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Unprätentiös und akribisch – Die “Rudolf Serkin Edition”

Rudolf Serkin Edition
© DG
17.06.2020
Rudolf Serkin war mit Leib und Seele Pianist. Eigentlich immer schon, sein ganzes Leben lang. Als Fünfjähriger trat er erstmals auf, mit einem Schubert-Impromptus. Als 92-jähriger, noch auf dem Sterbebett, hielt er die Finger nicht still. Sein Sohn, der Pianist Peter Serkin, beschrieb die letzten Augenblicke seines Vaters: “Die Finger bewegten sich auf der Bettdecke zu den ‘Goldberg-Variationen’ Bachs”.
Rudolf Serkin, der bereits im Alter von dreizehn Jahren mit Mendelssohns Klavierkonzert in g-Moll sein erstes großes Konzert im Wiener Musikverein gab, war zeitlebens um seine Technik bemüht, mehr als das: er war davon besessen. Nach fünf Stunden Üben sei er warm gespielt, sagte er einmal. Peter Serkin erzählte, dass sein Vater auch auf Klavieren geübt habe, die eigentlich kaum spielbar gewesen seien – um bei den Konzerten auf jede Eventualität, etwa die eines schlechten Flügels, vorbereitet zu sein. Was helfe einem Pianisten alles Gefühl bei Musizieren, wenn man beim G-Dur Konzert von Beethoven, seinem Vierten, keinen gleichmäßigen Triller hinbekomme.

Originaler Notentext und perfekte Technik 

Und so wie die Beherrschung des Handwerks Serkin als Voraussetzung für das Musizieren überhaupt galt, so war für ihn der vom Komponisten geschriebene Notentext unumstößlich. Den erarbeitete er akribisch, sich immer aufs Neue, oft aus den Faksimiles der Urschriften der Komponisten.
Etwa bei den Klavierkonzerten Mozarts, die einst als Gesamtaufnahme geplant waren. 15 von den 23 Klavierkonzerten sind es immerhin noch geworden und die Kadenzen der Konzerte stammen, wo nicht von Mozart selbst, von Rudolf Serkin. Dass die Aufnahmen sämtlich mit Claudio Abbado und bis auf eine alle mit dem London Symphonie Orchestra entstanden, hat seinen Grund nicht nur darin, dass Abbado zu jener Zeit Chefdirigent dieses Orchesters war. Zwischen beiden Künstlern bestand eine besondere, von Respekt getragene Beziehung. Claudio Abbados Zugang zu Mozart war zu jener Zeit ein Prozess ständiger Auseinandersetzung – wie man ihn richtig macht, das habe er vor allem bei Rudolf Serkin gelernt, sagte Abbado nach diesen Aufnahmen aus den 80er Jahren. Serkin habe ihm den Weg zum richtigen Stil, zur Gleichzeitigkeit von Schlichtheit und Ausdruckstiefe gewiesen. Man höre, um zu begreifen, was Abbado meinte, beispielsweise das Adagio des A-Dur Klavierkonzerts, KV 488.

Schnell und gewissenhaft gelernt

Ergänzt wird die Ausgabe durch die zwei auffallend gegensätzlichen Cellosonaten in e-Moll, op. 38 und in F-Dur, op. 99, die Johannes Brahms im Abstand von über zwanzig Jahren komponiert hatte. Im Juli 1982 war Serkin zum ersten und einzigen Mal mit dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch ins Studio gegangen — für eben diese Aufnahme. Bis dahin hatte er, trotz seines hohen Alters, die beiden Sonaten noch nie aufgenommen und gar die zweite selbst noch nie gespielt. Rostropovich erzählte später, wie überrascht er von der Geschwindigkeit und der Gewissenhaftigkeit gewesen sei, mit der Serkin diese extrem schwere Sonate gelernt hatte.
Dass auch Beethovens letzte drei Klaviersonaten opp. 109, 110 und 111 ihren Platz in dieser Box gefunden haben ist nur folgerichtig, wenn man bedenkt, welche Bedeutung gerade diese Triade für Serkin hatte. 1970 plante er noch, den ganzen Zyklus von 32 Sonaten aufzuführen. Er ließ später ab davon und konzentrierte sich auf die letzten drei, die er mehrfach aufnahm und die er 1982 und 1986 in den Mittelpunkt seiner öffentlichen Auftritte stellte. Im Oktober 1987 schließlich entstand diese letzte Aufnahme im Wiener Konzerthaus.
Die “Rudolf Serkin Edition” ist ein berührendes Dokument für das Wirken dieses unprätentiösen und zugleich unnachgiebigen, besessenen Musikers mit den höchsten Ansprüchen an sich selbst.