Biografie

»Die Stabführung von Andris Nelsons ließ keinen Zweifel daran, dass er an diese Musik glaubt und die Symphonie [Schostakowitschs Nr. 11] als triumphalen Sieg über dunkle und feindliche Kräfte begreift – eine Botschaft, die heute so aktuell ist wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts.«
Seen and Heard International über Nelsons und das BSO beim Leipziger Schostakowitsch-Festival, Mai 2025
Akribische Vorbereitung, mitreißende Leitung und Interpretationen, die tief empfunden sind, machen die Kunst von Andris Nelsons aus. Der fünffache GRAMMY®-Preisträger aus Lettland ist Music Director des Boston Symphony Orchestra und Gewandhauskapellmeister in Leipzig. Derzeit feiert er seine zwölfte Saison mit dem BSO, seine Amtszeit beim Gewandhausorchester läuft bis zum Ende der Spielzeit 2031/32.
Nelsons’ Ernennung zum Gewandhauskapellmeister war 2017 zugleich der Beginn für eine Partnerschaft zwischen den Orchestern in Leipzig und Boston, die BSO/GHO Alliance. Sie umfasst gemeinsame Kompositionsaufträge und Aufnahmen, den Austausch von Musiker:innen und aufeinander abgestimmte Programme sowie Bildungsinitiativen.
Im Mai 2016 unterzeichnete der Dirigent einen Exklusivvertrag mit Deutsche Grammophon, der den Weg bereitete für bedeutende Projekte mit dem BSO und dem Gewandhausorchester.
Nelsons leitete beim BSO ein gefeiertes, ein Jahrzehnt überspannendes Schostakowitsch-Projekt, dessen erste drei Ausgaben jeweils mit GRAMMY® Awards ausgezeichnet wurden. Neben den 15 Symphonien, mehreren Schauspielmusiken, der Festlichen Ouvertüre und der Kammersymphonie wurde das Projekt ergänzt um Schostakowitschs einzige abendfüllende Oper, Lady Macbeth von Mzensk (die erste Einspielung seit über zwei Jahrzehnten), sowie um seine Klavier-, Violin- und Cellokonzerte mit den Solist:innen Yuja Wang, Baiba Skride und Yo-Yo Ma. Die Zusammenarbeit mit Ma erhielt bei den 68. GRAMMY® Awards die Auszeichnung als Best Classical Instrumental Solo. Zum Abschluss des Projekts, zugleich zum 50. Todestag Schostakowitschs und zu Nelsons’ zehnjährigem Jubiläum beim BSO, veröffentlichte Deutsche Grammophon im März 2025 die gesamten Schostakowitsch-Aufnahmen digital und als 19-CD-Set. Die Violinkonzerte erschienen zeitgleich digital, die Cellokonzerte und Klavierkonzerte im April bzw. Mai 2025 in allen Formaten.
In einem weiteren Großprojekt hat Nelsons mit dem Gewandhausorchester die Symphonien von Anton Bruckner aufgenommen. Bei der Serie ist auf jedem Album eine der Symphonien mit einem Ausschnitt aus einer Wagneroper gekoppelt. 2017 ging es los mit der Veröffentlichung von Bruckners Symphonie Nr. 3 und der Ouvertüre zu Wagners Tannhäuser. Das zweite Album stellte das Vorspiel zu Lohengrin neben Bruckners Symphonie Nr. 4, das dritte Album die Symphonie Nr. 7 neben Siegfrieds Trauermarsch aus Götterdämmerung. Dann erschienen ein Doppelalbum mit Bruckners Symphonien Nr. 6 und 9 sowie Wagners Siegfried Idyll und dem Vorspiel zu Parsifal und ein weiteres Doppelalbum mit den Symphonien Nr. 2 und 8 und dem Vorspiel zum 1. Akt aus Die Meistersinger von Nürnberg. Die sechste und letzte Veröffentlichung koppelt auf einem Doppelablum die Symphonien Nr. 1 und 5 mit dem Prelude und dem Liebestod aus Tristan und Isolde. Der komplette Bruckner/Wagner-Zyklus erschien digital und als 10-CD-Box im Oktober 2023.
Darüber hinaus hat Nelsons – im Rahmen der Kampagne Beethoven 2020 von Deutsche Grammophon – mit den Wiener Philharmonikern sämtliche Symphonien des Komponisten aufgenommen. Auf fünf CDs und einer Blu-ray Audio Disc kam der neue Zyklus im Oktober 2019 auf den Markt, im Dezember folgte ein separates Album mit der Neunten Symphonie. Anlässlich des 90. Geburtstags von Sofia Gubaidulina widmete Nelsons der Komponistin zusammen mit dem Gewandhausorchester im Oktober 2021 ein Album mit drei Weltersteinspielungen ihrer Werke: Dialog: Ich und Du (mit Vadim Repin), The Wrath of God und The Light of the End.
Im Mai 2022 wurde ein transatlantisches Richard-Strauss-Projekt veröffentlicht, eine 7-CD-Edition mit den Orchesterwerken des Komponisten, mit jeweils drei Alben des BSO und des Gewandhausorchesters und einer gemeinsamen Aufführung des Festlichen Präludiums. Als Solisten sind die Pianistin Yuja Wang und der Cellist Yo-Yo Ma mit von der Partie. Digital waren die Strauss-Werke somit weltweit erstmals in Dolby Atmos erhältlich.
In jüngster Zeit hat Nelsons verschiedene Aufnahmen mit führenden Pianisten und DG-Kollegen gemacht. 2023 spielte er mit dem Gewandhausorchester zwei Orchesterwerke mit Lang Lang und dessen Frau Gina Alice ein: Lang Lang – Saint-Saëns, veröffentlicht im März 2024, stellt ihre Interpretation von Karneval der Tiere und dem zweiten Klavierkonzert des französischen Komponisten vor. Im April 2024 traf Yuja Wang in der Bostoner Symphony Hall auf Nelsons und das BSO; ihr Konzert mit Messiaens Turangalîla-Symphonie wurde mitgeschnitten und digital im Dezember des Jahres und auf CD im Juli 2025 veröffentlicht. Die Financial Times lobte Nelsons für eine »überzeugend gestaltete« Aufführung, in der Yuja glänzte »an der Seite eines Boston Symphony Orchestra, das kaum besser hätte spielen können«. Die Aufnahme wurde im Februar 2026 mit dem GRAMMY® Award for Best Orchestral Performance ausgezeichnet. Gemeinsam mit Seong-Jin Cho führten Nelsons und das BSO zudem Ravels Klavierkonzerte auf und spielten auch sie ein. Ihr im Februar 2025 erschienenes Album war Teil der Deluxe-Edition von Chos Gesamteinspielung der Ravel’schen Klaviermusik, die drei Monate später veröffentlicht wurde. »Cho taucht hinein in die unzähligen Farben, Texturen und Nuancen der Musik des französischen Komponisten«, schrieb Limelight. »Andris Nelsons und das Boston Symphony Orchestra begleiten ihn wunderbar.«
Die jüngsten Aufnahmen des Dirigenten zeigen ihn wieder am Pult des Gewandhausorchesters mit einer Gesamteinspielung von Mendelssohns Symphonien sowie seinen beiden vollendeten Oratorien Elias und Paulus. In den Oratorien und der Symphonie Nr. 2 »Lobgesang« werden Nelsons und das Orchester vom MDR-Rundfunkchor unterstützt. Die Solist:innen sind die Sopranistinnen Elsa Benoit und Christiane Karg (Symphonie Nr. 2), Julia Kleiter (Paulus), Golda Schultz (Elias); Altistin Wiebke Lehmkuhl (Paulus, Elias); Tenor Werner Güra (alle drei Werke); Bariton Andrè Schuen (Elias) und Bass Georg Zeppenfeld (Paulus). Die Aufnahmen erscheinen am 27. März 2026 digital und als 7-CD-Capbox-Set.
Zu Andris Nelsons’ kommenden Engagements zählen Auftritte mit den Wiener Philharmonikern in Europa und den USA mit drei unterschiedlichen Programmen: Das erste bringt Symphonien von Mozart und Dvořák zu Gehör, das zweite Musik von Sibelius, R. Strauss und György Kurtág, und das dritte Bartóks Klavierkonzert Nr. 3 mit Lang Lang sowie Mahlers Symphonie Nr. 1. Die Konzerte sind in Wien (zunächst im Musikverein, wo Nelsons derzeit Artist in Focus ist), Frankfurt, New York, Boston, Naples, West Palm Beach und Orlando, Florida (14. Februar – 12. März 2026). Zurück in Boston gibt Nelsons mit dem BSO eine Konzertreihe in der Symphony Hall mit Werken von Schumann, Tschaikowsky, John Adams, Dvořák, Outi Tarkiainen, Mozart, Sibelius, Smetana und Grieg (19. März – 8. April) sowie zwei Abende in der New Yorker Carnegie Hall (9. und 10. April). Außerdem schließt er seinen Mahler-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern ab, mit Aufführungen der Symphonie Nr. 3 (Wiener Musikverein, 1.–3. Mai) und Nr. 8 (Wiener Konzerthaus, 9.–11. Mai).
Andris Nelsons wurde als Spross einer musikalischen Familie 1978 in Riga geboren. Er hatte als Kind Klavierunterricht und machte später rasche Fortschritte als Trompeter. Schon als Teenager trat er mit dem Orchester der Lettischen Nationaloper auf und gewann Einblick in den professionellen Orchesterbetrieb. Frühe Erfahrungen als Dirigent erwarb er unter Anleitung von Mariss Jansons, der sein Lehrer und Mentor wurde. Mit 21 Jahren dirigierte Nelsons erstmals an der Lettischen Nationaloper, zwei Jahre später wurde er deren Musikdirektor. Die visionären Aufführungen von deutscher und slawischer Musik, die der junge Dirigent in Lettland und als Chefdirigent der Nordwestdeutschen Philharmonie leitete, blieben auch in Großbritannien nicht unbemerkt und führten zu seiner Berufung als Musikdirektor des City of Birmingham Symphony Orchestra (2008–15). In den Jahren an der Spitze des CBSO profilierte sich Nelsons als der viel gefragte Dirigent, der er heute ist, und seine Verdienste um die Musik in Großbritannien fanden Anerkennung mit einem Ehren-OBE, der ihm im Oktober 2018 in der Royal Festival Hall überreicht wurde.
2/2026