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Eine Jahrhundertstimme – Imposante Edition des Schweizer Startenors Ernst Haefliger

Ernst Haeflinger
24.06.2019
Ernst Haefliger wurde in eine Zeit hineingeboren, in der das große Gefühl auf den Opern- und Konzertbühnen herrschte. Aus heutiger Sicht wirkt das Pathos der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts übersteigert. Die Gegenwart blickt mit Skepsis auf sentimentalen Gefühlsüberschwang. Zugleich sehnen wir uns nach echten Leidenschaften, nach unverstelltem Ausdruck, und kaum ein Sänger des 20. Jahrhunderts bedient dieses Bedürfnis mit seinen Aufnahmen besser als Ernst Haefliger.     
Am 6. Juli 2019 wäre der große Tenor hundert Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass bringt Deutsche Grammophon jetzt eine Jubiläumsedition heraus, die das enorm reichhaltige und elektrisierend zeitgemäße Werk des Sängers würdigt.

Romantischer Schwerpunkt


Die Ausgabe umfasst 12 CDs. Abgedeckt ist das gesamte Spektrum von Haefligers außerordentlicher Gesangskunst. Der Startenor gewinnt als Opernsänger, der ein Meister der Mozart-Arie war, Kontur. Er lebt als begnadeter Liedinterpret auf, als berufener Sänger geistlicher Meisterwerke von Johann Sebastian Bach sowie nicht zuletzt als Neuerer, der sich visionären Komponisten wie Leoš Janáček oder Zoltán Kodály öffnete. Den Schwerpunkt der Edition, die sowohl in physischer als auch in digitaler Form erscheint, bildet das romantische Kunstlied. Allein sechs CDs widmen sich diesem Genre, dem sich der Schweizer Tenor in besonderer Weise verpflichtet fühlte.
Haefliger befasste sich intensiv mit den lyrischen Inhalten, die er vortrug. Es ging ihm darum, dem Lebensgefühl der Romantik nachzuspüren, und so taucht man mit ihm wirklich in eine “Winterreise” ein, wenn er Schuberts gleichnamigen Liederzyklus unter der einfühlsamen Klavierbegleitung von Michio Kobayashi interpretiert, oder folgt ihm ungezwungen und gerne in Schumanns Mondnacht oder in Brahms' schaurig-schöne Waldeinsamkeit. Sein Gesang ist so natürlich, so maßvoll, dass die Patina des 19. Jahrhunderts wie von selbst von den romantischen Liedern abfällt.

Erinnerungen der Kinder


Eigentlich hatte Ernst Haefliger gar nicht vor, den Sängerberuf zu ergreifen. Er wollte Lehrer werden, als der Schweizer Dirigent Volkmar Andreae während einer Schulgesangsprüfung auf die überwältigende Ausdruckskraft seiner hell timbrierten Tenorstimme aufmerksam wurde und ihm die Rolle des Evangelisten in einer Züricher Aufführung von Bachs Johannes-Passion anvertraute. Dieser Auftritt änderte alles. Haefligers außergewöhnliche Fähigkeiten sprechen sich blitzschnell herum auf dem internationalen Klassikparkett, und als der Sänger Ende der 1940er Jahre den großen österreichisch-ungarischen Dirigenten Ferenc Fricsay kennenlernt und in das illustre Ensemble der Städtischen Oper Berlin aufgenommen wird, da steht einer Weltkarriere nichts mehr im Wege.
In Berlin wachsen auch seine drei Kinder auf, die allesamt künstlerische Berufe ergreifen und im Booklet zu der jetzt erschienenen Edition freimütig Auskunft über die Persönlichkeit ihres Vaters erteilen. Ernst Haefliger wird in den von Susanne Stähr zusammengetragenen Schilderungen als eine berührend bodenständige Person greifbar, die über ihren Welterfolg nie die innere Verbindung zu den Mitmenschen verlor.
Die Edition erscheint mit freundlicher Unterstützung durch Gerber-ten-Bosch-Stiftung, Zürich, Christine und Heinz Marecek, Michael Haefliger und Andrea Lötscher.