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Schönheit und Drama der Polyphonie – Vokalensemble Stile Antico mit des Prez

Stile Antico
© Decca
28.01.2021
Wann immer die Rede auf die Musik der franko-flämischen Renaissance kommt, fällt ein Name zu allererst: Josquin des Prez, dessen 500. Todestag wir in diesem Jahr begehen. Damals betrauerte die Musikwelt den Verlust des herausragendsten Repräsentanten einer langen musikalischen Tradition. Deren Meilensteine waren mit Namen wie Guillaume Dufay, Johannes Ockeghem, Jakob Obrecht, später Heinrich Isaac oder Antoine Brumel versehen. Die Entwicklung dieser besonderen musikalischen Linie gipfelte im Schaffen von Josquin des Prez.
Auch wenn dessen Geburtsort und -datum nicht bekannt sind (um 1440), wurde Josquin doch bereits zu Lebzeiten berühmt und hinterließ durch seine Arbeit eine unfassbare Menge an Spuren.
Die Musik seiner Zeit, der Frührenaissance, war von der intensiven Suche der Komponisten nach musikalischen Formen der Mehrstimmigkeit, der Polyphonie, geprägt. Chansons, Motetten – vor allem aber durch die Vertonung von Messtexten errangen sie größte Popularität. Und hier tat sich Josquin durch seine inhaltliche und musikalische Vielfalt besonders hervor. Seine Kompositionen erreichten, zumal seit deren Drucklegung durch Ottaviani Petrucci ab 1501, eine ungeheure, auch heute noch nicht vollständig zu überblickende Verbreitung in allen europäischen Musikländern. Josquin des Prez, hat die musikalische Sprache seines Zeitalters in besonderem Maße mitgeprägt und in ihrer Entwicklung beeinflusst, wie kein anderer Komponist.

Stile Antico – ein Name, ein Programm

Bis in die Gegenwart wird das Werk Josquins mit immer neuen Facetten verbreitet. So auch durch das Vokalensemble Stile Antico das zu den innovativsten und erfolgreichsten der Welt zählt. Die zwölf Mitglieder, die ohne Dirigenten arbeiten, begeistern sich von jeher für die Renaissance-Polyphonie und blicken inzwischen auf eine Vielzahl preisgekrönter Aufnahmen zurück.
Der Begriff “stile antico” wurde im siebzehnten Jahrhundert geprägt, um den Stil der Renaissance-Kirchenkomposition zu beschreiben, wie er etwa durch die Musik von Palestrina verkörpert wird. So wie im polyphonen Stil nicht die einzelne Stimme vorherrscht, ermöglicht die kollaborative Arbeitsweise von Stile Antico allen Mitgliedern, durch direkte und persönliche interpretatorische Herangehensweise an das Chorrepertoire künstlerisch gleichberechtigt mitzuwirken und damit sowohl die Schönheit als auch das Drama der feinsten polyphonen Musik der Renaissance zu vermitteln. Stile Anticos Repertoire umfasst nicht nur die Musik der faszinierenden und vielfältigen englischen Schule vom Eton Choirbook bis zu den Meisterwerken von Taverner, Sheppard, Tallis und Byrd und dem elisabethanischen Madrigal. Ebenso stehen Werke Palestrinas und seiner italienischen und spanischen Zeitgenossen, wie Andrea Gabrieli oder Juan Ponce auf ihrem Programm, so wie auch jene eines der namhaftesten Vertreter der franko-flämischen Renaissancemusik: Josquin des Prez.

Neuer Kontext geistlicher Musik

Dessen 500. Todestag war zugleich der Anlass für die Produktion des aktuellen Josquin-des-Prez-Albums von Stile Antico, das durch seine geschickte Repertoireauswahl und seine interessante inhaltliche Struktur auffällt. So verschränkt sie Josquins “Missa Pange Lingua mit einzelnen Motetten und Liedern, die der eigentlichen Messe einen ganz neuen Kontext geben. Etwa die frühe, vierstimmigen Motette “Ave Maria Virgo Serena” zwischen dem Kyrie und dem Gloria der Messe. Ein kaum bekanntes Chanson Josquins, “Vivrai je tousjours”, über das schmerzhafte Verlangen nach Musik, nach dem Gesang und erst recht das italienische Lied “El Grillo” von der Grille, die ununterbrochen und selbst in sengender Hitze singt, leiten vom Credo zum Sanctus über. Durch diese Anordnung wird der Radius der Welt geistlicher Musik um den weltlichen, für die Frührenaissance ebenso charakteristischen Aspekt erweitert.
Mit der Aufnahme jener berührenden 7stimmigen Motette “O mors inevitabilis” des flämischen Komponisten Hieronymus Vinders traf Stile Antico eine weitere, sehr einleuchtende Repertoireentscheidung für dieses Album. Über Vinders selbst weiß man wenig, seine Geburts- und Sterbedaten sind unbekannt. Berühmt wurde er für eben diesen Klagegesang zum Tode Josquin des Prez’. “Oh unentrinnbarer Tod, bitterer Tod, grausamer Tod! Indem du Josquin des Prez dahingerafft hast, hast du uns beraubt um den, der durch seine Musik die Kirche verherrlicht hat....”. Vinders war nicht der einzige Zeitgenosse, der Prez ein eigenes musikalisches Gedenken widmete. Neben Nicolas Gombert (c.1500–1557) hinterließ auch der 1483 in Vitré (Ille-et-Vilaine) geborene und später in Italien lebende Jachet de Mantoue (Jaquet of Mantua) Musik zu Ehren des von ihm verehrten Josquin. Es ist die Motette “Dum vastos Adiae fluctus”, die dieses klangschöne Album beschließt.