Roby Lakatos | News | Wie die Zeit vergeht

Wie die Zeit vergeht

06.09.2002
Vor genau 60 Jahren raunte Rick seinem Pianisten Sam zu, er solle ihn doch noch einmal spielen, diesen Song. Seitdem ist “Casablanca” ein Mythos der Filmgeschichte und “As Time Goes By” ein Standard, der zahlreiche Liebesszenen dieser Welt untermalt hat. Der Geiger Roby Lakatos hat einige dieser berühmten Melodien zusammengetragen und für sein Ensemble neu bearbeitet. Eine Sammlung zarter Erinnerungen und großer Gefühle.
Roby Lakatos ist ein Teufelsgeiger — so nennt jedenfalls der Volksmund die populäre Form des seit Paganini beliebten Violinvirtuosen. Er wurde 1965 als Spross einer Zigeunerdynastie geboren, die sich mit János Bihari auf einen der wichtigsten Musiker des Genres bezieht. Sein Instrument bekam er als Kind in die Hand gedrückt und schaffte es bereits als Neunjähriger, damit auf der Bühne zu bestehen. Lakatos lernte die Musikalität von seiner Familie und studierte sein Handwerk am Béla-Bartók-Konservatorium in Budapest. Die klassische Ausbildung beendete er 1984 mit Bravour. Seitdem ist er in Europa unterwegs, mit eigenen Ensembles und als Gast großer Orchester wie den Dresdner Philharmonikern. Wie viele seiner Gypsy-Kollegen legt sich Lakatos jedoch stilistisch nicht fest. Seine Musik besteht aus der Vielfalt europäischer Traditionen und bezieht daher unterschiedlichen Elemente mit ein. Da sind die Einflüsse der osteuropäischen Folklore, der traurigen Melodien der Planwagen-Epoche, als noch vor Lagerfeuern gespielt wurde. Da gibt es den Swing der vierziger und fünfziger Jahre, den der Gitarrist Django Reinhardt populär gemacht hatte. Da sind aber auch diverse Details aus der klassischen und modernen Musik, die sich mit der individuellen Begabung des Künstlers zur charakteristischen Klangmischung verknüpfen.
 
Insofern passt es ideal, wenn sich das Roby Lakatos Ensemble den Melodien großer Filme annimmt. Denn auch Komponisten wie Nino Rota oder Ennio Morricone agierten zwischen den Stilen, wenn sie ihre Soundtracks konzipierten. Offenheit ist gefragt, die Gefühle ausdrücken kann, durchaus auch Pathos, der den Eindruck noch unterstützt. Lakatos jedenfalls hat sich vom “Dritten Mann” bis “Anatevka” und von “Casablanca” bis “Es war einmal in Amerika” eine unterhaltsame Mixtur bewegender Momente zusammen gestellt, die er mit dem Charme des über alle spieltechnischen Zweifel erhabenen Souveräns am Instrument interpretiert. Manches klingt, als wäre es den Tanzböden des Balkans entsprungen, anderes wiederum swingt wie im Paris der Fünfziger oder lebt von der Kraft der großen Emotion. Sein hervorragendes Sextett wird dabei stellenweise von Till Brönner ergänzt, der als Deutschlands versiertester Jazzjungstar an der Trompete den Liedern noch den Touch des After-Hours-Feeling hinzufügt. So ist “As Time Goes By” eine besondere Würdigung großartiger Kompositionen, die mit Anspruch und einem kleinen Augenzwinkern sich an die ergreifenden Momente der Cineastik erinnern.

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