Hermann Scherchen | News | Haydn ohne Vorbehalt

Haydn ohne Vorbehalt

20.02.2004
Hermann Scherchen (1891–1966) war ein ungewöhnlicher Dirigent. Schon in seiner Jugend machte er sich einen Namen als Verfechter der Moderne. Sein Bühnen-Debüt bot er als Einundzwanzigjähriger mit Arnold Schönbergs “Pierrot Lunaire”. Er engagierte sich zeitlebens für den musikalischen Fortschritt, als Lehrer und Initiator von Zeitschriften, Konzertreihen, Künstlervereinigungen. Trotzdem wählte er für den Beginn seiner späten Karriere auf Langspielplatte ausgerechnet den als Symphoniker zu Scherchens Zeit vernachlässigten Joseph Haydn. Mit gutem Grund, wie die Zusammenstellung der Original Masters aus den Westminster Archiven belegen.
Herrmann Scherchen war Autodidakt. Das war kein Fehler, denn auf diese Weise lernte er Musik auf intuitive Weise schätzen. Geboren 1891 in Berlin, brachte er sich zunächst Bratsche spielen bei, fand 1907 einen Job im Blüthner-Orchester und aushilfsweise beim Berliner Philharmonischen Orchester. Nach seinem Debüt am Pult wird er 1914 als Dirigent vom Symphonie-Orchester Riga engagiert. Während des ersten Weltkrieges war er in russischen Gefangenenlagern interniert. Zurück in Deutschland kümmert er sich umso engagierter um die Weiterentwicklung der Musik. Er gründete die Neue Musikgesellschaft, ein Quartett unter seinem Namen, die Zeitschrift Melos, dirigierte und unterrichtete bis 1933 unter anderem in Berlin, Leipzig, Frankfurt, Winterthur, Königsberg. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten drehte der Wind zuungunsten der zeitgenössischen Musik und Scherchen arbeitete von da an als Gastdirigent in verschiedenen Ländern. Nach dem Ende der Schreckensherrschaft in Europa, machte sich Scherchen erneut für zeitgenössische Projekte stark. Er rief verschiedene Orchester, Initiativen und Zeitschriften ins Leben, die unter Namen wie “Ars Viva” und “Musica Viva” bis in die Gegenwart weiterwirken. So entwickelte Scherchen sich zu einer der prägenden Dirigentengestalten des vergangenen Jahrhunderts, die sowohl im Bereich der aktuellen Strömungen wie auch als Interpret klassischen und romantischen Repertoires Maßstäbe setzte.
 
Mit Joseph Haydn setzte er sich während seines Künstlerlebens in unterschiedlicher Intensität auseinander. Bereits sein erstes Konzert mit den Berliner Philharmonikern 1913 hatte neben Mozart und Bruckner auch Haydns “Symphonie Nr. 103” auf dem Programm. Als er 1942 für “His Master’s Voice” mehrere Aufnahmen machte, gehörte Haydn ebenfalls dazu. Und als ihn James Grayson, der Chef der 1949 gegründeten Westminster Record Company, gemeinsam mit dem Tontechniker des angesehenen Wiener Dombach-Studios Dr. Karl Wolleitner unter Vertrag nahm, ging es erneut um den Wiener Klassiker. Von den 120 Schallplatten, die bis 1966 in dieser Allianz entstanden, waren immerhin zehn Prozent für Haydn bestimmt, ein hoher Anteil in einer Zeit, da man eher von Donaueschingen als von spätbarocken Symphonikern sprach.
 
Zwischen 1951 und 1953 wurden immerhin 18 Orchesterwerke mono auf die Westminster-Bänder gebannt. Die Technik folgte den damals größtmöglichen Finessen, um einen natürlichen Klang festzuhalten. Und Scherchen — der als einer der wenigen übrigens ohne Taktstock dirigierte — gewann Haydn, den seiner Meinung nach “zwei Jahrhunderte lang die orchestrale Klangphantasie tyrannisierte”, eine Binnendifferenzierung ab, die man selbst bei Furtwängler, Toscanini oder Walter kaum entdecken konnte. Dynamik und Rücknahme, pointierte Dramaturgie ohne vordergründige Effekte, zugleich die Tendenz zu ungewöhnlich ruhigen Tempi und zur Erarbeitung von expressiven Ausdrucksneuerungen machten seine Interpretationen, die er mit den Wiener Sinfonikern und dem in der Regel aus den gleichen Musikern bestehenden Vienna State Opera Orchestra einspielte, zu Wegmarken eines modernen Haydn-Verständnisses, das später etwa von Dirigenten wie Trevor Pinnock oder Sir Charles Mackerras aufgenommen und kommentiert wurde. Mit der Original Masters-Box “Hermann Scherchen — The 1950s Haydn Symphonies Recordings” sind die Einspielungen nun erstmals (und um die Aufnahme der “Abschieds-Symphonie” von 1958 ergänzt) auf 6 CDs erhältlich. Eine großartige und herausfordernde Zusammenstellung, die trotz Mono-Sound unüberhörbar ihre Kraft aus der Musik selbst heraus bezieht.