Paul McCreesh | News | "Als sitze man mittendrin" – Händels "Messiah" und Strawinskys "Le Sacre du printemps" auf Blu-ray Audio Disc

“Als sitze man mittendrin” – Händels “Messiah” und Strawinskys “Le Sacre du printemps” auf Blu-ray Audio Disc

Handel Messiah, Paul McCreesh - La Sacre du printemps, Esa-Pekka Salonen
© DG
11.03.2021
Untrennbar ist das Wirken der Deutschen Grammophon ist mit dem Namen Emil Berliner verbunden. Dessen Erfindung, Töne über einen Trichter einzufangen und die Schwingungen auf einer Wachswalze festzuhalten, geht schon auf das Jahr 1895 zurück. 1898 gründete Emil Berliner in Hannover die “Deutsche Grammophon Gesellschaft”. Und bereits 1900 wurde das erste Tonstudio der Gesellschaft in Berlin eingerichtet.
Wachswalze, Schellackplatte, Vinyl, CD – von Anbeginn hat DG die Weiterentwicklung des Tonträgers vorangetrieben, deren vorläufiger Höhepunkt mit der HiFi Pure Audio Blu-ray Disc erreicht ist. Und gerade in Zeiten wie diesen, in denen uns die Konzertsäle verschlossen bleiben, in denen das Bedürfnis nach intensiven Begegnungen mit der Musik durch Live-Erlebnisse nicht befriedigt werden kann, kommt dieser neuen audiophilen Technologie eine immense Bedeutung zu. Erlaubt sie es doch, nicht nur neue Aufnahmen in diesem hochauflösenden Format zu produzieren, sondern auch bereits vorhandenen Produktionen einen neuen Glanz zu verleihen. “Als sei man live dabei, als sitze man mittendrin!” – derartiges lässt sich beim Anhören herkömmlicher Vinyl-LP oder einer CD eher selten sagen. Zwei aktuelle Veröffentlichungen der Deutschen Grammophon unterstreichen deren Anspruch auf höchstes klangliches Niveau und sie kommen gerade passend zur Osterzeit.

Wie unter einem Brennglas sichtbar

Die Archiv Produktion-Veröffentlichung von Georg Friedrich Händels Messiah” mit Paul McCreesh und dem Grabrieli Consort and Players aus dem Jahre 1997 erscheint in neuem Remastering auf Blu-ray Audio Disc, in 24 bit / 96 kHz als Stereo 2.0 sowie Surround 5.1 Mix und in 24 bit / 48 kHz in einem Dolby Atmos Mix der Emil Berliner Studios. Eine konventionelle CD-Fassung liegt ebenfalls bei.
Ohne Frage ist das von Georg Friedrich Händel 1741 komponierte und ein halbes Jahr später in Dublin uraufgeführte Oratorium sein bekanntestes und zugleich meistgespieltes Werk. Paul McCreeshs Grabrieli Consort and Players entsprach bei der Aufnahme in etwa der Stärke der Dubliner Uraufführung des “Messiah”. McCreeshs Ensemble spielt auf historischen Instrumenten und entspricht damit auch dem Klangideal der Barockmusik. Streichinstrumente mit Darmsaiten, Blasinstrumente ohne Klappen – die “Ansprache” ist direkter und feiner. Es ist für die Aufnahme und Wiedergabetechnik aber auch seit je her eine Herausforderung, diesen speziellen Sound einzufangen und zu reproduzieren.
Bei McCreeshs Produktion ist dies wunderbar gelungen und durch die Nachbearbeitung noch einmal gesteigert. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die wunderbare Leichtigkeit etwa, mit der McCreesh die Soprane des Gabrieli Consorts den Chor “And He shall purify” eröffnen lässt, wird hier in einer neuen Dimension erlebbar. Deutlich sind hier die Oboen vernehmbar, welche die Sopranstimmen parallel begleiten. Wie unter einem Brennglas sichtbar werden auch die unterlegten getupften Achtelfiguren von Kontrabass, Cello und Fagott, gestützt vom Cembalo. Die leise Vielfalt in Händels Instrumentation gerade dieses Chores, wie man sie sonst nur im Konzertsaal ausmacht – hier wird sie aufs Schönste hörbar. Dergleichen gäbe es vieles aufzuzählen: etwa das treffliche Solistenensemble, bestehend aus Susan Gritton, Dorothea Röschmann, Bernarda Fink, Charles Daniels und Neal Davies, deren ein jeder mit Arien und Rezitativen zum Zuge kommt, oder eben den Chor am Ende des 2. Teils – strahlender hörte man das “Halleluhja!” kaum, und schließlich die elegische “Amen”-Fuge, die den Schlusschor “Worthy is the lamb” zum Finale beendet.

Klarheit und Durchsichtigkeit im Klang

Wie wichtig Klarheit und Durchsichtigkeit im Klang gerade bei rhythmisch kompakten, groß instrumentierten Werken sind, zeigt die Produktion von “Le Sacre du printemps” mit Esa-Pekka Salonen. Sie stammt aus dem Jahre 2006 und war seine erste Aufnahme als Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic auf Deutsche Grammophon. Auch sie wurde in den MSM Studios neu überarbeitet und erscheint jetzt anlässlich des 50. Todestages Igor Strawinskys auf CD und Blu-ray Audio Disc, in 24 bit / 96 kHz als Stereo 2.0 sowie Surround 5.1 Mix und in 24 bit / 48 kHz als Dolby Atmos Mix.
Und auch hier ist das Ergebnis der Überarbeitung überwältigend. Die orchestrale Wucht, mit der das musikalische Geschehen den Zuhörer ergreift, ist zum einen dem engagierten Dirigat Esa-Pekka Salonens zu danken. Zum anderen jedoch, und das zeigt ein A/B-Vergleich ganz deutlich, hat die inzwischen 15 Jahre zurückliegende Produktion durch ihre Frischkur auf dem neuen Medium unglaublich an Strahlkraft gewonnen.
Schon die Einleitung zu hören, deren erste 14 Takte nur den Bläsern vorbehalten sind, ist atemberaubend. Einem einsamen, hohen und klagenden Fagottmotiv, gesellt sich ein Horn zu, gefolgt erst von einer, dann erst zwei, dann vier Klarinetten, weiter aufbauend eine Trompete, drei Fagotte – erst im Takt 15 melden sich die Streicher mit einem Pizzicato. Die wilden Tänze liegen an diesem Punkt noch vor uns. Strawinsky selbst erzählte von seinem Traum über ein heidnisches Ritual, bei dem sich ein Mädchen zu Tode tanzt, der diesem Werk zugrunde liegt. Aber allein schon diesem Anfang auf der aktuellen DG-Produktion beiwohnen zu können, als sitze man direkt unter den Bläsern, lässt ihr neue Qualität erkennen.
Strawinsky übrigens berichtete von der überaus begeisternden ersten konzertanten Aufführung des “Le Sacre”, nachdem die Uraufführung des Balletts so skandalös verlaufen war. Pierre Monteux hatte das Konzert dirigiert. Strawinsky eilte danach zu dem sichtlich erschöpften und verschwitzten Dirigenten, um ihn zu beglückwünschen. “Das war wohl die salzigste Umarmung meines Lebens!”