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Schmerz, Blut und Knochen – Tori Amos bekennt Farbe auf ihrem neuen Album "Native Invader"

Tori Amos
© Paulina Otylie Surys
07.09.2017

Eigentlich sollte es eine Reise in die Vergangenheit werden, dann holte die Gegenwart Tori Amos ein. Im Sommer 2016 unternahm die Pianistin und Songschreiberin einen Road-Trip durch die Smoky Mountains in Tennessee. Die heute im englischen Corwall lebende Rocklady ging dort auf die Suche nach ihren eigenen Wurzeln. Sie spürte den Geschichten nach, die ihr Großvater, ein halbblütiger Cherokee einmal erzählte. Nachdem Amos schon einige neue Songs geschrieben hatte, flog sie im Winter, direkt nach den US-Wahlen, erneut in ihre Heimat, in ein politisch zutiefst zerrissenes Land. Viele Menschen wandten sich verzweifelt an sie, berichteten von Konflikten und Brüchen in ihren Familien. Dann kam die nächste Katastrophe: Im Januar erlitt ihre Mutter einen Schlaganfall, der ihr Sprachzentrum zerstörte und sie zur Aphasikerin machte.

“Anrüchige Männerdominanz im Amoklauf? Amerika in spiritueller Krise? Eine sterbende Erde?”

“Das klingt nach einem Job für Tori Amos”, schreibt das Popmagazin Stereogum. Tori Amos kennt man seit ihrem Solo-Debüt “Little Earthquakes” (1992) für ihre emotional aufgeladenen, brutal ehrlichen Songs über kontroverse Themen: Sexismus, Ungerechtigkeit, menschenunwürdige Religionen. Kein Wunder, dass so viele in diesen stürmischen Zeiten hilfesuchend die Hände nach ihr ausstrecken, in der Hoffnung, dass sie die Stimme erhebe. Die Sprachlosen nach den Wahlen, das Schicksal ihrer Mutter – Amos fühlte wieder einmal eine Verantwortung, zum Sprachrohr zu werden. Um so viele Alben wie sie zu schreiben, “reiche es nicht aus, brav ein Tagebuch zu führen”, erklärte sie einmal der BBC. Immer schon hat sie Geschichten verarbeitet, die Fans ihr erzählten: online, offline, backstage nach einem ihrer Konzerte, flüchtig, beim Erhaschen eines Autogramms, kaum eine Sängerin ist in ihrer Karriere so viel auf Tour gewesen wie Tori Amos. Keine pflegt so eine Wahnsinns-Symbiose mit ihren Fans, hat eine derart starke Empathie für ihre Erlebnisse. Im September 2017 kommt Tori Amos für drei Konzerte in Frankfurt, Hamburg und Essen nach Deutschland

Nach Ausflügen in Richtung Klassik, Musical und Kammermusik, nach dem letzten auch noch ganz schöngeistigen Studio-Album “Unrepentant Geraldines” ist die einstige Bar-Pianistin hier zu ihrem Signatur-Sound zurückgekehrt: ihrem anspruchsvollen Singer-Songwriter-Pop, der Prince, Kate Bush und Regina Spektor einiges verdankt.

Auf “Native Invader” zeigt sich die 54-Jährige direkt, frontal und feurig wie schon lange nicht mehr.

“Native Invader” als das Trump-Album von Tori Amos zu bezeichnen, klingt plump und bringt es dennoch ganz gut auf den Punkt. Trocken und belehrend ist Amos dabei schon deshalb nicht, weil sie musikalisch immer wieder neue Maßstäbe gesetzt hat. So auch in “Native Invader”, wo die eloquente Rothaarige ganz verschiedene musikalische Elemente ihrer Laufbahn zusammenbringt: Vintage-Elektronik der 1990er mit akustischen Gitarren, donnernde Bösendorfer und orchestrale Begleitung. Auf dem erlesenen Klangteppich zieht sie sämtliche Register ihrer fantastischen Stimme, deren Spektrum vom Tom Waits´schen Reibeisen bis zur ätherischen Elfe reicht. Die Vorabsingle “Cloud Riders” ist ein laidbacker Country-Rocker. Auf dem düsteren Elektro-Track “Up The Creek” singt auch ihre 13-jährige Tochter Tash – hier erzählt Tori eine Geschichte ihres Cherokee-Großvaters. “Chocolate Song” ist feinfühliger, souliger Folk, gefolgt von “Climb”, einem wunderschönen Piano-Popsong.

“Keiner möchte eine Predigt”, sagt die Pastorentochter

Ständig sei sie auf der Suche nach der richtigen Story, mit der sie einen bestimmten Inhalt vermitteln könne. Ihre größte Stärke dabei ist das Gefühl. Ihre Fähigkeit, die Gefühle anderer auszudrücken, ihren Schmerz in wunderbaren Songs zu überhöhen. Das Album endet mit dem Song “Mary´s Eyes”, den sie ihrer Mutter gewidmet hat: eine winterliche, elegische Piano-Ballade, begleitet von Streichern. Es sollte eigentlich “kein Album über Schmerz, Blut und Knochen werden”, meint sie rückblickend. Doch ihre Musen bestanden darauf, dass sie sich den Konflikten widme, die ihre Heimat gerade traumatisieren und über diese rohen Emotionen schreibe. “Hoffentlich werden die Leute Widerstandskraft aus den Songs schöpfen.”

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