»NONE BUT THE LONELY HEART IST DIE STIMME DES HERZENS«


Daniel Lozakovich widmet sich dem Werk Tschaikowskys in seinem neuen Album für Deutsche Grammophon

  • Der außergewöhnliche Geiger wird begleitet von seinem Mentor Vladimir Spivakov und dem National Philharmonic Orchestra of Russia
  • None but the Lonely Heart offenbart die Melancholie und die emotionalen Extreme in der Kunst des russischen Komponisten

 

Ungewöhnliche Reife spiegelt sich in den Tschaikowsky-Interpretationen von Daniel Lozakovich. None but the Lonely Heart, das am 18. Oktober 2019 von Deutsche Grammophon veröffentlicht wird, bezeugt sie. Auf dem zweiten DG-Album des 18-jährigen Geigers ist eine Live-Aufnahme des Violinkonzerts von Tschaikowsky mit dem National Philharmonic Orchestra of Russia unter der Leitung des Dirigenten und Geigers Vladimir Spivakov zu hören; schon 2010 gab Lozakovich mit ihm sein Debüt als Solist. Das Album enthält außerdem Tschaikowskys Méditation für Violine und Orchester und Arrangements von zwei Vokalstücken: der Arie des Lenski aus Eugen Onegin und die Romanze op. 6 Nr. 6, »Nur wer die Sehnsucht kennt«.

»Die Aufnahmen des Konzerts im Moskauer Swetlanow-Saal liefen wie von selbst«, sagt Daniel Lozakovich. »Während ich mit Vladimir Spivakov und der Russischen Nationalphilharmonie auf der Bühne stand, spürte ich wirklich die russische Seele ihres Klangs. Meine Lieblingsinterpretation von Tschaikowskys Violinkonzert war immer die Aufnahme von Spivakov. Nachdem wir das Werk nun eingespielt hatten, sagte er zu mir: ›Ich habe dieses Konzert die letzten 50 Jahre gespielt. Jetzt wirst du die nächsten 50 Jahre mit diesem Konzert beschäftigt sein.‹ Das hat mir viel bedeutet. Spivakov war der erste Dirigent, mit dem ich gearbeitet habe, der erste, der an mich glaubte und mich förderte, und ich war begeistert, als ich vor drei Jahren den ersten internationalen Vladimir-Spivakov-Wettbewerb gewann. Danach spielte ich unter seiner Leitung und mit diesem Orchester erstmals das Tschaikowsky-Konzert. All diese Debüts trugen zum Gefühl der Verbundenheit bei, ich wollte, dass es sich in der Aufnahme spiegelt. Sie entstand genau an dem Ort, wo wir vor neun Jahren zum ersten Mal gemeinsam spielten.«

Selbst familiär in Russland verwurzelt und trotz seines Alters zutiefst fähig sich in Tschaikowskys melancholisches Wesen einzufühlen, gelingen Lozakovich Interpretationen von gewaltiger emotionaler Intensität. Den freien Ausdruck seines Spiels, erklärt er, verdanke er seinem Unterricht bei Lehrern, die noch unter dem alten Sowjetsystem der Musikerziehung ausgebildet wurden. »Meine Geigenlehrer waren vertraut mit der Sowjetunion. Sie studierten in Moskau oder St. Petersburg und erlebten noch die glorreiche alte russische Tradition.«

Mit dieser Tradition ist auch Lozakovich verbunden, seine Eltern kamen beide aus ehemaligen Sowjetrepubliken. Doch zugleich sind im Stammbaum der Familie acht Nationalitäten verzeichnet, eine kosmopolitische Mischung, die sich auch in Tschaikowskys Musik finde, wie Lozakovich erklärt. »Natürlich sind seine Kompositionen sehr russisch, und das ist auch immer zu spüren. Aber sein Werk hat eine Kultiviertheit und Eleganz, die ich mit Frankreich assoziiere, und dann dieser deutsche Kompositionsstil. In diesem Sinn ist seine Musik international – sie spricht zu allen Menschen.«

None but the Lonely Heart gibt der Schwermut Ausdruck, die Tschaikowskys Musik zugrunde liegt und die doch oft ins Bewusstsein dringt. Distanz zur Welt und der innere Aufruhr, den seine unselige Heirat 1877 auslöste, durchziehen die Werke, die Lozakovich ausgewählt hat. »Tschaikowsky schrieb sein Violinkonzert 1878 in Clarens am Genfer See«, sagt der Geiger. »Er fuhr in die Schweiz, um sich von dem Unglück seiner Heirat zu erholen, und skizzierte dort das Werk in nur drei Wochen. Es lenkte ihn von der Realität ab und von seinen düsteren melancholischen Gefühlen. Darum ist ›None but the Lonely Heart – Nur wer die Sehnsucht kennt‹ gewissermaßen das Motto dieses Albums. Das Violinkonzert kann den Zuhörer manchmal in seiner Extrovertiertheit packen, aber bei der Romanze geht Tschaikowsky ganz nach innen. Man versteht das Gefühl des völligen Alleinseins. ›Nur wer die Sehnsucht kennt‹ ist die Stimme des Herzens.«