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Carlos Kleiber dirigiert die “Die Fledermaus” von Johann Strauss

Carlos Kleiber
© Elisabeth Speidel
13.11.2019
Selbst wenn die Operette noch heute zuweilen als “kleine Schwester der Oper” belächelt wird – Johann Strauss als einer ihrer herausragendsten Schöpfer wurde von den Vertretern der “seriösen” Musik außerordentlich geschätzt: Verdi verehrte ihn “als einen meiner genialsten Kollegen” und Richard Wagner bescheinigte ihm, er sei “der musikalischste Schädel der Gegenwart”. “Acht Takte von ‘Wiener Blut’ und ich gebe eine ganze Oper dafür” soll Richard Strauss gesagt haben.
"Die Fledermaus" gilt heute neben der “Nacht in Venedig” (1883) und dem “Zigeunerbaron” (1885) als die bedeutendste der Operetten von Johann Strass – mehr noch: als “Königin der Operette”! Als solche hat sie sich einen Spitzenplatz in den Repertoirelisten der großen Opernhäuser gesichert, wo sie großen “seriösen Opern” wie “Aida” oder dem “Fliegenden Holländer” den Rang abläuft.
Die Uraufführung der “Fledermaus” freilich, die am 5. April 1874 in Wien unter Leitung des Komponisten stattfand, war, gemessen daran, dass sie zunächst “nur 16 mal”  nach der Premiere gespielt wurde, ein, wie jemand schrieb, “verschleierter Durchfall”. Die damals bedeutenden und großen Wiener Zeitungen feierten das Stück durchaus. Eduard Hanslick jedoch, der seinerzeit einflussreichste Musikkritiker, schrieb von “Plattitüden”, die er gehört habe und urteilte über Johann Strauss: “Sein Talent ist beschränkt und seine Musik eine musichetta”.
Auch wenn der Ursprung der “Fledermaus” gar nichts mit Wien zu tun hat – das Libretto von Richard Genée geht auf ein französisches Lustspiel, “Le Réveillon”, zurück – die Musik ist beredter Ausdruck des Wiener Lebensgefühls. Mit dem hat es schon etwas Besonderes auf sich und so nimmt es nicht Wunder, dass die Wiener Operette im Allgemeinen und die “Fledermaus” im Besonderen stark von Tänzen geprägt ist, die zu einem besonderen Erkennungsmerkmal werden sollten, wie etwa die Polka oder der Walzer. Die alljährlichen Neujahrskonzerte der Wiener Philharmoniker sind klangköstlichster Beleg dafür, wie lebendig ihre Tradition bis heute ist – die Polka “Blitz und Donner” etwa kommt, wie manche anderen Stücke aus der “Fledermaus” auch, versehen mit eigener Opus-Zahl, regelmäßig zur Aufführung. Hier, wie schon bei der Ouvertüre und später beim Entreacte vor dem 3. Akt zündet Kleiber ein musikalisches Feuerwerk.
Der Sängercast der jetzt wiederveröffentlichten Aufnahme unter Carlos Kleiber darf mit Lucia Popp (Adele), Julia Varady (Rosaline), René Kollo (Alfred) und Hermann Prey mit seiner markant hohen Bariton Stimme als Eisenstein, eine Rolle, die sonst von Tenören besetzt wurde, als durchaus “besonders” bezeichnet werden. So ist das kurze das Duettino “Ach, ich darf nicht hin zu dir” mit Lucia Popp und Julia Varady von außerordentlicher Schönheit, herrlich auch das geradezu schlagertaugliche: “Mein Herr Marquis” (Lucia Popp), oder der von Julia Varady so innig gesungene Csardas “Klänge der Heimat”. Dass Kleiber die Rolle des Prinzen Orlowsky, ansonsten eine Parade-Hosenrolle für einen Mezzosopran, ausgerechnet mit dem Bassisten Ivan Rebroff besetzt, den er dann im Falsett singen und sprechen lässt, verwunderte bereits damals die Kritik.
Dennoch: als die jetzt neu remasterte und wiederveröffentlichte Aufnahme damals erschien, war die Kritik von Carlos Kleiber nahezu euphorisiert: “Keiner kann derzeit ein Orchester, kann Sänger, kann ein Ensemble mehr zum Tanzen bringen als er”, hieß es in einer Rezension und “Hinreißend!” sei die genaueste Vokabel, um diese Aufnahme zu beschreiben – genauer geht es wirklich nicht!
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