Anna Netrebko | Biografie

Biografie

Anna Netrebko
© Kristian Schuller / DG
»Wie sie mühelos weiteste Melodiebögen spannt, wie virtuos sie Töne anschwellen und dann wieder zurücknehmen kann, mit welcher Selbstsicherheit sie im feinsten Pianissimo einsetzt, das ist derzeit unerreicht.«
Der Tagesspiegel (Berlin), März 2020
Gesangsstile und der Zeitgeschmack mögen sich im Laufe der Jahre wandeln, die Qualitäten jedoch, die eine Sängerin oder ein Sänger brauchen, um zu den wahrhaft Großen zu zählen, bleiben unverändert. Anna Netrebko verfügte über viele der nötigen Fähigkeiten bereits, als sie vor über 25 Jahren ihre Karriere begann und seither hat sie das volle Spektrum erreicht und perfektioniert. Ihre spontane, direkte Ehrlichkeit ist der Schlüssel zu einer Vielzahl differenzierter Stimmungen und Gefühle, die sie ganz natürlich gleichermaßen im Gespräch und im Gesang ausdrückt. Kein Wunder also, dass sie für das breite Publikum zum Inbegriff der modernen Opernsängerin wurde, eine geborene Kommunikatorin, deren Eleganz und Bühnenpräsenz ebenso gefeiert werden wie ihre Musikalität und ihr faszinierendes Künstlertum.
Dass sie sich in den letzten Jahren gewichtigeren, komplexeren Opernrollen wie Turandot, Tosca und Elsa (Lohengrin) zugewandt hat, begeisterte Publikum und Kritiker. So unterstrich sie ihren Status als Superstar und bewies ihre Bereitschaft, sich neuen künstlerischen Forderungen zu stellen. In einem Online-Interview mit Peter Gelb, dem General Manager der Metropolitan Opera, sprach Netrebko im Februar 2021 davon, wie sorgfältig sie neue Rollen auswählt. Sie betonte, dass es für einen Sopran nicht ungewöhnlich sei, das ganze Repertoire von leichten Koloraturpartien bis zu dramatischen und veristischen Rollen zu singen, und fügte hinzu, sie habe jetzt die Partien von Abigaille (Nabucco) und Strauss’ Ariadne vorbereitet.
Die vollen, dunkleren Töne von Anna Netrebkos heutiger Stimme kamen besonders zur Geltung in ihrem für den Grammy nominierten DG-Album Verismo (September 2016), das sie mit dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia und Sir Antonio Pappano einspielte und das unter anderem Ausschnitte aus Madama Butterfly, Tosca, Manon Lescaut, Adriana Lecouvreur und Andrea Chénier bot. Ebensolche Energie und Dynamik werden für Amata delle tenebre erwartet, Netrebkos erstes klassisches Soloalbum seit fünf Jahren, das im November 2021 erscheint. Das Album wurde in der Mailänder Scala mit dem Orchestra del Teatro alla Scala und seinem Musikdirektor Riccardo Chailly aufgenommen und enthält Netrebkos persönliche Ersteinspielungen von Wagners Liebestod, Verdis »Ritorna vincitor!«, Strauss’ »Es gibt ein Reich« und der Arie der Lisa aus Tschaikowskys Pique Dame.
Deutsche Grammophon spielte eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der frühen Aufnahmekarriere der Sopranistin und hat seither stets eng mit ihr zusammengearbeitet. Das Programm ihres ersten DG-Albums, Anna Netrebko – Opera Arias (2003), reichte von Mozarts »Padre, germani, addio!« aus Idomeneo bis zu Dvořáks »Lied an den Mond« aus Rusalka. Es folgten Sempre libera und Russian Album sowie von den Kritikern gepriesene Gesamtaufnahmen von Le nozze di Figaro und La bohème. Weitere Höhepunkte ihrer ersten zehn Jahre als DG-Künstlerin waren Souvenirs, In the Still of Night (ein Recital russischer Lieder mit Daniel Barenboim), Anna Netrebko: Live at the Metropolitan Opera sowie Einspielungen von La traviata, I Capuleti e i Montecchi und Pergolesis Stabat Mater.
Netrebkos DG-Diskografie wuchs mit Veröffentlichungen auf DVD/Blu-ray von La traviata, Le nozze di Figaro, I puritani, Manon, Lucia di Lammermoor, Don Pasquale und Anna Bolena, hinzu kam eine DVD mit Musikvideos: Anna Netrebko: The Woman, The Voice. Ihre CD Duets mit dem Tenor Rolando Villazón setzte eine Rekordmarke für den besten Europastart eines klassischen Albums und kam in mehreren Ländern an die Spitze der Popcharts. Netrebko war 2013 erneut im Studio für die Aufnahme von Verdi, einem Album mit Soloarien, und bewies ihre Affinität zum romantischen Repertoire mit Gesamtaufnahmen von Eugen Onegin, Giovanna d’Arco und Il trovatore. Weitere Marksteine ihrer Aufnahmetätigkeit sind Richard Strauss’ Vier letzte Lieder mit Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin (2014); Tschaikowskys Jolanthe, Macbeth aus der Metropolitan Opera und Don Giovanni aus der Mailänder Scala (2015); Manon Lescaut in einem Mitschnitt von den Salzburger Festspielen (2016); und Romanza, ein Album mit Liebesliedern, die Igor Krutoy eigens für Netrebko und ihren Ehemann Yusif Eyvazov schrieb (2017).
Die Welt der Oper liegt Anna Netrebko nun seit mehr als zwei Jahrzehnten zu Füßen. Seit 2002 tritt sie regelmäßig an der Metropolitan Opera auf – sie hat an diesem renommierten Haus nicht weniger als 22 Rollen verkörpert und wirkte in 15 von dessen weltweiten »Live in HD«-Übertragungen in die Kinos mit, mehr als jede andere Künstlerin. In Wien, wo Netrebko seit Längerem lebt (2006 wurde sie österreichische Staatsbürgerin), tritt sie in jeder Spielzeit an der Staatsoper auf. Zudem gastiert sie häufig am Royal Opera House, Covent Garden, an der Mailänder Scala und der Bayerischen Staatsoper, wo sie eindrucksvolle Erfolge mit ihren Rollendebüts als Lady Macbeth (2014) und Turandot (2020) verzeichnete.
Weitere Höhepunkte der letzten Jahre waren ihr szenisches Rollendebüt als Verdis Giovanna d’Arco bei der Eröffnungsvorstellung der Saison 2015/16 an der Mailänder Scala – der ersten Aufführung des Werks dort seit Mitte der 1860er-Jahre; ihr mit Spannung erwartetes, von den Kritikern gepriesenes Rollendebüt als Elsa an der Dresdner Semperoper 2016 (im Jahr darauf als erste Opernaufnahme in Ultra HD 4K der Deutschen Grammophon veröffentlicht); und Rollendebüts als Aida bei den Salzburger Festspielen (2017), Maddalena (Andrea Chénier) an der Mailänder Scala (2017), Tosca an der Met (2018), Leonora (La forza del destino) am Covent Garden (2019) und Elisabetta (Don Carlo) am Bolschoi-Theater (2020).
Geplant sind, nach ihrem Erfolg als Tosca bei den Salzburger Festspielen in diesem Sommer, konzertante Aufführungen mit Yusif Eyvazov in Wien, Prag, Madrid und Russland (September/Oktober), eine Gala im Kreml zu ihrem 50. Geburtstag (18. September), Nabucco an der Wiener Staatsoper (November: ihr Rollendebüt als Abigaille) und am Covent Garden (Januar 2022) sowie Macbeth an der Mailänder Scala (Dezember).
1971 in der südrussischen Stadt Krasnodar geboren, widmete sich Anna Netrebko schon in jungen Jahren dem Gesang. Sie studierte dann am legendären St. Petersburger Konservatorium, wo sie von Valery Gergiev, dem Künstlerischen Direktor des Mariinski-Theaters, entdeckt wurde. Der Dirigent förderte ihre Talente und setzte sie in einer Reihe kleinerer Rollen am Mariinski-Theater ein. Nach dem erfolgreichen Rollendebüt der 22-jährigen Sängerin an diesem Haus als Susanna in Le nozze di Figaro nahm Gergiev sie fest in sein hochkarätiges Ensemble auf.
Netrebkos Jahre in St. Petersburg sorgten für eine sichere Grundlage an Technik und Bühnenerfahrung. 1995 gab sie ihr USA-Debüt an der San Francisco Opera, wurde im Jahr darauf Mitglied in deren Merola Opera Program für Nachwuchskünstler und sang schon bald an den führenden internationalen Opernhäusern mit dem Ensemble des Mariinski-Theaters und zunehmend auch als Gastkünstlerin. Ihre unvergessliche Verkörperung der Donna Anna in Don Giovanni bei den Salzburger Festspielen 2002 sicherte Netrebko dann einen Platz in der ersten Riege junger Sängerinnen. Fast 20 Jahre später gibt es keinen Zweifel an ihrem Format als absolute Ausnahmekünstlerin und eine der maßgeblichen Opernsängerinnen unserer Zeit. Sie trat inzwischen an fast allen bedeutenden Opernhäusern der Welt auf und bewies vollendete Fähigkeiten und Natürlichkeit in jeder ihrer Rollen, seien es die bereits genannten oder Puccinis Mimì (La bohème), Verdis Violetta (La traviata) und Gilda (Rigoletto), Bellinis Giulietta (I Capuleti e i Montecchi), Elvira (I puritani) und Amina (La sonnambula), Donizettis Norina (Don Pasquale), Adina (L’elisir d’amore), Lucia di Lammermoor und Anna Bolena, Massenets Manon, Gounods Juliette sowie Tschaikowskys Tatjana (Eugen Onegin) und Jolanthe.
Anna Netrebkos Leistungen wurden mit zahlreichen Auszeichnungen und Preisen gewürdigt. 2005 erhielt sie den russischen Staatspreis, die höchste Auszeichnung ihres Heimatlands im Bereich der Literatur und der schönen Künste, drei Jahre später folgte die Ernennung zur »Künstlerin des russischen Volkes«. Sie trat bei der weltweit im Fernsehen übertragenen Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi sowie beim Eröffnungs- und Abschlusskonzert der FIFA-Weltmeisterschaft 2018 in Moskau auf.
2017 wurde Netrebko im Rahmen einer Feier in der Wiener Staatsoper der illustre Titel einer »Kammersängerin« verliehen. Zehn Jahre zuvor hatte das Magazin Time sie als erste klassische Musikerin in die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten aufgenommen. Weitere bedeutende Auszeichnungen waren unter anderem: die Wahl zur »Musikerin des Jahres« 2008 durch Musical America; ein Bambi in Deutschland; in Großbritannien der Classic BRIT Award als »Sängerin des Jahres« und »Künstlerin des Jahres«; vier Grammy-Nominierungen; elf ECHO Klassik-Preise, darunter 2014 und 2016 als »Sängerin des Jahres; »Sängerin des Jahres« bei den International Opera Awards 2017; sowie 2020 der Polar Music Prize und der Internationale Stanislawsky-Preis. Sie ist zudem globale Botschafterin der Uhren- und Schmuckmanufaktur Chopard.
9/2021
Folge der Deutschen Grammophon