MUSIK DER SEELE

Russische Romantik und Miniaturen des späten 20. Jahrhunderts – Yuja Wang veröffentlicht ihr neues Soloalbum bei Deutsche Grammophon

·         Auf The Berlin Album interpretiert Yuja Wang Werke von Rachmaninoff, Skrjabin, Ligeti and Prokofjew

·         Ihre Interpretationen erinnern an Aufführungen legendärer Vorgänger, in ihrem Spiel vereint sie Fantasie, Technik und Energie

·         Begleitende EP mit Zugaben aus Berlin 



Yuja Wangs musikalischer Ansatz ist schlicht und komplex zugleich. »Ich möchte das ganze Leben in Beziehung setzen zur Musik«, sagte sie unlängst der renommierten britischen Kritikerin Fiona Maddocks. Das jüngste Album der aus Peking stammenden Künstlerin präsentiert Solowerke Rachmaninoffs, Prokofjews, Skrjabins und Ligetis. Es erscheint am 23. November 2018 bei Deutsche Grammophon. The Berlin Recital wurde in diesem Sommer live im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie aufgenommen, wo Yuja Wang im Rahmen ihrer großen Nordamerika- und Europatournee gastierte. DG schnitt in Berlin auch Wangs Zugaben mit. Sie erscheinen als Bonus-EP: Werke von Nikolai Kapustins jazziger Toccatina bis zu Earl Wilds Transkription des Pas de Quatre aus Tschaikowskys Schwanensee.



Es war russische Musik, die Yuja Wang den Zugang zur westlichen Klassik öffnete. Als Kind beobachtete sie ihre Mutter, eine Tänzerin, bei den Proben zu Schwanensee. Die Schönheit dieses Erlebnisses blieb ihr noch lange nach der ersten Begegnung mit Tschaikowsky in Erinnerung. Russische Kunst und Kultur waren dank der engen Beziehungen der Volksrepublik China zur Sowjetunion gut bekannt in Wangs Heimat. In Russland ausgebildete Musiker arbeiteten als Lehrer in ganz China, von Harbin im Nordosten bis nach Schanghai an der Pazifikküste. Auch Wangs erste Klavierlehrerin, bei der sie im Alter von sieben bis 14 Jahren studierte, war Schülerin eines Lehrers aus der für ihre Expressivität bekannten russischen Klaviertradition.

»Meine Lehrerin sprach viel vom Klang«, sagt Wang. »Sie liebte Evgeny Kissin, also hörte ich mit neun Jahren all seine Chopin-Aufnahmen. Sie mochte auch Martha Argerich, während mir selbst Alfred Cortot besonders gefiel; ich fand ihn so poetisch und inspirierend. Vladimir Horowitz? Es ist mir gleich, was andere denken – mich fasziniert er. Und Rachmaninoff – ein so ehrliches Spiel.«

Nach fünf Jahren am Pekinger Konservatorium und einem Aufenthalt an der Calgary Conservatory’s Academy for Gifted Youth wurde Wang am prestigeträchtigen Curtis Institute of Music in Philadelphia aufgenommen. Leon Fleisher, der als Kind bei Artur Schnabel studiert hatte, unterrichtete sie und Gary Graffman, ein Schüler der Russisch-Amerikanerin Isabelle Vengerova. Noch während des Studiums dort gelang Wang der internationale Durchbruch, als sie 2007 kurzfristig für Martha Argerich einsprang und Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 mit dem Boston Symphony Orchestra aufführte. Zum Programm ihres ersten Albums für Deutsche Grammophon gehörte zwei Jahre später Skrjabins Sonate-Fantaisie. Ihre Diskografie beim gelben Label enthält inzwischen auch Klavierkonzerte von Rachmaninoff und Prokofjew sowie Bravourstücke für Soloklavier von Skrjabin und Strawinsky.

»Diese russischen Stücke bringen irgendwie alle Emotionen heraus, die Gefühle der Sehnsucht in uns«, sagt die Pianistin. »Wir fühlen uns durch und durch menschlich durch sie. Aber gleichzeitig erscheinen sie überlebensgroß. Sie handeln von etwas, das gewaltiger ist als wir, dabei bleiben sie zugleich unterhaltsam fürs Publikum. Die Komponisten sind sehr unterschiedlich, das wird deutlich, wenn man mein neues Album hört. Prokofjew ist so dunkel und kraftvoll, und er kann sarkastisch und bissig sein, gereizt. Rachmaninoff ist einfach romantisch, oder ein bisschen jazzig – aber nicht sehr sentimental. Und Skrjabin ist natürlich eine Welt für sich.«

Wang wählte drei von György Ligetis Etüden (vielschichtige Miniaturen, geschrieben zwischen 1985 und 1994) als Bindeglied zwischen der fast mystischen Chromatik von Skrjabins Klaviersonate Nr. 10 aus dem Jahr 1913 und Prokofjews im Dezember 1944 von Emil Gilels uraufgeführten Klaviersonate Nr. 8 in B-Dur op. 84, der letzten seiner sogenannten Kriegssonaten. The Berlin Recital beginnt mit einem der bekanntesten Stücke von Rachmaninoff, dem Prélude in g-Moll op. 23 Nr. 5, dargeboten mit einer Erhabenheit, die an zwei Giganten der russischen Klavierschule erinnert, an Gilels und Sviatoslav Richter. Das Programm enthält außerdem zwei gegensätzliche Études-Tableaux von Rachmaninoff – die turbulente Etüde in c-Moll op. 39 Nr. 1 und die besinnliche Etüde op. 33 Nr. 3 – sowie das wehmütige Prélude op. 32 Nr. 10 des Komponisten.

»Das Leben ist immer voller Emotionen«, sagt Yuja Wang. »Ich glaube, ich reagiere intensiver auf Musik als auf irgendwas sonst, als brauche ich ihre Nahrung.« Während des Spiels könne man sich nicht wappnen gegen Gefühle wie Beklemmung oder Glück, Furcht oder Freude, Zweifel oder Zuversicht. »Auch das Element der Nervosität, der Mühe und des Suchens ist unangenehm. Daraus setzt sich wahrscheinlich die Magie einer Aufführung zusammen, auch wenn ich mich dabei nicht wohl fühle. Aber Klavier spielen ist so taktil, so physisch, daraus entsteht so viel Emotion. Jedes Stück, das ich spiele, muss meine eigene Handschrift tragen, meine eigene Interpretation bieten. Es gibt immer verschiedene Ansätze – nie nur einen einzigen Weg, sich einem Musikstück zu nähern. Deshalb wird es auch nie langweilig, immer wieder dasselbe Stück zu spielen, denn man sieht es aus unterschiedlichen Blickwinkeln.«