»Musik kann uns etwas fürs Leben lehren, nämlich wie sich Leidenschaft und Disziplin miteinander vereinbaren lassen«

Daniel Barenboim, August 2016

Daniel Barenboim – Biografie

Klassische Musik vermag Trennungen zu überwinden und Widerstand gegen Ignoranz zu leisten – eine Kraft, die Daniel Barenboim seit seiner frühen Kindheit verspürt. Der Pianist und Dirigent, einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit, hat sich mit seinen Auftritten an den führenden Häusern der ganzen Welt höchstes Ansehen erworben. Mit seinem Anliegen, durch Kultur geistige Barrieren abzubauen, erreicht er zahlreiche Menschen, ebenso wie mit seinem Engagement für das intensive Zuhören und den freien Dialog – zwei Dinge, die wechselseitig voneinander abhängen. »Um Musik zu machen, muss man zuhören«, sagte er im März 2017. »Man muss hören, was der andere tut, aber man muss auch hören, was man selbst tut und was es für den anderen bedeutet – dies ist die beste Schule für menschliche Beziehungen.«

Zuhören und reagieren sind zwei zentrale Fähigkeiten in Daniel Barenboims musikalischem Leben. Sie sind schon in den ersten Aufnahmen präsent, die er 1955 als Pianist machte. Seine riesige Diskografie als Pianist und Dirigent umfasst ein breites Repertoire von sämtlichen Klaviersonaten, Konzerten und Symphonien Beethovens bis zu Werken von Boulez und Carter. 1972 schloss er seinen ersten Vertrag mit Deutsche Grammophon, aus dem Maßstäbe setzende Aufnahmen mit Dietrich Fischer-Dieskau, Christa Ludwig, Pinchas Zukerman, Itzhak Perlman und Jessye Norman sowie eine ganze Reihe von Alben mit Soloklavierwerken und Orchestermusik hervorgingen. 2010 setzte er seine Beziehung zum gelben Label durch einen langfristigen Vertrag mit Decca/Deutsche Grammophon fort, und im März 2018 unterzeichnete er einen neuen und exklusiven Vertrag mit Deutsche Grammophon.

Daniel Barenboim wurde am 15. November 1942 in Buenos Aires geboren. Beide Eltern, die Kinder russisch-jüdischer Auswanderer nach Argentinien, waren Musiker und begabte Pädagogen. Daniel studierte Klavier bei seinem Vater, der sein einziger Lehrer blieb. Seine Liebe zur Musik verstärkte sich, als er mit sieben Jahren sein erstes öffentliches Recital gab, und erhielt neue Impulse, als die Familie auf dem Weg zu einem neuen Leben in Israel 1952 nach Europa kam. In Salzburg begann er bei Igor Markevitch ein Dirigentenstudium, und er begegnete auch Wilhelm Furtwängler, der erklärte, der Elfjährige sei »ein Phänomen«. Er erhielt dann ein Stipendium, um 1955–56 Harmonielehre und Kontrapunkt bei Nadia Boulanger in Paris zu studieren. Ein sensationelles Recital-Debüt in der Wigmore Hall in London, unter anderem mit Beethovens »Hammerklaviersonate«, sowie Konzert-Debüts in Paris (1955) und mit den New Yorker Philharmonikern und Leopold Stokowski in New York (1957) bestätigten den Rang des Teenagers als musikalisches Ausnahmetalent.

In den 1960er-Jahren perfektionierte Barenboim seine Fähigkeiten als Dirigent, während er gleichzeitig seinen internationalen Ruf als Solopianist und Kammermusiker festigte. Als Dirigent arbeitete er viel mit dem English Chamber Orchestra, und als er 1967 in London kurzfristig für einen erkrankten Kollegen am Pult des Philharmonia Orchestra einsprang, erregte er europaweit Aufmerksamkeit. Im selben Jahr nahm er Beethovens Klavierkonzerte mit Otto Klemperer und dem New Philharmonia Orchestra auf und spielte sämtliche Klaviersonaten des Komponisten bei Recitals in London, Tel Aviv und Wien.

Barenboims künstlerische Entwicklung wurde stark geprägt durch die Zusammenarbeit mit seiner Frau, der jung verstorbenen Cellistin Jacqueline Du Pré, den Geigern Itzhak Perlman und Pinchas Zukerman sowie den Sängern Dame Janet Baker und Dietrich Fischer-Dieskau. Zudem profitierte er dauerhaft davon, Sir John Barbirollis Arbeit mit dem Hallé Orchestra beobachten zu können. »Im Hinblick auf den Orchesterklang lernte ich das meiste von Barbirolli«, berichtet er.

Daniel Barenboims Dirigentenlaufbahn erhielt weiteren Auftrieb, als er 1968 mit dem London Symphony Orchestra in New York gastierte. Schon bald stellte er als Gastdirigent enge Beziehungen zu den Berliner Philharmonikern, dem London Philharmonic Orchestra und dem Chicago Symphony Orchestra her. Seine Nähe zur Oper offenbarte sich mit einer Mozart-Reihe beim Edinburgh International Festival, die 1973 mit Don Giovanni begann. 1975 wurde er Musikdirektor des Orchestre de Paris. Er behielt dieses Amt bis 1989 und setzte sich während dieser Zeit besonders für zeitgenössische Musik von Komponisten wie Berio, Boulez, Dutilleux, Henze, Lutosławski und Takemitsu ein. 1978 begann Barenboim eine ertragreiche Zusammenarbeit mit der Deutschen Oper Berlin. Drei Jahre später trat er in einer Neuinszenierung von Tristan und Isolde erstmals bei den Bayreuther Festspielen auf. 18 Jahre hindurch kehrte er dann jeden Sommer nach Bayreuth zurück, wo er Parsifal, Harry Kupfers gefeierte Neuinszenierung des Rings, Die Meistersinger von Nürnberg und Heiner Müllers innovative neue Produktion von Tristan und Isolde dirigierte.

1991 wurde Barenboim Nachfolger von Sir Georg Solti als Musikdirektor des Chicago Symphony Orchestra; im Jahr darauf wurde er Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Im Jahr 2000 ernannte ihn die Staatskapelle Berlin zum »Chefdirigenten auf Lebenszeit«, 2006 erhielt er den Titel »Ehrendirigent auf Lebenszeit« des Chicago Symphony Orchestra. Er tritt regelmäßig mit den Berliner Philharmonikern und den Wiener Philharmonikern auf, deren Neujahrskonzert er 2009 und 2014 leitete. Die Vielfalt von Barenboims Arbeit zeigt sich in seiner Zusammenarbeit mit der Mailänder Scala: Nachdem er 2007 als Erster Gastdirigent an diese berühmte italienische Institution zurückgekehrt war, dirigierte er dort viele erfolgreiche Opernproduktionen, darunter Guy Cassiers Neuinszenierung des Rings, gab der Kammermusik-Reihe des Hauses neue Impulse und leitete das Orchestra Filarmonica della Scala zu Hause und auf Tournee. 2011 bis 2014 war er Musikdirektor der Mailänder Scala.

Daniel Barenboims Leben nahm eine neue Wendung durch die zufällige Begegnung mit Edward Said, einem palästinensisch-amerikanischen Literaturkritiker und bekannten Intellektuellen. Er teilte viele Ansichten Saids über die Zukunft des Nahen Ostens und unterstützte seinen Aufruf zu einer friedlichen Lösung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern, die auf Dialog, Respekt und gegenseitigem Verständnis basieren sollte. Sie wurden enge Freunde und gründeten 1999 das West-Eastern Divan Orchestra, ein Ensemble von jungen Musikern aus dem Nahen Osten, unter anderem mit Israelis, Palästinensern, Ägyptern, Syrern und Jordaniern. »Die Schicksale dieser Menschen sind untrennbar miteinander verbunden«, stellte Barenboim damals fest, »also entweder töten wir einander oder wir lernen, miteinander zu leben.«

Das West-Eastern Divan Orchestra ist zu einem Symbol der Hoffnung und einem Ort des Dialogs geworden. Im März 2017 erhielt es ein dauerhaftes Domizil, als der Pierre Boulez Saal eröffnet wurde, als Zentrum für Bildung durch Musik, der im Gebäude der Barenboim-Said Akademie untergebracht ist. Die Akademie, die ihren Lehrbetrieb im Oktober 2016 aufnahm, wurde von Daniel Barenboim gegründet, um das Vermächtnis seiner Arbeit mit dem inzwischen verstorbenen Edward Said weiterzuentwickeln. Dazu gehört nicht zuletzt auch das Angebot einer musikalischen und geisteswissenschaftlichen Ausbildung für junge Musiker aus dem Nahen Osten. Barenboims Projekt des Boulez Saals steht, wie Die Welt schrieb: »Gegen Intoleranz und Unterdrückung, für das freie Wort und für das Bewahren gemeinsamer Werte – durch Hinterfragen, Neubeurteilen, vor allem aber durch gemeinsames Spielen und kollektives Hören.« In Berlin gibt es auch den Musikkindergarten, den Barenboim 2005 gründete. Er formulierte auch das Motto und den Auftrag der Institution, »Nicht Musikerziehung, sondern Erziehung durch Musik«, und unterstützt durch regelmäßige Besuche immer noch das Team von besonders ausgebildeten Pädagogen.

Texte über Musik und die zivilisatorische Kraft der Kultur spielen eine zunehmend wichtige Rolle in Daniel Barenboims engagierter Arbeit als Künstler und Pädagoge. 2006 hielt er Vorträge im Rahmen der BBC Reith Lectures, in denen er der wechselseitigen Abhängigkeit zwischen Musik und Gesellschaft nachging. Neben seiner Autobiografie A Life in Music (dt. Die Musik – Mein Leben) gehören unter anderem zu seinen Schriften: Parallels and Paradoxes (dt. Parallelen und Paradoxien), eine Reihe von Diskussionen mit Edward Said; La musica sveglia il tempo (dt. »Klang ist Leben« – die Macht der Musik), eine Sammlung von Essays, die vom »heldenhaften und mühsam gewonnenen« Optimismus des Autors geprägt ist, wie The New Yorker schrieb; und Dialogue sur la musique et le théâtre: Tristan et Isolde (mit Patrice Chérau).

Für seine musikalische und humanitäre Arbeit wurden Daniel Barenboim zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen zuteil. Unter anderem wurde er zum Grand Officier der französischen Ehrenlegion und Knight Commander of the Order of the British Empire (KBE) ernannt und erhielt das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, den spanischen »Príncipe de Asturias«-Preis (zusammen mit Edward Said), den japanischen »Praemium Imperiale« für Kunst und Kultur, den Kulturpreis der israelischen Wolf Foundation, den Toleranzpreis der Evangelischen Akademie Tutzing, die Buber-Rosenzweig-Medaille, den Willy-Brandt-Preis, den Ernst von Siemens Musikpreis sowie den Herbert-von-Karajan-Musikpreis.

Barenboim feierte unlängst seinen 75. Geburtstag, aber nach wie vor ist er ständig unterwegs für Aufnahmen, Konzerte und Tourneen. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen bei Deutsche Grammophon zählen: On My New Piano, Werke von Scarlatti, Beethoven, Chopin, Wagner und Liszt in seiner ersten Soloaufnahme auf dem Konzertflügel, den er mit dem Instrumentenbauer Chris Maene konzipiert hat; Bruckner: The Complete Symphonies mit der Staatskapelle Berlin; und Hommage à Boulez mit dem West-Eastern Divan Orchestra. Anlässlich des Gedenkjahrs zu Debussys 100. Todestag hat er eine persönliche Auswahl von Werken für Soloklavier des Komponisten aufgenommen, darunter Estampes, die Suite bergamasque und Buch I der Préludes. Das Album erschien international am 12. Januar 2018, und im selben Monat spielte Barenboim Buch I der Préludes in der Pariser Philharmonie und im Pierre Boulez Saal in Berlin. Kommende Live-Höhepunkte sind zudem Wagners Tristan und Isolde an der Berliner Staatsoper und Mahlers Symphonie Nr. 7 mit den Wiener Philharmonikern in Leipzig und Berlin (beides im März 2018); Verdis Falstaff und Wagners Parsifal an der Berliner Staatsoper im Rahmen der Berliner Festtage (März/April 2018); sowie Kammermusik mit Kian Soltani, Michael Barenboim und dem Boulez Ensemble im Pierre Boulez Saal in Berlin (April 2018).

3/2018