YELLOW LOUNGE X MUSIKBRAUEREI


Friday, 08.11.2019 // 21 h
Musikbrauerei // Greifswalder Str. 23 A // 10405 Berlin
Live-Act:
Daniil Trifonov (Klavier)
DJ: Clé
VJ: Philipp Geist

More info below
www.yellowlounge.de





JENSEITS DES HORIZONTS

  • Daniil Trifonov vollendet sein Projekt Destination Rachmaninov mit den Klavierkonzerten Nr. 1 und 3 des Komponisten
  • Wie einst der Komponist nimmt Trifonov die Werke mit dem Philadelphia Orchestra auf, hier unter Leitung von Yannick Nézet-Séguin
  • Auf dem Album sind auch Trifonovs eigene Transkriptionen von Rachmaninoffs ergreifender Vocalise und »Die silbernen Schlittenglocken«

 

»Während der Solopassagen des Pianisten stand Nézet-Séguin – sonst immer in Bewegung – einfach still, den Taktstock gesenkt. Sein Blick verriet ehrfürchtiges Staunen und sein feines Lächeln schien zu sagen: ›Daniil, du bist unser Mann!‹«

Rachmaninoff, Klavierkonzert Nr. 3, BroadStreetReview.com, 16. April 2018

 

Destination Rachmaninov · Arrival zeigt einen Meister am Werk. Der russische Pianist Daniil Trifonov spielt das besonders schwierige und anspruchsvolle Klavierkonzert Nr. 3 von Rachmaninoff ein sowie sein Klavierkonzert Nr. 1. Sein neuestes Album erscheint im Herbst dieses Jahres. Es enthält außerdem Trifonovs Transkriptionen für Soloklavier von »Die silbernen Schlittenglocken« und Vocalise. Vor 80 Jahren schuf der Komponist selbst legendäre Aufnahmen der beiden Konzerte mit dem Philadelphia Orchestra. Jetzt bilden sie das Zentrum von Trifonovs jüngster Veröffentlichung bei Deutsche Grammophon, der zweiten im Rahmen seiner Gesamteinspielung der Klavierkonzerte des Komponisten mit dem Philadelphia Orchestra und dessen Musikdirektor Yannick Nézet-Séguin.

Gedanken über Entwurzelung und die historischen Kräfte, die ein Künstlerleben bestimmen können, prägten Daniil Trifonovs Auseinandersetzung mit Rachmaninoff. Mit seinem Projekt schlägt er eine Brücke, sowohl zeitlich als auch räumlich, zwischen Rachmaninoffs jungen Jahren in den letzten Jahrzehnten des russischen Zarenreichs und seinem Leben im Exil nach der Oktoberrevolution.

»Das Dritte Klavierkonzert ist ein singuläres Beispiel für eine unendliche Melodie«, sagt der Pianist, »für den kontinuierlichen Strom musikalischen Bewusstseins – eine einzige ekstatische Reise. Es gibt nichts Banales im Ausdruck. Selbst in besonders lyrischen oder virtuosen Passagen dient jede Note einem höheren Zweck.« Dieser Zweck, so Trifonov, sei nicht weniger als »ein spirituelles Ergründen der Geheimnisse der Seele«.

Nur ein Interpret, der die gewaltigen technischen Herausforderungen des Dritten Klavierkonzerts vollkommen beherrscht, kann es in seiner Tiefe verstehen. Entsprechend ist in Daniil Trifonovs Interpretation Virtuosität kein Selbstzweck, sondern das Mittel, um sich auf ein spirituelles Abenteuer einzulassen. Das Werk, sagt der Pianist, »ist durch ein einzigartiges Gefühl gekennzeichnet – durch andächtige Intimität. Es ist wie ein Gebet – das innere Gespräch des Komponisten mit sich selbst und mit Gott.«

Dieser Vergleich kommt Trifonov auch in den Sinn, wenn er von Rachmaninoffs Vocalise spricht. Das Stück, das 1912 als textloses Lied für hohe Gesangsstimme und Klavier geschrieben wurde, erreichte solche Beliebtheit, dass der Komponist es schon bald für Sopran und Orchester arrangierte. Es folgten zahllose weitere Arrangements für die unterschiedlichsten Besetzungen, von der Jazzband bis zum Solo-Theremin. »Es ist so rein und aufrichtig, von so berührender Schlichtheit«, sagt Trifonov. »Es hat jene Nähe zur Meditation, die so typisch erscheint für Rachmaninoffs Musik.«

Rachmaninoffs Erstes Klavierkonzert ist ein Frühwerk, das der Komponist kurz nach seinem Abschluss am Moskauer Konservatorium 1891 vollendete. Noch nichts Tragisches war im Leben des Komponisten geschehen, erklärt Trifonov. Und dieser freimütige Charakter des Konzerts blieb erhalten, auch als Rachmaninoff es im November 1917 während der turbulenten ersten Wochen der Oktoberrevolution überarbeitete. Zeit seines Lebens sollte es Rachmaninoff an den Optimismus seiner Jugend erinnern. »Für ihn war es verbunden mit Gedanken an seine Heimat, an seine Wurzeln – an glücklichere Zeiten.«

Yannick Nézet-Séguin und das Philadelphia Orchestra haben Daniil Trifonov auf seiner Rachmaninoff-Reise begleitet. »Schon als wir 2015 an der Rhapsodie über ein Thema von Paganini arbeiteten, fiel mir sofort auf, wie viel Respekt diese Musiker Rachmaninoffs Musik entgegenbringen und wie gut sie seine musikalische Sprache kennen«, sagt der Pianist. »Für mich war es eine großartige Idee, eine Gesamteinspielung seiner Konzerte mit dem Philadelphia Orchestra und Yannick für Deutsche Grammophon zu machen.« Nézet-Séguin stimmt ihm zu: »Da ist etwas Besonderes. Es ist schwer zu fassen, aber die Musiker sind mit einer Mischung aus Tradition, Stolz, Verständnis und Leistung gesegnet.«

Destination Rachmaninov · Arrival erscheint am 11. Oktober 2019. Trifonov spielt Rachmaninoff in der Londoner Royal Festival Hall (22. März 2020), Hamburger Elbphilharmonie (25. März), Berliner Philharmonie (26. März) und im Wiener Konzerthaus (28. März). Kurz darauf ist er Solist in Mozarts Klavierkonzert Nr. 25 in C-Dur KV 503 auf einer Europatournee mit den New Yorker Philharmonikern und Jaap van Zweden. Die zweiwöchige Tournee beginnt am 30. April im Barbican Centre in London, weitere Stationen sind Köln, Luxemburg, Lyon, Stockholm, Berlin und Dresden.




HERAUSRAGEND UNTER DEN BESTEN

Daniil Trifonov legt sämtliche Klavierkonzerte Rachmaninoffs vor und zeigt Einfallsreichtum und Modernität der Werke auf

Herbst 2018: »Destination Rachmaninov – Departure« mit den Konzerten Nr. 2 und 4

Herbst 2019: »Destination Rachmaninov – Arrival« mit den Konzerten Nr. 1 und 3

Begleitet vom Philadelphia Orchestra, das Rachmaninoffs Musik versteht,
wie kein anderes

Unter Leitung von Yannick Nézet-Séguin

Ein Tribut an das Klavierspiel Rachmaninoffs – und eine Entdeckungsreise


»Ich habe die meisten Aufnahmen von Rachmaninoffs Konzerten gehört, und nach dem, was ich am Freitag hörte, werden diese nicht wie irgendeine der anderen klingen. Auf gute Weise. Vielleicht auf großartige Weise«, Rezension des Zweiten Klavierkonzerts, Philadelphia Inquirer, April 2018.

Als Teenager holte sich Daniil Trifonov durch Rachmaninoff-Aufnahmen so manche Lektion, die jetzt auch in die künstlerische Arbeit an seinem jüngsten Projekt für Deutsche Grammophon einfloss. Destination Rachmaninov – Departure ist das erste von zwei Alben mit Trifonovs Zyklus der Klavierkonzerte des großen russischen Komponisten. Das Programm der neuen Aufnahme, die am 12. Oktober 2018 erscheint, enthält die Konzerte Nr. 2 und 4 sowie Rachmaninoffs Transkription für Soloklavier von drei Sätzen aus Bachs Partita für Violine in E-Dur. Zusammen mit dem zweiten Album, Destination Rachmaninov – Arrival (Veröffentlichung im Oktober 2019), dokumentiert die Aufnahme eine eindrucksvolle künstlerische Entdeckungsreise, begleitet vom Philadelphia Orchestra und seinem Musikdirektor Yannick Nézet-Séguin.

Daniil Trifonov widerstand der Versuchung, die Werke Rachmaninoffs in sein Repertoire aufzunehmen – trotz seiner großen Liebe zur Musik des Komponisten. Erst wollte er sich sicher sein, ihre Herausforderungen meistern zu können. 2011, nach seinem Sieg beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau, war es soweit. Und nur zwei Jahre später feierten ihn die Kritiker für seine Interpretationen von RachmaninoffsVariationen über ein Thema von Chopin und Variationen über ein Thema von Corelli. Trifonov wählte beide Werke für seine erste Studioaufnahme für Deutsche Grammophon. Als Hommage an den Komponisten schrieb er eigene Miniaturen, seine Rachmaniana , und krönte das Projekt mit der Rhapsodie über ein Thema von Paganini, aufgenommen mit dem Philadelphia Orchestra, das bekannt ist für seine langjährige enge Beziehung zu Rachmaninoff und dessen Musik. Drei Jahre sind seither vergangen.

Nun legt der Pianist Destination RachmaninovDeparture vor und koppelt Rachmaninoffs Klavierkonzert Nr. 2, das zu den populärsten Konzerten überhaupt zählt, mit dem Konzert Nr. 4. Im kommenden Jahr folgt Destination Rachmaninov – Arrival mit den Konzerten Nr. 1 und Nr. 3. Wiederum begleitet ihn das Philadelphia Orchestra.

»Ich merkte sofort, wie viel Respekt die Spieler des Philadelphia Orchestra Rachmaninoffs Musik entgegenbringen, wie gut sie sein Idiom kennen«, sagt Trifonov. »Es war eine wunderbare Idee, die vier Konzerte mit einem so großartigen Orchester einzuspielen.« Rachmaninoff würde ihm beipflichten. Vor dem Sowjetregime ins amerikanische Exil geflüchtet, schrieb er einem Freund in Moskau: »Die besten amerikanischen Orchester sind in Philadelphia (wo ich Aufnahmen mache) und in New York. Wer sie nicht gehört hat, weiß nicht, was ein Orchester ist.«

Das Konzert Nr. 4, das Rachmaninoff 1927 in Philadelphia zur Uraufführung brachte, stand immer im Schatten der vorangehenden Schwesterwerke. Mit seiner farbigen Harmonik und seinen kantigen Melodien sei es untypisch für Rachmaninoff, erklärt Trifonov, aber zugleich erstaunlich vorausweisend. »Es ist wohl mein Lieblingskonzert aus dieser Gruppe«, sagt er. »Die Behauptung, für Rachmaninoff sei die Zeit stehen geblieben, während sich die Welt um ihn herum veränderte, wird durch das Konzert Nr. 4 klar widerlegt. Es gibt so viele moderne Elemente darin, was die Orchestrierung und die jazzigen Akkorde im Klavierpart angeht. Die Eröffnung ist für mich wie eine Bahnfahrt. Sie beginnt mit diesem ungestümen rhythmischen Schwung, der zeigt, wie Rachmaninoff Musik als Emotion auffasste, als eine Kunst, die eine zeitliche, aber auch eine räumliche Dimension hat.«

Rachmaninoffs Klavierkonzert Nr. 2 hingegen ist sehr populär, aber Trifonov legt Wert darauf, die Originalität des Werks zu betonen, das eher klassisch als romantisch sei. Das Stück, sagt er, sei nach einer Periode von drei Jahren entstanden, in denen der junge Komponist sehr wenig schrieb. Auf dieses Schweigen – eine Reaktion auf die bissigen Kritiken nach der katastrophalen Uraufführung seiner Ersten Symphonie im Jahr 1897 – folgte ein Ausbruch von Kreativität während des Sommers 1900. Der komplette Entwurf des Konzerts Nr. 2 war Ende August abgeschlossen, die Uraufführung des Werks fand im darauffolgenden Jahr mit Rachmaninoff als Solist statt.

»Man hat das Gefühl, all die Jahre, in denen Rachmaninoff nicht schreiben konnte, seien in das Zweite Konzert geflossen«, stellt Trifonov fest. »Der Aufbau ist im Vergleich mit seinen anderen Konzerten sehr einfach, die harmonischen Verhältnisse sind immer völlig klar. Das führt zu einem großen Dilemma. Rachmaninoff gilt für uns als spätromantischer Komponist, aber bei der Schlichtheit, die wir besonders in diesem Konzert finden, ist es schwierig, den Rhythmus und das Rubato zu handhaben. Der zweite Satz beispielsweise ist sehr romantisch, aber zugleich auch sehr ruhig. Man braucht so etwas wie einen gleichmäßig pulsierenden Rhythmus, fast wie in geistlicher Musik. Und im Finale, wo es eines der wenigen Beispiele für eine Fuge in Rachmaninoffs Schaffen gibt, ist der Rhythmus die treibende Kraft der Musik.«

Für Daniil Trifonov zeigt sich in der Polyphonie des Zweiten Konzerts Rachmaninoffs Affinität zur Musik von Johann Sebastian Bach. Rachmaninoff spielte Bachs Englische Suite Nr. 2 in a-Moll 1885 als zwölfjähriger Schüler am Moskauer Konservatorium und wurde in späteren Jahren sehr gelobt für die elegante Weise, in der er Bachs Kontrapunktik spielte.

Trifonovs neues Album betont diese Beziehung. Zwischen die beiden Klavierkonzerte setzt er Rachmaninoffs Transkriptionen für Soloklavier von Präludium, Gavotte und Gigue aus Bachs Partita für Violine in E-Dur. »Er würzte die Musik auf seine Weise«, sagt Trifonov. »In der Gavotte zum Beispiel verwendete er seine charakteristischen harmonischen Fortschreitungen, und er versah seine Transkriptionen mit Anspielungen auf Melodien im russischen Stil.«

Seit der Aufnahme der Rhapsodie über ein Thema von Paganini hat sich Daniil Trifonovs Beziehung zum Philadelphia Orchestra und Yannick Nézet-Séguin dank mehrerer Aufführungen von Rachmaninoffs Klavierkonzerten noch vertieft. Die Planung der Proben und Konzerte ließ Trifonov Zeit, die vielen Schichten der Musik zu durchdringen. Eine seltene Kombination von großer Kraft und einer gewissen Leichtigkeit des Anschlags mache das Spiel des Pianisten aus, sagt Nézet-Séguin. »Ich glaube, deshalb spielt Daniil diese Musik so gut. Er beherrscht beide Enden des Spektrums, und das ist ein Tribut an die Art und Weise, wie Rachmaninoff selbst seine Musik spielte. Man hat den Eindruck, dass Daniil die Musik komponiert, während er sie spielt. Jede unserer Aufführungen dieser Konzerte war anders, eine neue Geschichte vom ersten bis zum letzten Ton. Das inspirierte die Orchestermusiker. Sie verstanden, dass wir die Konzerte jedes Mal neu erschaffen, wenn wir sie mit Daniil spielen.«

Große Musiker, fügt der Dirigent hinzu, hätten die Fähigkeit, sich im Laufe der Zeit weiterzuentwickeln. Trifonov sei selbst unter den Besten herausragend. »Als ich ihn das erste Mal hörte, dachte ich, ›dieser Mann sagt jetzt schon mehr, als die meisten Pianisten. Aber ich ahne, dass er in fünf, zehn, zwanzig Jahren noch mehr zu sagen hat.‹ Unsere Beziehung ist von gegenseitigem Vertrauen getragen, das freut mich. Daniil spürt, dass er sich so ausdrücken kann, wie er möchte; man sieht das, wenn er spielt. Und mir erlaubt es, etwas zu ... ich will nicht sagen, etwas ›hervorzurufen‹, aber in einer Phrase etwas anzuregen, das er dann aufgreift.«

Rachmaninoff spielte erstmals 1913 mit dem Philadelphia Orchestra und dessen damaligem Musikdirektor Leopold Stokowski, und zwar als Solist in seinem eigenen Klavierkonzert Nr. 3. Bis zu seinem Tod 30 Jahre später kehrte er noch oft als Pianist und Dirigent zu diesem Ensemble zurück und entwickelte dabei eine enge Beziehung zu den Musikern. Sie ist tief in der Erinnerung des Orchesters verankert. »Wir beginnen eine Rachmaninoff-Probe, und schon herrscht eine besondere Atmosphäre«, sagt Nézet-Séguin. »Es ist eine Mischung von Tradition, Stolz, Verständnis, Qualität. Der Klang des Philadelphia Orchestra entspricht dem ungezwungenen Geist von Rachmaninoffs Musik. Man kann sie nicht aufführen, wenn man versucht, alles in ein enges Raster zu pressen; sie muss atmen.«

Destination Rachmaninov – Departure bietet einen neuen Blick auf die Werke, fern vorgefasster Urteile. Destination Rachmaninov – Arrival, das ein Jahr später erscheint, beendet Daniil Trifonovs Entdeckungsreise. »Rachmaninoff hörte nie auf, nach neuen Ideen zu suchen in einer Gattung, die er so meisterhaft beherrschte. Er wollte sie durch seine Konzerte bereichern«, sagt der Pianist. »Eigentlich hat die Reise kein Ende. Es ist ein ständiges Forschen.«