Maurizio Pollini - Biografie

Maurizio Pollini nimmt einen besonderen Platz unter den großen Pianisten unserer Zeit ein – er wird gefeiert für seine unvergleichliche Raffinesse und sein intensives und kompromisslos integres Spiel. Die Fachzeitschrift Gramophone rühmte den italienischen Künstler als »eine überragende musikalische Instanz«, eine Einschätzung, die gestützt ist auf sechs Jahrzehnte des Beifalls, von Kritik und Publikum, für die Kraft und Schönheit seiner künstlerischen Arbeit. Pollinis charaktervoller Ausdruck und seine vollendete Technik ermöglichen einen tiefen Einblick in Werke der Vergangenheit und der Gegenwart.

Mit seinem ersten Studio-Album bei Deutsche Grammophon sorgte Pollini 1972 für eine Sensation. Seine Aufnahmen von Strawinskys Trois Mouvements de Pétrouchka und der Klaviersonate Nr. 7 von Prokofjew setzten neue Maßstäbe für die Aufführung zeitgenössischer Musik; sie ließen zudem seine Absicht erkennen, ein breites Repertoire zu erschließen. Pollini ist seither DG-Exklusivkünstler und er blickt auf eine umfängliche Diskografie von bemerkenswerter Tiefe, die von sämtlichen Klaviersonaten Beethovens und großen Teilen von Chopins Œuvre bis zu Werken von Boulez, Nono, Schönberg und Webern reicht.

Sein neustes Album, Maurizio Pollin – Chopin, erscheint am 25. Januar 2019. Es enthält die Nocturnes op. 55, Mazurken op. 56, die Berceuse op. 57 und die Klaviersonate in h-Moll op. 58, alles Werke, die 1843 oder 1844 entstanden. Im Oktober 2016 feierte das gelbe Label den 75. Geburtstag des Pianisten mit einer Sonderausgabe von 55 CDs und 3 DVDs: Maurizio Pollini – Complete Recordings on Deutsche Grammophon. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen ein Tribut an Debussy zu dessen 100. Todestag – das gesamte zweite Buch der Préludes und darüber hinaus eine Aufführung von En blanc et noir für zwei Klaviere mit seinem Sohn Daniele (Februar 2018); ein früheres Album mit Chopins späten Werken (Januar 2017); die Klavierkonzerte von Brahms mit der Staatskapelle Dresden und Christian Thielemann (Oktober 2011 und April 2014) sowie das letzte Album in Pollinis Gesamtaufnahme der Klaviersonaten von Beethoven (November 2014), der Abschluss des von der Kritik mit Beifall begleiteten Projekts, das 1977 mit einer von Gramophone preisgekrönten Aufnahme der späten Sonaten begonnen hatte.

Pollinis Aufnahme von Chopins Nocturnes erhielt 2006 einen Grammy in der Kategorie »Beste Soloinstrument-Darbietung ohne Orchester«. Zur Vielzahl der Preise und Auszeichnungen für seine Aufnahmen gehören der Diapason d’Or 2001 für Beethovens Diabelli-Variationen und die Ernennung zum Mitglied der »Hall of Fame« von Gramophone (2012). Hinzu kommen unter anderem der Ernst von Siemens Musikpreis (1996), der Praemium Imperiale (2010) und der Instrumentalisten-Preis der Royal Philharmonic Society (2011).

Der Literaturwissenschaftler und Kulturkritiker Edward Said stellte fest, »eine solche Befriedigung, wie sie Pollinis schlichte, unprätentiöse Interpretationen bieten, ist sehr selten zu finden«. Die Fähigkeit des Pianisten, dem Klavier einen unendlichen Reichtum von klanglichen Nuancen und Schattierungen abzugewinnen, ist dafür verantwortlich. Für Pollini ist das Klavier ein »neutrales« Instrument, das sich als Mittel für grenzenlose Ausdrucksmöglichkeiten nutzen lässt. »Zu sehen, wie dieses Instrument reagiert und hervorbringt, was auch immer man tun möchte ... ist etwas ganz Wunderbares«, bemerkte er 2014. »Deshalb bin ich immer noch so glücklich, Pianist zu sein.«

Bei Maurizio Pollini denkt man sofort an die Werke von Beethoven, Chopin, Schumann und Brahms, aber sein Repertoire ist viel breiter und umfasst alles von Bach und Mozart bis zu Debussy, Bartók und jüngeren Komponisten. Er hat sich während seiner gesamten Karriere für zeitgenössische Musik eingesetzt und regelmäßig Werke von Pierre Boulez, Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen bei Recitals in den großen internationalen Konzertsälen gespielt. Inspiriert ist Pollinis Kunst vor allem von seiner andauernden Liebe zu jedem Werk, das er spielt. Dem Filmemacher Bruno Monsaingeon sagte er in der Dokumentation De main de maître aus dem Jahr 2014 (auf DVD 2015 von DG veröffentlicht): »Meine Entscheidung, ein Stück in mein Repertoire aufzunehmen, basiert auf der absoluten Gewissheit, dass ich der Werke, die ich ausgewählt habe, nie überdrüssig sein werde.«

Sein bei den Salzburger Festspielen 1995 ins Leben gerufene Progetto Pollini zeichnet sich durch die Verbindung von zeitgenössischer Musik und Werken aus dem Kernrepertoire der Klassik und der Romantik aus. Er erweiterte das Projekt in den folgenden Jahren mit Pollini Perspectives, einer weltweit dargebotenen Reihe von Recitals, in denen neue Auftragswerke neben Meilensteinen der Klavierliteratur standen. Pollinis Interpretationen haben sich seither immer noch weiterentwickelt und an Tiefe gewonnen. Nach einem Recital in der Carnegie Hall im letzten April rühmte der New Yorker seine »radikal neuartige« Auffassung von Chopin und die »klanglichen, historischen und dramatischen Überraschungen« seiner Darbietung des zweiten Buchs von Debussys Préludes«.

Zu Pollinis Saison 2017/18 gehörten auch Aufführungen von Schumanns Klavierkonzert mit der Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim, die Rückkehr zur Mailänder Scala, Pariser Philharmonie, Berliner Philharmonie, Royal Festival Hall und zum Musikverein sowie ein reines Chopin-Recital in der Accademia di Santa Cecilia in Rom. Jüngste und kommende Höhepunkte der laufenden Saison sind Recitals in China und Japan, Schumanns Klavierkonzert mit den New Yorker Philharmonikern und Jaap van Zweden im Lincoln Center, Solowerke von Chopin und Debussy in der Carnegie Hall und ein Recital mit Musik von Beethoven, Schönberg und Nono bei den Salzburger Festspielen in diesem Sommer.

Maurizio Pollini wurde im Januar 1942 in Mailand geboren. Kunst und Musik gehörten wie selbstverständlich zu seiner Kindheit. Sein Vater, ein versierter Geiger, war einer der ersten modernistischen Architekten in Italien, seine Mutter war eine ausgebildete Pianistin und Sängerin. Sein Onkel, Fausto Melotti, war ein führender italienischer Bildhauer, ein Pionier der abstrakten Kunst und ein ausgezeichneter Amateurpianist. Maurizio begann mit fünf Jahren Klavier zu spielen – er erhielt zunächst Unterricht bei Carlo Lonati, trat mit neun Jahren erstmals öffentlich auf und kehrte während der nächsten Jahre mehrmals aufs Konzertpodium zurück.

Ermutigt von seinem zweiten Lehrer, Carlo Vidusso, gab Pollini 1956 in Mailand ein bemerkenswertes Recital mit Chopins Etudes. Die praktische Erfahrung, diese ungeheuer schwierigen Stücke zu lernen, legte die Grundlage für die makellose Technik des jungen Pianisten. Vier Jahre später erregte der 18-Jährige weltweit Aufsehen als Gewinner des 6. Internationalen Chopinwettbewerbs in Warschau. Dieser Sieg stand eigentlich am Beginn seiner internationalen Karriere, aber er fühlte sich noch nicht reif für deren Anforderungen und zog sich fast zwei Jahre lang aus dem Konzertleben zurück. Er studierte bei dem legendären Arturo Benedetti Michelangeli und vertiefte sich in die Musik von Beethoven, Schumann und Brahms.

»Heute empfinde ich es als große Ehre, Chopinspezialist genannt zu werden«, berichtet Pollini. »Aber damals wollte ich viele andere musikalische Erfahrungen sammeln.« Als er in den 1960er-Jahren in die Konzertszene zurückgekehrt war, versetzte er Publikum und Kritiker mit der Reife und Qualität seines Spiels in Erstaunen. Er schloss eine lebenslange musikalische Partnerschaft mit seinem Freund Claudio Abbado und entwickelte weitere künstlerische Beziehungen unter anderem mit Pierre Boulez und Luigi Nono. Letzterer schrieb zwei Werke für Pollini, eines davon für Klavier, Solosopran, Orchester und Tonband zum Gedächtnis an einen chilenischen Revolutionsführer.

Beflügelt von Positionen der politischen Linken und dem Glauben an die Kunst als Motor für sozialen Wandel, wirkte Pollini in den späten 1960er- und den 1970er-Jahren bei Konzerten mit, die für Studenten und Arbeiter an der Mailänder Scala und in ganz Italien veranstaltet wurden. »Wirklich große Kunst besitzt ein progressives Element, das die Gesellschaft benötigt, auch wenn Kunst nach rein praktischen Maßstäben völlig nutzlos erscheint«, sagte er dem Guardian 2011. »Kunst ist in gewisser Weise so etwas wie die Träume einer Gesellschaft. Sie scheinen wenig zu bewirken, aber ebenso wie Schlafen und Träumen notwendig sind, denn der Mensch kann ohne sie nicht leben, kann eine Gesellschaft auch nicht ohne Kunst existieren.«

1/2019