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Die Kunst im Schatten der Politik – Die Salzburger Festspiele während des Nationalsozialismus

100 Jahre Salzburger Festspiele
© Lena Serditova/Shutterstock
13.08.2020
Vor 100 Jahren wurden die Salzburger Festspiele gegründet – heute sind sie das größte und bedeutendste internationale Festival für Oper, Schauspiel und Konzert und präsentieren Jahr um Jahr einzigartige Aufführungen mit den großen Interpreten und Künstlern unserer Zeit. Bei Deutsche Grammophon erscheint zum 100. Geburtstag der Festspiele eine umfassende Jubiläumsbox, die die bewegte Geschichte des Festivals spannend aufbereitet und auf 58 CDs legendäre Aufführungen und kostbare Raritäten vereint. Die Box ist am 31. Juli im Handel erschienen.
Die 100-jährige Geschichte der Salzburger Festspiele reicht weit über künstlerische Glanzpunkte und herausragende Interpretationen hinaus. Vielmehr fanden verschiedene politische und gesellschaftliche Entwicklungen ihren Widerhall in der Entwicklung des Festivals und offenbart der Blick auf die Festspiele beispielhaft, welch intensive Wechselwirkung zwischen Kunst, Politik und Gesellschaft entstehen kann.
Am eindrücklichsten sichtbar wurde dies in der Zeit des Nationalsozialismus, in der es in Salzburg zu einen massiven Politisierung der Kultur kam und unter Federführung von Joseph Goebbels konsequent an einem Umbau der Salzburger Festspiele gearbeitet wurde. “Salzburg hört Hitler atmen” hat der französische Schriftsteller Francois Mauriac einmal geschrieben – und in der Tat: Auch wenn Adolf Hitler trotz seines nahen Domizils auf dem Obersalzberg insgesamt nur zwei Vorstellungen bei den Salzburger Festspielen besuchte, so beherrschte die nationalsozialistische Politik der Zerstörung und Spaltung in den Jahren 1938 bis 1944 doch mit zersetzender Wirkung das künstlerische Leben in Salzburg.

Die Festspiele als Dorn im Auge der Nationalsozialisten

Einst gegründet als künstlerisches Sinnbild des Humanismus und Friedens, waren die Salzburger Festspiele mit ihrer Weltoffenheit und ihrem internationalen Publikum den Nationalsozialisten von Beginn an ein Dorn im Auge. Ihre Idee und ihre inhaltliche Entwicklung seit 1920 standen im krassen Gegensatz zu den Bestrebungen des NS-Regimes nach deutscher Einheitskultur. Folglich machten sich die Nationalsozialisten schon früh daran, das Festival öffentlich zu diffamieren. Neben propagandistischen Zuschreibungen, die die Festspiele mal als “bolschewistisch”, mal als “jüdischen Hexensabbath” darstellten, wurden auch ganz konkrete Aktionen zur Schädigung der Festspiele gestartet. So führte etwa die Inkraftsetzung der “Tausend-Mark-Sperre” im Mai 1933 zu einem massiven Einbruch des österreichischen Fremdenverkehrs und zu einer enormen Reduzierung der Festspielgäste: statt 15.700 deutschen Besuchern im Jahr zuvor kamen 1933 nur noch 900 deutsche Gäste. Zudem sprachen die Nationalsozialisten Auftrittsverbote für deutsche Künstler aus und richteten ihre Angriffe direkt gegen nicht Regime-getreue Künstler, etwa den Festspielgründer Max Reinhardt, der 1933 den Titel des “Ehrenariers” abgelehnt hatte und 1937 nach Amerika ging.

Braune Zeichen in der Festspielstadt

Nach dem “Anschluss” Österreichs an das “Deutsche Reich” am 13. März 1938 wurden die Zeichen der nationalsozialistischen Ideologie und ihres Zerstörungswillens in der Festspielstadt offensichtlich. Am 30. April 1938 kam es auf dem Salzburger Residenzplatz zur einzigen Bücherverbrennung auf österreichischem Boden, zudem wurde das Schloss Leopoldskron enteignet und das Anton-Faistauer Foyer zum Festspielhaus zerstört. Auch inhaltlich zeigte sich bald die Absicht der deutschen Machthaber. Kaum hatten sie Einfluss auf die Programmgestaltung, wurde der “Jedermann” abgesetzt und die Fauststadt in der Felsenreitschule abgebaut, bevor im Herbst 1938 in einer Ausstellung mit dem Titel “Entartete Kunst” im Festspielhaus der Ideologie und dem Rassenwahn des Nazi-Regimes gehuldigt wurden. Auch das Festspielhaus selbst wurde umgestaltet: Die ursprüngliche Holzverkleidung musste einer goldverzierten Gipsdecke weichen, an den Wänden prangten nun der Reichsadler, das Hakenkreuz und eine Führerbüste.

Entkernt und zur Provinzialität gezwungen – das Programm der Festspiele während des Nationalsozialismus

"Mozart-Feste müssen wieder wahre Feste der deutschen Seele werden", so stand es 1938 im Salzburger Volksblatt geschrieben. Dieses Ansinnen der Nationalsozialisten schlug sich sehr bald auch in der Programmzusammenstellung und der Auswahl der eingeladenen Künstler nieder. Standen die Festspiele wenige Jahre zuvor noch für Internationalisierung und künstlerische Kreativität und Freiheit, werden sie von 1938 bis 1944 zum Schauplatz einer Musikpolitik, bei der die Musik einzig “volksbildend und staatserhaltend” sein sollte. Das Programm selbst sollte “arisiert” werden und so wurden prägende Künstler und Wegbereiter wie Max Reinhardt, Arturo Toscanini und Bruno Walter vertrieben und traten an ihre Stelle systemkonforme Kollegen wie Wilhelm Furtwängler, Karl Böhm oder Clemens Krauss.
In den ersten Jahren unter Herrschaft der Nationalsozialisten standen noch größere Produktionen auf dem Festspielprogramm, etwa die “Meistersinger” unter Leitung von Wilhelm Furtwängler, “Don Giovanni” und “Der Rosenkavalier” unter Leitung von Karl Böhm sowie eine “Figaro”-, “Fidelio”- und “Tannhäuser”-Inszenierung, dirigiert von Hans Knappertsbusch. Im Verlauf des Krieges wurde das Programm dann immer stärker reduziert und die Festspiele büßten zunehmend an internationaler Strahlkraft und künstlerischer Größe ein. 1943 verloren sie auch ihren Namen und wurden zum “Salzburger Theater- und Musiksommer” umgetauft, wobei das Publikum hauptsächlich aus Rüstungsarbeitern und Verwundeten bestand. 1944 entfielen die ehemaligen Festspiele schließlich komplett. Einzig eine Generalprobe zur geplanten Uraufführung von Richard Strauss‘ Oper “Die Liebe der Danae” konnte stattfinden, an deren Ende der Komponist sich von den Wiener Philharmonikern mit den denkwürdigen Worten verabschiedete: “Ich hoffe, wir werden einander in einer besseren Welt wiedersehen”.
Die am 31. Juli erschienene Jubiläumsbox bei Deutsche Grammophon widmet sich dem Wiederaufschwung Salzburgs nach dem Ende des Nationalsozialismus und vereint auf insgesamt 58 CDs unvergessliche Aufnahmen von 1947 bis 2016 der größten Dirigenten, Sänger und Solisten der jeweiligen Zeit, darunter etliche Raritäten. Zudem wird die bewegte Geschichte des größten Festivals der klassischen Musik anhand von zahlreichen Dokumenten eindrucksvoll nacherzählt und in einem 164-seitigen Booklet mit Essays von Karajan-Experte Richard Osborne und der Salzburger Dramaturgin Margarete Lasinger spannend aufbereitet. Zehn ausgewählte Alben mit gesuchten Raritäten sind erstmals für Streaming und Download erhältlich, darunter die legendäre "Jedermann”-Produktion von 1958, die am 14. August veröffentlicht wird.