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Intensives Klangerlebnis – Maurizio Pollinis Beethoven-Interpretationen setzen Maßstäbe

Maurizio Pollini
© Cosimo Fillippini
20.02.2020
Vor 42 Jahren hat Maurizio Pollini sich bereits schon einmal mit Beethovens späten Sonaten auseinandergesetzt, doch in der neuen Aufnahme der drei Stücke, die er im Münchner Herkulessaal vor einem begeisterten Publikum live eingespielt hat, offenbart sich die große künstlerische Reife des italienischen Pianisten in ihrer ganzen Schönheit. Die anspruchsvollen Kompositionen für Klavier solo fordern Maurizio Pollini dazu heraus, in vielen Details das gesamte musikalische Spannungsfeld von Beethoven zu durchwandern und die Werke gleichzeitig mit seinen eigenen Interpretationen nochmal ganz neu zu erfinden. Was dabei entsteht, sind tiefgründige und berührend authentische Einblicke in Beethovens Schaffen aus der Perspektive eines der größten Pianisten unserer Zeit. Kein Ton bleibt dem Zufall überlassen, mit Forscherdrang und Fingerspitzengefühl tastet Pollini sich ins Innerste der drei Sonaten vor und legt ihre musikalische Gestalt offen.
Beethoven selbst hat mal gesagt, “dass Musik höhere Offenbarung ist als alle Weisheit und Philosophie”. Wenn man Maurizio Pollinis Einspielung seiner letzten drei Sonaten hört, dann kann man dem nur zustimmen. Die Klaviersonaten mit den Opuszahlen 109–111 hat Ludwig van Beethoven geschrieben, als er bereits völlig gehörlos war. Die Werke haben sich von den formalen Ansprüchen der Sonatenform gelöst und beeindrucken vor allem durch vollkommen frei gestaltete Passagen, “in denen sich das subjektive Erleben des Komponisten ganz unmittelbar auszudrücken scheint”, wie Pollini selbst seine Faszination für diese späten Stücke beschreibt. 
Die E-Dur-Sonate Nr. 30 op. 109 hat Beethoven im September 1820 vollendet und Maximiliane Brentano gewidmet, die möglicherweise die sogenannte “Unsterbliche Geliebte” war, an die Beethoven 1812 seine flammenden Liebesbriefe richtete. Beethoven hat in dieser Zeit kompositorisch völlig neuartige Klangwirkungen erzielt, mit denen er seine Zuhörer unter anderem in eine Welt des Ätherischen, Durchscheinenden und Sphärischen versetzte. Auch die Sonate op. 110 aus dem Jahr 1821 schlägt einen lyrischen und nachdenklichen Ton an und hat formal eine ganz eigene Gestalt. Während man zunächst noch die Umrisse eines Sonatensatzes erkennen kann, wirken viele der folgenden Figuren wie eine freie Fantasie und prägen die Stimmung durch unzählige dynamische Wechsel. Die Sonate Nr. 32 op. 111 markiert als letzte Klaviersonate in Beethovens Schaffen einen besonderen Moment. Sie hat nur zwei Sätze, von denen der zweite Satz mit 20 Minuten Länge als imposantes und zugleich geheimnisvolles Adagio Beethovens Klaviermusik zur Vollendung bringt.
Sehnsuchtvoll und introvertiert, dann wieder brüsk und unbeherrscht – alle drei Sonaten offenbaren unentwegt ein Spiel der Kontraste. Mal gesanglich, mal rhythmisch explosiv kennt Beethovens Klangsprache keine Grenzen und Pollini vermag es in jedem Moment den komplexen Gehalt und die visionäre Kraft der Musik zu transportieren. Mit seinen Beethoven-Interpretationen hat der italienische Pianist im Münchner Herkulessaal förmlich die Zeit angehalten. Das Album fängt die emotionale Intensität des Live-Konzerts wunderbar ein und dokumentiert einen einzigartigen Konzertabend, den man bald auch zusätzlich noch auf Blu-Ray erleben kann. So sind der Freude an dieser großen Musik und Pollinis legendärer Interpretation keine Grenzen gesetzt.
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