MUSIKALISCHE REISE IN DEN ORIENT

Das jüngste Album von Nemanja Radulović führt durch verschiedene musikalische Welten. Baïka begibt sich auf eine Reise von Chatschaturjans Armenien über Rimsky-Korsakows imaginiertes Bagdad bis hin zu Sedlars Schwarzmeerküste. Begleitet wird der franko-serbische Geiger von musikalischen Weggefährten und langjährigen Freunden. Das Album erscheint am 9. November 2018 bei Deutsche Grammophon.

Dass er nicht nur schlicht ein Geiger ist, sondern darüber hinaus ein vollkommener Künstler, der jedes Stück, das er spielt, zum Leben erweckt, stellt Nemanja Radulović schon lange unter Beweis, nicht zuletzt mit seinen Aufnahmen bei Deutsche Grammophon: sie reichen von glanzvollem Repertoire für Violine und Orchester in den Konzerten von Bach und Tschaikowsky bis zu dem Album Journey East mit kürzeren Stücken, das seiner Mutter gewidmet und vielleicht sein bislang persönlichstes ist. Mit seinem temperamentvollen, aber auch zarten Spiel erreicht er das Publikum in den großen Konzertsälen ebenso wie jene Zuhörer, die nicht sehr oft klassische Musik hören.

»Wenn ich als Künstler eine „Mission“ habe, dann diese: Ich möchte das, was ich am meisten liebe, mit allen teilen«, sagt Radulović. Deshalb gestaltet er seine Programme auch gerne als eine Art musikalische Erzählung, die die Fantasie der Hörer mit auf Reisen nimmt. In seiner Auffassung der Stücke, die er spielt, gibt es immer eine Geschichte.

Schon mit seinen letzten Alben machte er sich allmählich Richtung Osten auf: Journey East erzählte vom traditionellen, klassischen Mittel- und Osteuropa mit Stücken von Brahms, Dvořák und Schostakowitsch, Komponisten, die sich von Volksmusik und slawischen Liedern inspirieren ließen. Als nächstes gab es ein Bach-Album: mit seinen Interpretationen des Violinkonzerts a-Moll und des Konzerts für zwei Violinen stellte Radulović einen Bach von heute vor, »dessen Musik durch die Zeiten reist«; daneben spielte er auch das Violakonzert des Bach-Sohnes Johann Christian. Im Anschluss nahm Radulović eine CD mit Werken des großen symphonischen Repertoires auf: Tschaikowskys Violinkonzert und seine Rokoko-Variationen in einem Arrangement für Bratsche (Ersteinspielung). Und nun widmet sich der Geiger mit Baïka – was auf Serbisch »Märchen« oder »Geschichte« heißt – der Musik des Orients.

Der Interpretationsansatz von Radulović ist nicht so schnell auf eine Formel zu bringen. Sein stilistisch allseits offenes Spiel integriert durchaus Einflüsse der historisch informierten Aufführungspraxis, überlässt sich aber auch – wenn er virtuose Bravourwerke spielt, die leider lange Zeit als zweitrangig galten – gern moderneren Ansätzen. Außerdem liebt er Bearbeitungen, die Vorhandenes weiterführen und manchmal auch ganz neu denken. Wenn er seine Programme zusammenstellt, inspirieren ihn vor allem die Begegnungen, denn er weiß, das aus der Zusammenarbeit neue Geschichten hervorgehen. So entstand auch Baïka.

Die Idee zu Baïka kam im Anschluss an die erste gemeinsame Tournee von Radulović mit Sascha Goetzel und dem Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra auf. Max Bruchs Erstes Violinkonzert und Rimsky-Korsakows Scheherazade standen auf dem Programm. Während der Tour saß Nemanja Radulović in der zweiten Konzerthälfte im Publikum, und zunehmend faszinierte ihn die Partie der Solovioline in der Scheherazade. Und so entstand die Idee für eine Fortschreibung dieses märchenhaft parlierenden Solos. Er bat seinen Freund, den serbischen Komponisten Aleksandar Sedlar, das Werk für Violine solo und sein Ensemble Double Sens zu bearbeiten. Die daraus entstandene Suite mit Themen Rimsky-Korsakows – an der Komposition der Solo-Parts war Nemanja Radulović selbst beteiligt – steht ganz in der Tradition jener Bravourwerke für Violine solo, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts von Sarasate und Wieniawski geschaffen wurden.

Seit dieser gemeinsamen Tour arbeiten der Geiger, das Orchester und der Dirigent regelmäßig zusammen. Sie trafen sich in Istanbul, um das Konzert für Violine und Orchester von Aram Chatschaturjan einzuspielen, das – entstanden in der Sowjetzeit – anders als Scheherazade das Gegenteil eines märchenhaften Orients hören lässt, nämlich das reale Armenien.

Nemanja Radulović hat ein Faible für den gebürtigen Armenier Chatschaturjan, dessen berühmten Säbeltanz er bereits auf seinem Album Journey East einspielte. Nun wählte er das Trio für Klarinette, Violine und Klavier als Pendant zum Violinkonzert des Komponisten aus, letzteres mit starken Bezügen zum Trio, weil die Klarinette im Orchesterpart eine zentrale Rolle einnimmt. Auch hier wünschte Radulović sich für die Aufnahme Musiker als Partner, die er bereits gut kennt und hoch schätzt: den Klarinettisten Andreas Ottensamer und die Pianistin Laure Favre-Kahn.

Eine runde Sache wird diese musikalische Reise Richtung Orient mit einer Komposition von Aleksandar Sedlar. Savcho 3 stammt ursprünglich aus einem Konzert für Saxophon und Orchester. Sedlar bearbeitete den von traditionellen Melodien der Schwarzmeerküste geprägten Satz für Solovioline und das Ensemble Double Sens. So ist auch in Fragen der Besetzung ein farbenreiches Album entstanden, es bietet Radulovićs Violine mit groß besetztem Orchester, mit Streicherensemble und Klavier und in lupenreiner Kammermusik. Und mit den Aufnahmeorten Berlin, Belgrad und Istanbul wird die Reise auch ganz real abgebildet.