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Eine Hommage an Sofia Gubaidulina

Sofia Gubaidulina
© Peter Hundert
21.10.2021
Am 24. Oktober 2021 feiert Sofia Gubaidulina ihren 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass veröffentlicht Deutsche Grammophon Weltersteinspielungen von drei bedeutenden Spätwerken dieser tonangebenden Komponistin, die der New Yorker, ohne zu übertreiben, »das letzte kompositorische Genie in der Tradition Michail Glinkas« nannte.
Sofia Gubaidulina heißt das neue Album schlicht und doch angemessen. Es erscheint am 22. Oktober und ist das Ergebnis einer bemerkenswerten und produktiven Zusammenarbeit von Gubaidulina und Andris Nelsons. Gemeinsam mit dem Gewandhausorchester stellt der Dirigent ihr neuestes Violinkonzert vor, Dialog: Ich und Du (2018), mit dem Solisten Vadim Repin, sowie die Orchesterwerke Der Zorn Gottes (2019) und Das Licht des Endes (2003).
»Es ist eine große Ehre, diese Werke von Sofia Gubaidulina aufzunehmen, deren Kraft, Kunstfertigkeit und Geistesstärke sich in der intensiven spirituellen Tiefe ihrer Musik und ihrer visionären Klangwelt spiegeln«, sagt Nelsons. »Die Uraufführung ihres Tripelkonzerts mit dem Boston Symphony Orchestra im Jahr 2017 zu dirigieren, war ein unvergessliches Erlebnis. Umso glücklicher sind wir, Sofia Gubaidulina ab 2020/2021 in Leipzig für drei Spielzeiten als Residenzkomponistin begrüßen zu dürfen. Ihre Werke haben mich und das Gewandhausorchester in den vergangenen Spielzeiten sehr bereichert. Ich freue mich, dass das Album von Deutsche Grammophon drei Stücke vorstellt, durch die wir nun die außergewöhnliche Weisheit dieser Musikerin mit dem Hörer teilen können. Wir wünschen Sofia Gubaidulina alles Gute zum 90. Geburtstag und uns viele weitere Meisterwerke von ihr.«
Das Album eröffnet mit dem dritten Violinkonzert der Komponistin, Dialog: Ich und Du, inspiriert vom Werk des Philosophen Martin Buber (1878–1965). Wie bei ihren beiden anderen Werken dieser Gattung hatte Gubaidulina einen konkreten Interpreten im Sinn, als sie die Musik schrieb, denn ihre Arbeit zeichnet aus, dass sie über eine sehr »präzise und erforschende Kenntnis der technischen Möglichkeiten von Instrumenten« verfügt, so der New Yorker. Widmungsträger hier war der russische Violinist Vadim Repin, Solist bei der Uraufführung des Werks im April 2018 und bei der deutschen Erstaufführung im Gewandhaus im Dezember 2019, als die vorliegende Aufnahme entstand.
Zeitgleich komponierte sie ihr neuestes Orchesterwerk, Der Zorn Gottes, das im November 2020 in Wien uraufgeführt wurde, ein tonal mächtiges Stück für große Besetzung. Ihrer Kreativität sind damit keine Grenzen gesetzt, ungeachtet ihres hohen Alters hat sie sich zur erneuten Zusammenarbeit mit Nelsons entschieden. Derzeit erweitert sie die Originalpartitur zu einer zweiteiligen Hommage an Beethoven für die beiden Orchester des Dirigenten, das Gewandhausorchester und das Boston Symphony Orchestra.
Das letzte Werk des Albums, Das Licht des Endes, das ebenfalls für das Boston Symphony Orchestra geschrieben und von diesem 2003 uraufgeführt wurde, ist noch unerschrockener. Das Gefühl des Konflikts – das ganze Stück prägend durch Dissonanzen, dunkle Farben und das Aufeinanderprallen »natürlicher« und »temperierter« Stimmung – findet eine Wendung im letzten Abschnitt, in dem die lichterfüllten Klänge antiker Zimbeln zu hören sind.
Die in der Tatarischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik geborene Sofia Gubaidulina begann im Alter von fünf Jahren mit dem Musikunterricht und schrieb acht Jahre später ihre erste Komposition, bevor sie in Kasan und am Moskauer Konservatorium studierte. Obwohl das Prüfungskollegium dieser renommierten Ausbildungsstätte ihr eigenwilliges Komponieren als »falschen Weg« brandmarkte, riet ihr ein anderes Mitglied nicht von diesem Weg abzuweichen. Es war Dimitri Schostakowitsch. Während sie ihren Lebensunterhalt als Filmkomponistin verdiente, entwickelte sie in ihren Konzertwerken eine unverwechselbare Sprache, die als Ausdruck ihres christlichen Glaubens oft mit dem künstlerischen Diktat des sowjetischen Systems kollidierte.
Deutsche Grammophon trug in den 1980er-Jahren dazu bei, dass Gubaidulinas Musik über die Sowjetunion hinaus bekannt wurde. 1989 veröffentlichte das Label ihr erstes Violinkonzert, Offertorium, heute allgemein anerkannt als einer der bedeutendsten Beiträge zum Konzertrepertoire für Violine im 20. Jahrhundert. Gubaidulina hatte es für Gidon Kremer geschrieben, der es auch einspielte. Später nahm das Label ihr Violakonzert auf und ihr zweites Violinkonzert In tempus praesens, letzteres mit der Widmungsträgerin Anne-Sophie Mutter als Solistin.
Auf der Suche nach Stille zog Gubaidulina 1992 von Moskau in ein kleines Dorf bei Hamburg. Ihre Werke der letzten 30 Jahre, ob für kleine oder große Besetzung, sind mystische Akte der Gemeinschaft mit Gott – der Versuch eines Menschen, die Klänge des Universums zu begreifen. »Musik hat die Aufgabe«, sagt Gubaidulina, »eine Gegenwelt zu erschaffen, die über den Alltag hinaus auf eine spirituelle Dimension verweist.«

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