Arturo Benedetti Michelangeli | News | Verborgene Revolution

Verborgene Revolution

15.11.2002
Eine Mimose soll er gewesen sein, einer von denen, die bei falscher Schwingung im Saal das Konzert ausfallen ließen. Es sei das Vorrecht des Genie, kontern seine Fans und verweisen auf die strahlende Kraft seiner Kunst. Fest steht jedenfalls, dass der 1995 gestorbene Arturo Benedetti Michelangeli zu den größten Pianisten des vergangenen Jahrhunderts zählt. Unter anderem deshalb, weil er Claude Debussy zu spielen vermochte, wie kaum ein anderer.
Der Meister machte es seinen Zeitgenossen nicht leicht. Claude Debussy gehörte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwar bereits zu der Starriege der neuen Komponisten in Paris und hatte es mit verschiedenen orchestralen und kammermusikalischen Werken zu Berühmtheit gebracht. Das Modeinstrument des bürgerlichen Publikums jedoch ließ er lange Zeit scheinbar kaum beachtet. Abgesehen von ein paar Jugendwerken wie “Arabesques” (1888), “Suite Bergamesque” (1890) und “Pour Le Piano” (1901) hielt er mit Albumblättern und Miniaturen für Klavier zunächst zurück, um dann zwischen 1903 und 1915 einen Großteil seiner heute bekanntesten und für die Nachwelt bedeutungsvollen Klangimpressionen zu schaffen. Tatsächlich sind die “Préludes”, “Images” und der für seine von ihm abgöttisch verehrte Tochter Chochou geschriebene “Children’s Corner” das Konzentrat von Debussys behutsamer Revolution der Ausdrucksformen, die sich mit der spätromantischen Schwüle nicht mehr zufrieden geben wollten. Harmonik, Melodik, Rhythmik wenden sich ab von der funktionsbezogenen Strenge Wagnerscher Musik, aber auch von der romantischen Naivität eines Schumanns oder dem Muskelspiel eines Liszt. Debussy verändert ihre Bedeutung, lässt Theorie und Regelwerke zur Beiläufigkeit werden, um Stimmung und Wirkung in den Vordergrund zu stellen. Das macht seine Klavierwerke so schwer zu interpretieren, denn sie leben von der Transparenz und Leichtigkeit, die die komplexen Gedankengänge der Auflösung gestalterischer Normen seiner Epoche kaschieren.
 
Genau das aber machte es für Arturo Benedetti Michelangeli besonders reizvoll, sich immer wieder mit Debussy zu beschäftigen. Während seiner wechselhaften, von verschiedenen Krankheitsphasen unterbrochenen Karriere, widmete sich der Pianist aus Brescia neben den frühen italienischen Meistern (Galuppi, Scarlatti), der Wiener Klassik (Haydn, Beethoven, Mozart) und ausgewählten Künstlern des 19. Jahrhunderts (Schubert, Schumann, Brahms, Chopin) auch immer wieder den französischen Impressionisten, vor allem Ravel und Debussy. Der großen Einspielung des ersten Buches der “Préludes” vom Juni 1978 in der Hamburger Musikhalle gingen bereits vielfach preisgekrönte Interpretationen von “Children’s Corner” und “Images” voraus. Michelangeli ließ sich davon wenig beirren und inszenierte die Kompositionen von 1909/10 als transparente Stellungnahmen zur Dekonstruktion der Moderne. Dabei gelingt es ihm mit präzisem Feingefühl für das angemessene Tempo, die Intellektualität der späten Werke herauszuarbeiten, ohne deren Sinnlichkeit zu übergehen. Michelangelis “Préludes” sind ein Kunststück für sich, ein Fest subtiler Strukturiertheit im Rahmen zarter Emotion. Mit anderen Worten eine Grundlageneinspielung, die auf dem Erfahrungsschatz eines faszinierenden, zu Recht in besonderer Weise sensiblen Pianisten aufbaut, um weit über den Standard hinaus zu reichen.
 
Die Referenz:
 
"Michelangelis Interpretation zeugt von höchster Pianistenform — eine vollkommen bezwingende und meisterhafte Wiedergabe dieser Tongedichte in Miniaturform." (Penguin Guide)