurde nur zwei Jahre später für den Soundtrack zum Film Die Entdeckung der Unendlichkeit mit dem Golden Globe ausgezeichnet und für den Oscar nominiert. Eine weitere Oscar-Nominierung erhielt er 2016 für den Soundtrack zum Thriller Sicario (2015). Auch die Musik für den Science-Fiction-Film Arrival schrieb Jóhannsson. Erst kurz vor seinem Tod wurde der Soundtrack zum Film The Mercy veröffentlicht; weitere Hollywood-Projekte waren in Planung.

Jóhannsson nahm in der zeitgenössischen Komponistenszene eine Vorreiterstellung ein und hob in seinen Werken eindrucksvoll die Grenzen auf zwischen klassischer und elektronischer Musik. Durch die Verschmelzung von minimalistischen Elementen, traditionellen Formen, sinfonischen Weiten und akustischen ebenso wie elektronischen Klängen schuf Jóhannsson poetische Klangbilder von hypnotischer Wirkung und kreierte dabei eine ganz neue Form der Tonsprache.

Auf RETROSPECTIVE I sind frühe Arbeiten von Jóhannsson. Die Werkschau zeigt ihn als ebenso erfindungsreichen wie vielseitigen Komponisten. Da ist zum Beispiel Virðulegu Forsetar aus dem Jahr 2004, ein groß angelegtes elegisches Werk für elf Bläser, Percussion, Elektronik, Orgel und Klavier, aufgenommen in der Hallgrímskirkja in Reykjavík. Das Album Dís wartet mit einer außergewöhnlichen Besetzung auf, darunter Mitglieder der Bands Funerals, Singapore Sling und der Sänger Ragnheiður Gröndal, die Jóhannssons melancholische Erzählung intensiv ausdeuten. And in the Endless Pause There Came the Sound of Bees ist eine Filmmusik zum Animationsfilm Varmints und besticht durch die einzigartige Verknüpfung von sinfonischen mit elektronischen Synthesizer-Klängen, während The Miners’ Hymns als Gesamtkunstwerk aus Bild und Ton die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Jóhannsson und dem amerikanischen Filmemacher Bill Morrison demonstriert. Mit dem Soundtrack zur Dokumentation Copenhagen Dreams widmete Jóhannsson seiner damaligen Wahlheimat eine berührende Klangcollage für Streichquartett, Klarinette, Celesta, Keyboard und Elektronik. Free the Mind wiederum untermalt als Filmmusik für Orchester, Klavier, Percussion und Elektronik mit suggestiver Dichte eine Dokumentation über die Kraft der Meditation.

Eine besondere Stellung nimmt das Album White Boy Black ein. Bis dato unveröffentlicht, beinhaltet es den Soundtrack zum gleichlautenden dänischen Dokumentarfilm, der einfühlsam die Geschichte des tansanischen Albino-Kindes Shida nachzeichnet, das von seinen Eltern getrennt worden ist, um vor den Übergriffen der Medizinmänner geschützt zu werden.

Abgerundet wird das facettenreiche musikalische Porträt des isländischen Komponisten durch zwei Essays von Wyndham Wallace und John Schaefer sowie viele Fotografien des zurückhaltenden Künstlers, die weitere Einblicke in seine Biografie und Musik gewähren.

Christian Badzura, Director New Repertoire bei Deutsche Grammophon, sagt:
»Als Jóhannssons Label halten wir sein Werk in Ehren und sind stolz, seinen facettenreichen Katalog sowie bisher unveröffentlichte Aufnahmen und Kompositionen in den kommenden Jahren veröffentlichen zu dürfen.«

2020 folgt mit RETROSPECTIVE II der zweite Teil der Edition, der Jóhannssons Musik unter anderem zu den Filmen Arrival und The Mercy mit seinen jüngeren Kompositionen wie Orphée vereint. Die Alben der Edition RETROSPECTIVE werden auch digital verfügbar sein auf Plattformen wie Spotify, Apple Music, Amazon, Deezer, Google Play Music, YouTube Music und anderen.