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Klavierkonzert und Totentanz – Eine Uraufführung, zwei Weltersteinspielungen von und mit Thomas Adès

Kirill Gerstein, Thomas Adès
© Marco Borggreve
27.02.2020
Dass Kompositionen von Thomas Adès binnen kürzester Zeit ihren Weg ins Repertoire finden, ist nichts Ungewöhnliches, und wie es scheint, stürmt jetzt auch sein Klavierkonzert, das er voriges Jahr in Boston erstmals der Öffentlichkeit präsentierte, die Bühnen. Die Uraufführung löste ein gewaltiges Presse-Echo aus. Die New York Times feierte das Event als eine der besten Premieren klassischer Musik im Jahre 2019, und das Wall Street Journal verortete das Concerto gar in einer “großen Tradition” des Genres. 
Thomas Adès zählt zu den publikumsnahen Komponisten der Avantgarde. “Ich möchte nicht”, bekannte er einmal gegenüber dem Wiener Standard, “wie ein Außerirdischer wirken.” Zwar gehe es ihm durchaus darum, Grenzen zu verschieben, aber nicht um den Preis, von niemandem mehr verstanden zu werden. “Das Neue, das sich Adès einfallen lässt, lebt von einer spezifischen Eingänglichkeit”, so der Schweizer Musikkritiker Peter Hagmann in der Neuen Zürcher Zeitung, “das mag den Komponisten für ein Publikum, das sich mit den musikalischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts noch immer schwer tut, zu einem Hoffnungsträger werden lassen. Indes, von den Postmodernen britischer und den Neoromantikern nordamerikanischer Herkunft hebt er sich eindeutig ab.”
Thomas Adès komponiert verständlich, aber nicht gefällig. Seine Musik hat Ecken und Kanten, fordert die Fantasie des Zuhörers heraus und verführt, bei aller Zugänglichkeit, doch nicht zu trägem Konsum. Der hohe Anspruch hat dem Erfolg seiner Kunst indes keinen Abbruch getan. Sein Ziel, das Publikum zu erreichen, ist dem 1971 in London geborenen Komponisten, Dirigenten und Pianisten mit frappierender Regelmäßigkeit gelungen. 

Welterfolge eines Avantgardisten   

Sein glückliches Händchen für öffentliche Wirksamkeit stellte Thomas Adès bereits mit seiner frühen OperPowder Her Face” unter Beweis, die das Publikum mit schrillen Darstellungen aus dem Leben der adeligen Erotikerin Margaret Campbell in Atem hielt. Die Uraufführung fand im Jahre 1995 am Everyman Theatre in Cheltenham statt. Sie verhalf dem damals erst 24 Jahre alten Komponisten zum internationalen Durchbruch. Einen noch größeren Erfolg feierte Thomas Adès mit seinem Violinkonzert, das seit seiner Premiere im Jahre 2005 unzählige Male international aufgeführt wurde und als eines der beliebtesten Solokonzerte der zeitgenössischen Musik gilt. 

Poetische und jazzige Dimensionen 

Nach Ansicht des Pianisten Kirill Gerstein, Widmungsträger des Konzerts und Interpret der Uraufführung, ist seit Prokofieff und Ravel kein Klavierkonzert mehr von der Qualität komponiert worden, die Thomas Adès vorzuweisen hat. Damit hängt die Latte extrem hoch. Doch wer sich den gerade erschienenen Live-Mitschnitt anhört, der kann dem begeisterten Klaviervirtuosen nur zustimmen. Das Klavierkonzert von Thomas Adès hat alles von einem wahrhaft großen Concerto: Es ist unterhaltsam und tiefsinnig, verlangt dem Solisten virtuos alles ab und steckt, ohne das Moment poetischer Innigkeit zu vernachlässigen, voller tänzerischer Energie. 
Die ersten Aufführungen des Klavierkonzerts fanden im März 2019 in der für ihre hervorragende Akustik bekannten Symphony Hall in Boston statt. Thomas Adès griff selbst zum Taktstock und dirigierte das Boston Symphony Orchestra, das glänzend auf die flexible Spielweise von Kirill Gerstein vorbereitet war. In den langsamen Bewegungen entführt Gerstein das Publikum in melancholische Sphären träumerischen Nachdenkens. Die tänzerischen Passagen, bei Thomas Adès oft jazzig gefärbt, treiben hingegeben sein anarchisches Temperament hervor. Kirill Gerstein ist ein wilder Pianist, der das Publikum mitzureißen versteht.
Das Klavierkonzert erscheint als Welterstveröffentlichung. Dasselbe gilt für den atemberaubenden Totentanz des britischen Komponisten, der ebenfalls auf seinem neuen Album zu erleben ist. Adès' Danse Macabre ist eine hypnotisch angehauchte Musik für Mezzosopran, Bariton und Orchester aus dem Jahre 2013. Christianne Stotijn singt mit tiefem und warmem Sopran die Menschen, die sich dem werbenden Zugriff des Todes, machtvoll verkörpert durch den verführerischen Bariton Mark Stone, zu entziehen suchen. Thomas Adès verleiht dem uralten Menschheitsthema mit seiner labyrinthisch anmutenden Vertonung mittelalterlicher Texte eine elektrisierend zeitgemäße Gestalt. Die Aufnahme stammt aus dem Jahre 2016. Das Boston Symphony Orchestra ist hier ebenfalls unter der Leitung von Thomas Adès live in der heimischen Symphony Hall zu erleben.