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Komponistinnen damals und heute – verkannt, vergessen und (neu) entdeckt

Clara Schumann
© DG
01.08.2019
Am 13. September jährt sich der Geburtstag von Clara Schumann zum 200. Mal. Das Jubiläum dieser außergewöhnlichen Frau ist Anlass für eine redaktionelle Reihe bei KlassikAkzente, die sich Komponistinnen damals und heute widmet. Oft verkannt, nicht selten vergessen und heute mit gutem Grund (neu) entdeckt, bereicherten und bereichern sie mannigfaltig die Welt der Musik.
Kreativität benötigt Freiraum, Unterstützung und Selbstvertrauen. Nur wenn Talent auf fruchtbaren Boden fällt und gefördert wird, kann sich ein begabter Mensch zu einer reifen und erfolgreichen Künstlerpersönlichkeit entwickeln. Vielen Frauen, die komponieren wollten, wurde diese Chance lange Zeit über verwehrt. Komponieren galt als reine Männersache, zumindest was die Außenwirkung und Rezeption anbelangte, und bis übers 19. Jahrhundert hinaus herrschte eine extreme Dominanz von Männern in der Zunft der Tonschöpfer. Heute zeigt sich ein deutlich anderes Bild und prägen etliche hochtalentierte Frauen die Musik-Szene der Gegenwart. Bis zur ausgewogenen Präsenz auf den Konzertprogrammen und in den Hochschulen ist es allerdings noch ein langer Weg.

Das Schicksal der begabten Komponistin: Verkannt und zu Unrecht unbekannt

Wer als Komponistin in den vergangenen Jahrhunderten seinen Weg gehen wollte, hatte es schwer. Nicht selten war es Frauen sogar verboten zu musizieren, zu komponieren und zu dirigieren, mitunter unter Vorgabe abstruser Argumente. So wurde Frauen etwa die mentale Eignung und körperliche Ausdauer und Kraft abgesprochen, überhaupt komponieren zu können. Ging es schließlich um die Ausübung eines Berufes in diesem Metier, galt es gerade in gehobenen Kreisen oft als nicht schicklich, dass eine Frau ihres Standes überhaupt Geld verdienen wollte. Exemplarisch für das Schicksal begabter Frauen ist die Geschichte der Fanny Mendelssohn, die mit ihren Geschwistern Felix, Rebecca und Paul eine ausgezeichnete Bildung genoss und ebenso wie ihr – später berühmter – Bruder Felix bei angesehenen Lehrern Unterricht hatte und sich als überaus begabt zeigte. Gleichwohl erlaubte ihr Vater nicht, dass sie ihr Talent zum Beruf macht. So schrieb er an die damals Fünfzehnjährige die bezeichnenden Zeilen: “Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbass Deines Seins und Tuns werden kann und soll.” Als Konsequenz musste sich Fanny Hensel Mendelssohn wohl oder übel auf die Komposition von “Sonntagsmusiken” für den Familienkreis beschränken, die gleichwohl einen erstklassigen Ruf weit über die Familie hinaus erwarben.
Was die quantitative Menge der Komponistinnen in der Vergangenheit anbelangt, ist diese weitaus geringer als jene der Komponisten – was schlicht dem Grund geschuldet ist, dass Frauen, die komponieren wollten nur sehr selten eine professionelle Ausbildung erhielten. Entsprechend mangelte es auch an bekannten Vorbildern, an denen sich angehende Komponistinnen orientieren konnten. Entsprechend schrieb etwa Clara Schumann desillusioniert in ihr Tagebuch: “Ich habe einst gedacht, ich hätte eine kreative Begabung, mittlerweile habe ich diese Vorstellung aufgegeben. Eine Frau darf nicht den Wunsch haben zu komponieren – nicht eine von ihnen hat es geschafft, warum also sollte es mir anders ergehen?”

Komponistinnen heute – ebenbürtig, aber unterrepräsentiert

Die systematische Erforschung von Biografien und Werken komponierender Frauen begann erst im 20. Jahrhundert und mit der Zeit wuchs auch die Zahl der erfolgreichen und international tätigen und anerkannten Komponistinnen. So prägen heute etliche spannende Künstlerinnen die Musik der Gegenwart, darunter Vertreterinnen wie Sofia Gubaidulina, Rebecca Saunders oder Raminta Šerkšnytė, die im Rahmen dieser Reihe noch näher vorgestellt werden sollen. Wirft man allerdings einen Blick in die Statistiken, zeichnen diese auch heute noch ein düsteres Bild der Arbeit und der Akzeptanz weiblicher Komponistinnen. So hat eine Untersuchung führender US-amerikanischer Orchester aus dem Jahr 2014/15 festgestellt, dass nur 1,8 Prozent aller Stücke, die in einer Konzertsaison gespielt wurden, von Frauen stammten. Ähnlich ernüchternd fallen die Ergebnisse einer Studie des Archivs “Frau und Musik” aus, in deren Rahmen 2014 die Daten großer Hochschulen und Kompositionsinstitute ausgewertet wurden. Hierbei wurde herausgearbeitet, dass 2014 von insgesamt 2.872 Einzelaufführungen der Initiative Neue Musik Berlin nur 12 Prozent von Komponistinnen stammten und darüber hinaus 2014 nur 8 Prozent aller Professuren im Hauptfach Komposition weiblich besetzt waren.
Es ist also noch einiges zu tun — die Reihe “Verkannt, vergessen und (neu) entdeckt – Komponistinnen damals und heute” bei KlassikAkzente ist ein weiterer Schritt auf diesem Weg.