Biografie
Die intensive Energie von Nobuyuki Tsujiis Aufführungen wirkt elektrisierend. Getragen von sagenhafter Technik und einem geradezu unbegreiflichen Klangreichtum berühren seine Interpretationen ganz unmittelbar. Sein Künstlertum beruht auf einer tiefen spirituellen Beziehung zur Musik und der seltenen Fähigkeit, eins zu werden mit seinem Instrument, und es erscheint umso erstaunlicher, als er von Geburt an blind ist.
Große internationale Anerkennung erlangte der japanische Pianist, bekannt als Nobu, im Jahr 2009, als er beim Van Cliburn Klavierwettbewerb mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurde. Sein Spiel sei »einfach wundervoll« und »schlichtweg überirdisch« gewesen, war der Gründer des Wettbewerbs beeindruckt, Nobus Aufführung hätte »therapeutische Kraft« gehabt.
Das Urteil wurde bald von Zuhörern wie auch von Kritikern bestätigt, als der junge Mann bei seinen Debüts in den renommiertesten internationalen Konzertsälen zu hören war – darunter die Carnegie Hall in New York, die Royal Albert Hall und die Wigmore Hall in London, der Wiener Musikverein, die Philharmonie in Berlin, das Théâtre des Champs-Elysées in Paris und der große Saal der Suntory Hall in Tokio. 2014 erschien die Dokumentation Touching the Sound: The Improbable Journey of Nobuyuki Tsujii des Filmemachers Peter Rosen, der den Pianisten auch schon 2010 in seinem Film A Surprise in Texas über den Van Cliburn Wettbewerb herausgestellt hatte.
Inzwischen gehört Nobu zu den führenden Pianisten unserer Zeit. Im April 2024 unterzeichnete er einen Exklusivvertrag mit Deutsche Grammophon. Das Label wiederveröffentlichte seine umfangreiche klassische Diskografie und auf der Plattform STAGE+ ist neben Rosens Touching the Sound eine Auswahl von Recitals zu sehen, die in den letzten Jahren in der Suntory Hall und beim Verbier Festival mitgeschnitten wurden.
Sein DG-Debüt widmete Nobu dann Beethoven, mit einem Programm, in dem die gewaltige »Hammerklaviersonate« op. 106 neben Liszts Klaviertranskription des Liederzyklus An die ferne Geliebte steht. Die Aufnahme erschien international im März 2025. »Eine denkwürdige Hammerklaviersonate«, schrieb International Piano, »reif, durchdacht und wunderbar beherrscht«.
Für sein zweites DG-Album, das im Januar 2026 erscheint, hat Nobu Werke von Rachmaninow und Tschaikowsky eingespielt. Neben Rachmaninows Drittem Klavierkonzert, begleitet vom Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter Leitung seines Chefdirigenten Domingo Hindoyan, ist Mikhail Pletnevs Bearbeitung von Auszügen aus Tschaikowskys Ballett Der Nussknacker zu hören. Nobu spielt außerdem Klavierfassungen dreier Rachmaninow-Lieder und Rachmaninows eigene Transkription von Rimski-Korsakows Hummelflug.
In den vergangenen Spielzeiten trat Nobu als Konzertsolist auf unter anderem mit Vladimir Ashkenazy und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, Vladimir Jurowski und dem London Philharmonic Orchestra, Vasily Petrenko und dem Royal Philharmonic Orchestra, Klaus Mäkelä und dem Philharmonischen Orchester Oslo sowie Domingo Hindoyan und dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra. Weitere Höhepunkte seiner Laufbahn waren Aufführungen mit dem Los Angeles Philharmonic in der Hollywood Bowl, dem BBC Philharmonic und Juanjo Mena sowie dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg und Kent Nagano.
Zu den kommenden Höhepunkten zählen eine Recital-Tour in Japan, bei der unter anderem die Nussknacker-Suite in Pletnevs Fassung auf dem Programm steht (9. Januar bis 8. März 2026); Rachmaninows Zweites Klavierkonzert, ebenfalls in verschiedenen japanischen Städten (21.–29. März); Beethovens Zweites Klavierkonzert mit dem Orpheus Chamber Orchestra am Purchase College (Bundesstaat New York) und in der Carnegie Hall (24./25. April); in der Philharmonie Paris drei Aufführungen von Griegs Klavierkonzert mit Klaus Mäkelä und dem Orchestre de Paris (5.−7. Mai) sowie ein Kammerkonzert mit Schuberts Forellenquintett mit Nobu, Mäkelä am Cello und drei Mitgliedern des Orchesters (4. Mai).
Der im September 1988 in Tokio geborene Nobu spielte im Alter von nur zwei Jahren Melodien auf einem Spielzeugklavier. Nachdem er sie nur ein paarmal gehört hatte, konnte er die Lieder spielen, die seine Mutter ihm vorsang, und er begann schon in früher Kindheit, spontan kleine Kompositionen zu improvisieren. »Mithilfe des Klaviers kann ich mich ausdrücken und ich kommuniziere über das Instrument viel besser als über Sprache«, bemerkt er. »Insofern ist das Klavier unerlässlich für mich.«
Nobus phänomenales Hörvermögen und Gedächtnis ermöglichten ihm, zunehmend komplexe Stücke zu erlernen, indem er sie in kurzen Abschnitten anhörte und auf dem Klavier wiederholte. Er machte solche Fortschritte, dass er mit sieben Jahren den ersten Preis beim japanischen Wettbewerb für blinde Schüler gewann und drei Jahre später erstmals mit Orchester auftrat. Als Zwölfjähriger gab er im kleinen Saal der Suntory Hall in Tokio sein erstes Klavierrecital, bald darauf begeisterte er mit Recital-Tourneen in die USA, nach Russland und Frankreich auch ein internationales Publikum. Er begann auch seine eigenen Kompositionen aufzuführen.
Zwei Jahre nach dem Erreichen des Halbfinales beim internationalen Chopin-Wettbewerb 2005 schrieb Nobu sich an der Ueno-Gakuen-Universität in Tokio ein und gab sein professionelles Debüt. Der Sieg beim Van Cliburn Wettbewerb verschaffte ihm in Japan Popstarstatus, und neben der ungeheuren Popularität in seinem Heimatland hat er eine riesige, ständig wachsende internationale Fangemeinde. Für ihn steht fest: »Ich sehe meine Aufgabe darin, dem Publikum Freude zu bereiten.«
12/2025