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“Myopia” von Agnes Obel — Betörendes Klangkonzentrat mit Tiefenwirkung

Agnes Obel
Alex Brüel Flagstad
21.02.2020
Was ist wirklich real und was ist es letztlich, was zählt in unserem irdischen Dasein? Es sind keine leichten Fragen, denen die Sängerin Agnes Obel in ihren Stücken nachspürt und entsprechend tiefgründig und subtil packend ist auch ihre Musik. Längst hat sich Obel mit ihren einzigartigen Klangschöpfungen und Kompositionen ein Millionenpublikum erspielt und ersungen und legt bei deren Entstehung konsequent ihre ganz eigenen Maßstäbe an. Mit “Myopia” erscheint nun am 21. Februar das neue Album der Künstlerin bei Deutsche Grammophon und fasziniert mit ebenso komplexen wie außergewöhnlichen Klangmischungen.

Selbstauferlegte Isolation als Quell mystischer Klänge

Die Musik der dänischen Künstlerin entsteht in einer Atmosphäre absoluter Ruhe und Fokussierung. Arbeitet Obel an einem neuen Album, so zieht sie sich konsequent in ihr Berliner Studio zurück und zelebriert die Isolation und das Zurückgeworfensein auf nichts anderes als das Ausloten ihrer eigenen kreativen Ideen und der verschiedenen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. So ist auch das neue Album “Myopia” entstanden. Über viele Wochen hinweg hat Obel an der Mischung der verschiedenen Klänge gefeilt und mit Bearbeitungen und Verzerrungen experimentiert. Das Ergebnis ist eine unvergleichliches Verschmelzen von Gesang, Streicherklängen, Klavier, Celesta und Luthéal-Klavier und lässt eine Aura größtmöglicher Konzentration und Intimität entstehen.

Musikalische Reflexion über die vielen Facetten der Wahrnehmung

Schon bei ihren bisherigen Alben ging Agnes Obel weit über das rein musikalische Spiel mit den Elementen hinaus und setzte sich mit gesellschaftlich brennenden Themen wie jenem nach der Kontrollierbarkeit des Menschen auseinander, eindrucksvoll ausgedeutet auf ihrem Album “Citizens of Glass”. Auf ihrem Album “Myopia”, was übersetzt “Kurzsichtigkeit” bedeutet, knüpft sie an diese Thematik an und legt den Fokus nun auf die ganz persönliche Wahrnehmung und subjektive Wirklichkeitsreflexion jedes Einzelnen. Dabei wirft Obel existenzielle Fragen auf: “Kannst du dir selbst vertrauen? Kannst du deinem eigenen Urteil vertrauen? Kannst du darauf vertrauen, dass du das Richtige tust? Kannst du deinen Instinkten und deinen Gefühlen vertrauen? Oder sind deine Gefühle verzerrt?” Dies sind die offenen Fragen, denen Obel auf "Myopia" melancholisch und zweifelnd nachspürt und deren musikalische Beantwortung denkbar vielschichtig und kunstvoll ambivalent ausfällt.

Persönlich und berührend

Die aus dieser Auseinandersetzung entstandenen Stücke auf “Myopia” sind von fragiler Schönheit und faszinieren mit einer ganz eigenen Stilistik und soghaften Grundschwingung, die sich allen gängigen Einordnungen konsequent entzieht. Dabei gehen poetische und geheimnisvoll chiffrierte Liedtexte mit anmutigen Melodien und warm schwelenden Harmonien eine vollendete Symbiose ein und entführen den Hörer in ungeahnte Klangwelten. Besonders bewegend sind dabei jene Lieder, die sich mit ganz persönlichen Erlebnissen der Sängerin befassen, allen voran das Stück “Island of Doom”, mit dem Obel den Tod ihres Vaters verarbeitet. “Wenn jemand stirbt, der dir nahesteht, ist es nach meiner Erfahrung einfach unmöglich zu begreifen, dass du nie wieder mit ihm sprechen oder ihn erreichen kannst, nie wieder. In vielerlei Hinsicht ist er immer am Leben, denn in deinem Bewusstsein hat sich nichts geändert, er ist immer noch da wie alle anderen, die du kennst”, so Obel. Diese überdauernde Intensität der Gefühle und ihre zeitlose Gültigkeit hat Obel auf “Myopia” packend in Musik übersetzt.

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