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Raminta Šerkšnytė – Die kraftvolle Klangmalerin

Raminta Šerkšnytė
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28.08.2019
Am 13. September jährt sich der Geburtstag von Clara Schumann zum 200. Mal. Das Jubiläum dieser außergewöhnlichen Frau ist Anlass für eine siebenteilige Reihe bei KlassikAkzente, die sich Komponistinnen damals und heute widmet. Oft verkannt, heute verehrt und mit gutem Grund (neu) entdeckt, bereicherten und bereichern sie die Welt der Musik.
Viele Jahre galt die Komponistin Raminta Šerkšnytė als Geheimtipp in der Welt der Klassik. Dies dürfte sich zeitnah ändern. So stehen die hochkomplexen und expressiven Werke der litauischen Komponistin immer häufiger auf den Konzertprogrammen großer Häuser und sorgen renommierte Künstler wie Gidon Kremer oder Mirga Gražinytė-Tyla dafür, dass Šerkšnytės faszinierende Kunst jene öffentliche Wertschätzung erfährt, die sie längst verdient.
Raminta Šerkšnytė kam 1975 in Kaunas in Litauen auf die Welt. Mit sieben Jahren begann sie Klavier zu spielen, bald darauf fing sie auch an zu komponieren. Später studierte Šerkšnytė Komposition bei Osvaldas Balakauskas an der Music Academy in Vilnius und besuchte zahlreiche Meisterkurse im Ausland, unter anderem bei Louis Andriessen, Magnus Lindberg und György Kurtág. Zudem war die Komponistin Stipendiatin der Schöppingen Foundation, der Civitella Ranieri Fellowship und der Künstlerhaus Lukas Scholarship. Ein Meilenstein in ihrer weiteren Entwicklung war die Veröffentlichung der Komposition “Vortex” bei der International Gaudeamus Music Week 2005, die ein breites öffentliches Echo hervorrief und kurz darauf mit dem UNESCO International Rostrum of Composers Award ausgezeichnet wurde. Heute werden ihre Werke auf Bühnen und Festivals auf der ganzen Welt aufgeführt, darunter im Wiener Musikverein, Lincoln Center New York oder der Berliner Philharmonie.

Expressiv, farbenreich und grenzüberschreitend – die faszinierende Tonsprache von Raminta Šerkšnytė

Ein Schwerpunkt von Šerkšnytės Schaffen liegt auf Werken für Orchester und Kammermusikensembles, in denen sie spannungsvoll die westliche Kompositionstradition mit der subtilen und oft kontemplativen Klangkultur des Ostens kombiniert. Exemplarisch für diese Kunst kann ihr Stück “De profundis” stehen, das die Komponistin 1998 für Streichorchester komponiert hat und das von Gidon Kremer einmal als “Visitenkarte baltischer Musik” bezeichnet wurde. In deutlicher Bezugnahme auf Strawinsky nutzt die Tonschöpferin die gesamte musikalische Farbpalette des Orchesterklangs und zieht unmittelbar und mit packender Bewegtheit in den Bann. Ausgesprochen emotional und leidenschaftlich tragen Šerkšnytės Werke eine gewisse Wildheit in sich und lassen sich postromantische Züge darin ebenso wiederfinden wie post-minimalistische Ansätze, mitunter ergänzt durch Elemente des Jazz und der Avantgarde. Dabei zeigt sich Šerkšnytė als meisterhafte Gestalterin der dramatischen Entwicklung, die menschliche Gefühlszustände eindringlich in Musik übersetzt und mit komplexen Rhythmen und soghaften Melodien Momente größtmöglicher Dichte erzeugt. Eindrucksvoll ist auch die Spannbreite im musikalischen Ausdruck: mal verinnerlicht, ruhig und meditativ, mal mit nostalgischem Charme und geheimnisvollem Zauber, mal berstend vor Energie und mit extremer Dynamik, beschreitet Raminta Šerkšnytė mit an sich konventionellen Mitteln spannende neue Wege.

Die Natur als Inspirationsquelle

Iceberg Symphony”, “Mountains in the Mist”, “Glow” – dies sind nur einig Stücktitel, die den starken Naturbezug von Šerkšnytės Werken offenbaren. So ist die Natur mit ihren elementaren Kräften und Gewalten eine zentrale Inspirationsquelle für die Komponistin und gleichen ihre Werke musikalischen Landschaftsgemälden, deren psychologisierender Subtext eine hypnotische Wirkung entfaltet. Eindrucksvoll zeigt dies das Stück “Fires”, das Šerkšnytė 2010 als musikalischen Kommentar zu Beethovens 5. Symphonie und dem dortigen 3. Satz mit der Bezeichnung “con brio” komponierte und in dem sie plastisch die verschiedenen Facetten des Feuers darstellt, von der Ahnung einer lodernden Gefahr bis hin zur berstenden Explosion.
So bereichert mit Šerkšnytė eine kraftvolle Klangmalerin die neue Komponistinnen-Generation, die längst weit mehr ist als “nur” ein Geheimtipp.