Diverse Künstler | News | 100 Jahre "Jedermann" auf dem Salzburger Domplatz – Bühnenspektakel mit existenzieller Wucht

100 Jahre “Jedermann” auf dem Salzburger Domplatz – Bühnenspektakel mit existenzieller Wucht

Jedermann - Martha Wallner, Will Quadflieg - 100 Jahre Salzburger Festspiele
© Archiv Salzburger Festspiele/Ferdinand Schreiber
18.08.2020
Vor 100 Jahren wurden die Salzburger Festspiele gegründet – heute sind sie das größte und bedeutendste internationale Festival für Oper, Schauspiel und Konzert und präsentieren Jahr um Jahr einzigartige Aufführungen mit den großen Interpreten und Künstlern unserer Zeit. Bei Deutsche Grammophon erscheint zum 100. Geburtstag der Festspiele eine umfassende Jubiläumsbox, die die bewegte Geschichte des Festivals spannend aufbereitet und auf 58 CDs legendäre Aufführungen und kostbare Raritäten vereint. Die Box ist seit 31. Juli erhältlich, ebenso eine Auswahl an zehn digitalen Alben für Streaming und Download.
Es ist das Herzstück der Salzburger Festspiele und unumstößliches Fixtum: Der “Jedermann” von Hugo von Hofmannsthal. Mehr als 700 Mal wurde dieses Kultstück mit dem Untertitel “Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes” in den vergangenen 100 Jahren bei den Salzburger Festspielen aufgeführt und ein Ende ist nicht in Sicht, ganz in Gegenteil: So lockt das Schauspiel jedes Jahr aufs Neue Besucher aus aller Welt auf die Tribüne vor den Salzburger Dom und begeistert als zeitloses Bühnenspektakel, das existenzielle Themen verhandelt.

Leben im Angesicht des Todes – Inhalt von zeitloser Kraft

Die Hauptfigur von Hofmannsthals Schauspiel ist der titelgebende “Jedermann”, ein wohlhabender, ungläubiger und habgieriger Mann, dessen Lebensende naht und der sich weigert, sich von den weltlichen Genüssen und Habseligkeiten zu trennen. Als der Tod kommt, um ihn zu holen, wird der Kaufmann von allem verlassen, was ihm wichtig war – seinen Freunden, seinem Geld und seiner Buhlschaft. Verzweifelt bereut der Jedermann nun sein ausschweifendes Leben, bekennt sich zum Christentum und kann schließlich gläubig und mit guten Werken vor Gott treten.
Die denkbar existenzielle Kernfrage des Stücks ist dabei jene nach dem Leben im Angesicht des Todes – was also geschieht, wenn der Tod ins eigene Bewusstsein und damit ins Leben tritt, was bleibt vom Menschen übrig, wenn alles Irdische wegfällt? Es ist ein Thema von zeitloser und existenzieller Dimension, das sich hierbei auftut und das in seiner Universalität wesentlich beiträgt zur Berühmtheit und Beliebtheit des “Jedermann”.

Kultstück mit Vorgeschichte

Zwar wird der “Jedermann” heute eng mit den Salzburger Festspielen verbunden, seine Vorgeschichte aber begann noch weit vor der Festspielgründung. Hugo von Hofmannsthal arbeitete bereits 1903 an ersten Entwürfen und feilte über Jahre hinweg an seinem Stück. Dem österreichischen Dramatiker schwebte dabei eine Wiederbelebung des mittelalterlichen Mysterienspiels vor, in dem keine Individuen auftreten, sondern Personifikationen wie der Glaube, der Mammon oder der Sensenmann. Eine konkrete Vorlage für seine Arbeit war der “Everyman”, ein englisches Mysterienspiel aus dem 16. Jahrhundert. 1911 wurde es schließlich in Berlin bereits unter Regie von Max Reinhardt uraufgeführt. Neun Jahre später war es dann soweit: Der “Jedermann” kam erstmals in Salzburg auf die Freilichtbühne vor der prachtvollen Domkulisse und begründete die Salzburger Festspiele – es war der Beginn einer Legende.
Für Hofmannsthal lag der besondere Reiz des “Jedermann” in seinem weder zeitlich noch dogmatisch gebundenen Inhalt. So schrieb er über das Stück: “Sein eigentlicher Kern offenbarte sich immer mehr als menschlich absolut, keiner bestimmten Zeit angehörig, nicht einmal mit dem christlichen Dogma unlöslich verbunden; nur dass dem Menschen ein unbedingtes Streben nach dem Höheren, Höchsten dann entscheidend zu Hilfe kommen muss, wenn sich alle irdischen Treu- und Besitzverhältnisse als scheinhaft und löslich erweisen, ist hier in allegorisch-dramatische Form gebracht, und was gäbe es Näheres auch für uns?”

Einzigartige Kulisse und prestigeträchtige Rollen

Hofmannsthal sollte Recht behalten und tatsächlich sind es diese Zeitlosigkeit und existenzielle Wucht des Stücks, die jährlich über 30.000 Besucher zum “Jedermann” nach Salzburg bringen. Einzigartig ist dabei auch die Kulisse vor den effektvoll ausgestrahlten Eingangsarkaden des Salzburger Doms mit den Monumentalstatuen der Heiligen im Hintergrund der Bühne. Theater und Kirche treffen hier direkt aufeinander, Weltliches und Spirituelles stehen sich als Pole dramatisch gegenüber und bilden ein faszinierendes Ambiente für das Ringen des reichen Mannes mit dem Tod.
Neben dem packenden Inhalt und der außergewöhnlichen Kulisse sind es allen voran die Künstler, die den Zauber des “Jedermann” ausmachen. Über die Jahrzehnte hinweg ist eine Vielzahl namhafter Schauspieler der deutschsprachigen Theaterwelt in Salzburg aufgetreten. So begeisterten in der Titelrolle des Jedermann etwa Klaus Maria Brandauer, Maximilian Schell oder Peter Simonischeck und gaben renommierte Darstellerinnen wie Christiane Hörbinger, Senta Berger und Veronica Ferres die Buhlschaft.
Auf der Jubiläums-Edition zu 100 Jahren Festspielen bei Deutsche Grammophon findet sich eine ganz besondere Version des “Jedermann” wieder: eine Studioproduktion des "Jedermann” als Hörspiel, die sich eng an die legendäre  Salzburger Inszenierung von 1958 anlehnt, ist mit Will Quadflieg als Jedermann und Martha Wallner als Buhlschaft denkbar prominent besetzt. Dieses legendäre Hörstück ist ab 14. August erstmals für Streaming und Download auf den digitalen Plattformen erhältlich. Die Aufnahme ist dabei nur eine von zahlreichen unvergesslichen Aufnahmen aus der Festspielgeschichte von 1947 bis 2016, die sich auf der insgesamt 58 CDs umfassenden Jubiläumsbox finden, die am 31. Juli erschienen ist. Zudem wird die bewegte Geschichte des größten Festivals der klassischen Musik anhand von zahlreichen Dokumenten eindrucksvoll nacherzählt und in einem 164-seitigen Booklet mit Essays von Karajan-Experte Richard Osborne und der Salzburger Dramaturgin Margarete Lasinger spannend aufbereitet. Die die Jubiläumsbox ist im Handel erhältlich, auf den digitalen Plattformen gibt es eine essentielle Auswahl von zehn Alben für Streaming und Download.