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Fürst Galitzins Glücksgriff

29.07.2005
Manch einer schafft sich durch Zufall ein Denkmal. Als Nikolaus Borisowitsch Fürst Galitzin im November 1822 Beethoven um neue Streichquartette bat, konnte er nicht ahnen, dass er damit späte Meisterwerke in Auftrag gab, die einmal ganze Generationen von Musikwissenschaftlern und Musikern beschäftigen sollten. Jedenfalls hatte der Komponist vor diesem Zeitpunkt immerhin ein knappes Jahrzehnt lang keine Quartette mehr geschrieben und aller Wahrscheinlichkeit nach hätte er auch Klaviersonaten geliefert, wenn sein St. Petersburger Mäzen es gewollt hätte.
Fürst Galitzin war selbst Cellist und aus dieser Begeisterung erklärt sich auch seine Bitte um neues Material, das er spielen konnte. Ludwig van Beethoven, inzwischen ein international anerkannter, aber auch von Gerüchten über seiner Schrulligkeit umgebener Komponist, nahm den Auftrag an, als ihm ein phantastisches Honorar von 50 Dukaten pro Werk zugesichert wurde, und nützte die neu gewonnene finanzielle Unabhängigkeit, um erst einmal seine neunte Sinfonie und die “Missa Solemnis” fertig zu stellen. Erst im Frühjahr 1825 kam er dazu, eines der ersehnten Werke nach St. Petersburg zu schicken, das “Streichquartett Es-Dur op.127”. Musikalisch gesehen wagte er sich weit vor. Nicht darauf angewiesen, unmittelbaren Publikumswünschen zu entsprechen — Fürst Galitzin war ein glühender Verehrer Beethovens und hätte ihm alles abgenommen — nützte er die scheinbar feste Klanggestalt, um sie nach seinen Vorstellungen zu relativieren. Das op.127 erinnert stellenweise nur noch entfernt an die frühere Strenge der Sonatenform und ähnelt eher einem freien Rhapsodieren als einer disziplinierten Erfüllung von musikalischen Gesetzmäßigkeiten. Das Adagio erreicht dabei erstaunliche Ausmaße, im Rondo findet man plötzlich das Thema des ersten Satzes wieder, irgendwie scheint die Ordnung durcheinander gekommen zu sein. Und doch ist das op. 127 zusammen mit dem zu ähnlicher Zeit komponierter op. 132 ein Zeichen für die immense Imaginationskraft Beethovens, der vor allem nach den Ausweitungen der eigenen Tonsprache suchte.

Beethoven wollte nicht revolutionieren, aber er wollte voran kommen. Insofern sind seine beiden späten Quartette Beispiele für eine in der eigenen Persönlichkeit zugrunde liegenden Modernität, die zwar nicht bewusst auf die späteren Ausformungen des Genres hinwiesen, trotzdem aber prägenden Charakter hatten. Daher sind sie eine besondere Herausforderung für Künstler, die sich wie das Hagen Quartett musikalisch gerne an der Nahtstelle von Tradition und Moderne bewegen. Das bereits 1981 zunächst als reine Familiengruppe in Salzburg gegründete Ensemble, dem seit 1987 anstelle von Angelika Hagen der zweite Violinist Rainer Schmidt angehört, präsentiert die Werke mit einer stimmigen Mischung aus Abstraktion und Nachempfindung, Intellektualität und Emphase. Sie folgen Beethovens Genius in die feinsten Schattierungen und Nuancierungen und stellen ihn auf diese Weise in neuer Frische vor: “Aufnahmen des Hagen Quartetts sind wie eine Neubegegnung mit dem scheinbar Altbekannten, … als hätte das Ensemble den Staub einer jahrzehntelangen Tradition von den Partituren gepustet”, urteilte das Fachmagazin Fono Forum anlässlich einer früheren Veröffentlichung des Ensembles. Dieses Diktum gilt uneingeschränkt auch für die Interpretation von op. 127 und op. 132.