John Eliot Gardiner | News | "Wenn der Geist zu mir spricht"

“Wenn der Geist zu mir spricht”

John Eliot Gardiner
© Sheila Rock / DG
16.10.2019
Als die Archiv-Produktion der Deutschen Grammophon Gesellschaft 1994 eine Gesamtaufnahme aller Beethoven-Sinfonien von John Eliot Gardiner veröffentlichte, rieb man sich landauf landab die Augen und glaubten seinen Ohren nicht zu trauen. Was da aus den Lautsprechern drang, war im Sinne des Wortes unerhört. Beethovens Sinfonien, die man zu kennen glaubten, klangen neu, anders, aufregender. Alles war durchsichtig, man hörte die einzelnen Instrumentenstimmen. Die Tempi waren atemberaubend. Und doch hatte man nicht den Eindruck, dass alles nur einfach schnell gespielt wurde, sondern dass Vieles jetzt einen neuen Sinn bekam, zu leben begann…

Gardiner, der Orchesterpraktiker

Bereits 1989 hatte John Eliot Gardiner Beethovens “Missa Solemnis” op.123 aufgenommen, ein Jahr später die “Messe in C-Dur” op.86.  Gardiner, ausgewiesener Bach- und Chorspezialist, war auch Orchesterpraktiker mit ganz konkreten Vorstellungen. Um die umsetzen zu können, gründete er 1969 den Monteverdi Choir und 1978 die English Baroque Soloists, die auf Alten Instrumenten spielten. Elf Jahre später folgte das “Orchestre Révolutionnaire et Romantique”, das ebenfalls auf Alten Instrumenten und in der Tradition des 1828 von François Habeneck in Paris gegründeten Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire spielte. Habeneck war es, der Beethovens Sinfonien seinerzeit in Frankreich populär machte. Seine Arbeitsweise und die notengetreuen Aufführungen waren Gardiner gewissermaßen Vorbild für seine Gesamtaufnahme der Beethoven-Sinfonien, nicht mit einem modernen, sondern mit Alten Instrumenten. “Das Ziel ist nicht irgendeine fadenscheinige Altertümelei … es geht vielmehr darum, die musikalische Linse zu säubern”, sagt Gardiner.  Der Einsatz historischer Instrumente, so der Dirigent, lasse die revolutionäre Seite Beethovens besonders deutlich hervortreten. Nur folgerichtig daher, dass Robert Levin, Gardiners Solist der fünf Klavierkonzerte Beethovens, sich gegen den Konzertflügel für das Hammerklavier entschied.

Ein Hauptaugenmerk: die Tempi

Das Violinkonzert spielte damals Viktoria Mullova ein. Auch ihr offenbarte sich in der Zusammenarbeit mit John Eliot Gardiner, wie erbarmungslos Beethoven in seinen Anforderungen an die Ausführenden war, wie wenig Rücksicht er auf technische Schwierigkeiten nahm. Gardiner zitiert Beethovens Antwort auf die Einwände eines berühmten Geigers manche Stellen im D-Dur-Violinkonzert betreffend: sie seien unspielbar. Beethoven soll darauf geantwortet haben: “Was kümmert mich Ihre armselige Geige, wenn der Geist zu mir spricht.”
Ein Hauptaugenmerk richtete Gardiner auf Beethovens Tempi. Der hatte oft starke Zweifel, dass seine Angaben auch tatsächlich befolgt würden.

Nahe Beethoven sein

Sich der Beachtung solcher Kriterien durch Gardiner sicher sein zu können, sich gewissermaßen in der Nähe Beethovens zu fühlen, macht den Reiz dieser Box aus. Und sie erscheint genau zur richtigen Zeit. Der 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens bietet hinreichend Anlass, sich eingehender mit seinem Werk auseinanderzusetzen. Mit Gardiners “Complete Beethoven Recordings on Archiv Produktion” wird das zum Vergnügen. Neben dem Sinfonienzyklus, den Konzerten und Messen enthält die Box, u.a. mit “Leonore” op.72, auch die Frühfassung seiner einzigen Oper “Fidelio”. Und für alle, die es noch genauer mögen, enthält die Box eine Bonus Disc, auf der John Eliot Gardiner in drei Sprachen über Beethoven spricht.
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