Leonard Bernstein | News | "It's this town that still gets me.": Eine musikalische Reise nach New York

“It’s this town that still gets me.”: Eine musikalische Reise nach New York

14.02.2001
Er war der Sohn jüdischer Emigranten aus Russland und somit ein echter Amerikaner. Leonard Bernstein kam aus Boston und machte New York zu seiner Stadt.
Eigentlich stammt der Junge aus der Provinz. Geboren in Lawrence, einer Kleinstadt in Massachussetts, wuchs er in Boston auf, doch sein künstlerisches Zentrum wurde New York: Dort traf er seine Vorbilder wie Aaron Copland und seine Musikerkollegen. Als er das New York Philharmonic Orchestra leitete und international berühmt machte, war sein Name über viele Jahre eng mit dem der Stadt verbunden. So eng, dass Lenny Bernstein zum All-American-Boy aus New York wurde. Egal, wo auf dem Globus er sich gerade befand. Seine Begegnung mit Aaron Copland war eine der ersten in New York. Der Komponist wohnte im Empire Hotel in der Upper West Side, seine Arbeit aber tat er nicht weit davon entfernt in seinem berühmten Atelier, das sich über einer Bonbonfabrik, die für den Bau des Lincoln Centers abgerissen wurde, befand. Bernstein, noch Student, war 1937 in letzter Minute zu Coplands Geburtstagsfeier eingeladen worden. “Ungeniert, wie es meine Gewohnheit war” setzte er sich ans Klavier und spielte eines seiner Lieblingsstücke, Coplands “Klaviervariationen”. So begann die enge Freundschaft zwischen Copland und Bernstein, der in dem Älteren für viele Jahre seinen eigentlichen Kompositionslehrer sah.
 
“Es ist diese Stadt, die mich immer wieder packt. Kein Wunder, dass ich stets neu über sie komponiere”, erzählte Leonard Bernstein in einem Interview. Gemeinsam mit Freunden aus den ersten New Yorker Monaten im Jahr 1939 schrieb er 1944 sein erstes Broadway-Musical “On the Town” – dessen Song “New York, New York” zur Hymne wurde, und die Stadt als “helluva town” präsentierte. Mit “Wonderful Town”, das nett und etwas sentimental vom Künstlerleben im Greenwich Village der Dreißigerjahre erzählt, entstand 1952 bereits sein zweites New-York-Musical. Zweimal ein romantischer Blick: New York ist die Metropole schlechthin, aber von Hektik, Arbeitslosigkeit, Anonymität keine Spur. Sie ist der Ort fürs wohl dosierte Abenteuer. Doch in “West Side Story” von 1957 diente New York zu mehr als Lokalkolorit. Die Stadt und die Konflikte ihrer Bewohner spielten die Schlüsselrolle, pointiert durch Bernsteins scharfe Harmonien und wechselnde Rhythmen. “Ich habe hier so lange gelebt,” berichtete Leonard Bernstein, "dass ich New York manchmal nicht mehr wahrnehme – und dann öffne ich meine Augen und – mein Gott: Diese Stadt ist so spannend, so lebendig. Wie an dem Abend, als ich, ganz in Gedanken über ‘West Side Story’, eine falsche Ausfahrt genommen habe und mich plötzlich am nördlichsten Zipfel von Manhattan befand. Rund um mich waren diese Kinder aus Puerto Rico, mit ihrem typischen New Yorker Slang – und gleichzeitig stand ich inmitten einer klassischen Anlage mit Säulen und romanischen Torbögen. Das enthielt für mich das zentrale Thema von “West Side Story”: eine zeitgenössische Handlung, die eine klassische Geschichte, die von Romeo und Julia, widerspiegelt." Schon kurz nach der Verfilmung des Musicals in den Straßen der Upper West Side waren die Aufnahmen historisch. Die Gebäude an der West Sixty-eighth Street zwischen Amsterdam und West End Avenue mussten dem Komplex der Lincoln-Türme weichen.
 
Ins Jahr der Premiere von “West Side Story” fiel auch Bernsteins Berufung zum Chefdirigenten der New York Philharmonic, die das Orchester komplett veränderte. Als man 1959 den Grundstein für das neue Haus der Metropolitan Opera legte, spielte das wichtigste Orchester der Stadt zum Konzert auf. Bernstein dirigierte, Präsident Eisenhower applaudierte und der Baubeginn der berühmtesten Oper Amerikas wurde zum Medienereignis. Erst vier Jahre später engagierte man Bernstein für Opernaufführungen an die Met, doch seine zehn Vorstellungen von Verdis “Falstaff” gerieten zu Höhepunkten der letzten Spielzeit im alten Haus der Met südlich des Times Squares. Die mit etlichen Rockefeller-Millionen errichtete neue Oper im Lincoln Center erhielt zwar keine Lobeshymnen für ihre Architektur, aber nachts vermag sie mit ihren prominenten Bögen und den riesigen Chagall-Fresken im Foyer durchaus zu glänzen. Als man, ebenfalls im Lincoln Center, 1962 die Philharmonic Hall eröffnete, wurde das Eröffnungskonzert natürlich wieder von Leonard Bernstein dirigiert. Schließlich ist das Konzerthaus, das heute den Namen Avery Fisher Hall trägt, die Heimstatt des New York Philharmonic und fast genauso selbstverständlich stand Bernsteins Freund Copland auf dem Programm. Praktischerweise wohnte Bernstein gar nicht weit vom Lincoln Center entfernt – auch wenn der Name anderes vermuten lässt: Dakota nannte der Erbauer sein Gebäude, das Bernstein bewohnte, weil die eingeschworenen Manhattaner die Upper Westside so weit entfernt fanden wie den Bundesstaat im mittleren Westen der USA. Zehn Jahre nachdem die Ermordung John Lennons in der Eingangstür dem Dakota zu traurigem Ruhm verhalf, starb – auf ganz natürliche Weise – Leonard Bernstein am 14. Oktober 1990 in seiner Wohnung am Westrand des Central Parks.
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