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Programmmusik tiefer Religiosität – Zum 60. Geburtstag von Olivier Latry

Olivier Latry
© Harald Hoffmann / DG
15.02.2022
Der Name Olivier Latry ist, wann immer es um die französische Orgelmusik geht, zu einem Markenzeichen geworden. Bereits im Alter von 23 Jahren wurde der 1969 Geborene zu einem der drei Titularorganisten an der Kathedrale Notre-Dame de Paris. Latry, der inzwischen weltweit gastiert, als Solist oder mit großen Orchestern und Dirigenten wie Andris Nelsons, Esa-Pekka Salonen und Kent Nagano, hat sich dabei auch zum wichtigsten internationalen Botschafter für sein Instrument etabliert.
Mit der Gesamtausgabe aller seiner Aufnahmen für Deutsche Grammophon anlässlich seines 60. Geburtstages schafft das gelbe Label nun Olivier Latry, einem der weltweit führenden Organisten dieser Zeit, eine große Bühne. Und sie spannt einen weiten Bogen, der alle Bereiche des Musizierens mit diesem Instrument umfasst. 
Eine zentrale Position bei den Komponisten, mit deren Werken sich Olivier Latry intensiv auseinandersetzt, gehört Olivier Messiaen. Dessen umfangreiches Orgelschaffen hatte Latry 2002 mehrmals zyklisch aufgeführt und schließlich zum zehnten Todestages des Komponisten für Deutsche Grammophon auf der großen Cavaillé-Coll-Orgel in Notre-Dame eingespielt.

Improvisation an der Orgel

Als 23 Jähriger hatte Olivier Messiaen eine Organistenstelle an der Pfarrkirche La Trinité übernommen, die er 60 Jahre lang innehatte. Frühzeitig begann er, neben der geforderten liturgischen Begleitung während der Messe, eigene Improvisationen zu spielen. In der 1951 komponierten “Messe de la Pentecôte” fasste er all seine früheren Improvisationen zusammen. Auch wenn die Gemeinde sich über die Modernität und ätherische Entrücktheit seiner Orgelstücke empörte, die Messiaen als komponierender Organist schrieb – sie sind gewissermaßen Programmmusik seiner tiefen Religiosität. So etwa die 1936 in drei Orgelbüchern komponierten Neun Meditationen (“Neuf Méditations”) über die Geburt des Herrn (“La nativité du Seigneur”), oder “Méditations sur le Mystère de la Sainte-Trinité” von 1969. Sie alle haben ihren Platz in der Olivier-Latry-Edition.

César Franck: Erneuerer der Orgelmusik

Zu jenen Komponisten, die für die Orgel als Soloinstrument komponierten, gehört neben Johann Sebastian Bach oder Olivier Messiaen auch César Franck (1822 bis 1890). Er gilt als Erneuerer der Orgelmusik nach der französischen Revolution. Franz Liszt stellte ihn gar auf eine Stufe mit Bach. Auf dem Album “In Spiritum”, das 2005 bei Deutsche Grammophon erschien, widmete sich Olivier Latry ausführlich Francks Orgelwerk, zu dem auch die “3 Chorals pour grand orgue” gehören – die letzten und zugleich bekanntesten Orgelwerke Francks, die dieser 1890 komponierte.
Midnight At Notre Dame” vereint Aufnahmen von Transkriptionen für die Orgel. Bach-Choräle, Mozarts Adagio und Fuge in c-Moll K 546, Wagners “Pilger-Chor”, der Ungarische Tanz aus “Fausts Verdammnis” von Berlioz – interessant die verschiedenen Handschriften der Transskripteure, zu denen Maurice Duruflé, Franz Liszt, Charles-Marie Widor und Marcel Dupré gehörten. Dem Bemühen um die Vollständigkeit aller Einspielungen, die Latry für Deutsche Grammophon vornahm, dankt die Edition auch eine CD mit bisher unveröffentlichten Stücken. So gab es bei den Aufnahmesessions zu “In Spiritum” und “Midnight at Notre-Dame” etliche Tracks, die es damals nicht auf die Alben schafften – sie werden nun zum ersten Mal veröffentlicht. Darunter zwei der “Trois Pièces pour le grand orgue”, die César Franck 1878 für Frankreichs erste große Konzertorgel komponierte, die anlässlich der Pariser Weltausstellung im Palais du Trocadéro errichtet wurde. Das Autograph enthält hierzu detaillierte Registrieranweisungen. Auch Franz Liszts 1862 komponierte “Évocation à la Chapelle Sixtine” S 658 ist nun in der Interpretation von Olivier Latry zu hören. 

Der Organist und Komponist Thierry Escaich

Musikalisch wunderbar ergänzt wird diese Box durch eine Bonus-CD. Auf ihr kommt ein weiteres Genre der Orgelmusik, nämlich das Konzert, zur Geltung. Dabei präsentiert sie anstelle allseits bekannter Vertreter dieses Genres wie etwa Georg Friedrich Händel oder Camille Saint-Saëns einen modernen Komponisten und Organisten, gewissermaßen einen Kollegen Latrys: Thierry Escaich. Der 1965 geborene Escaich kam nach Maurice Duruflé an die Kirche Saint Étienne du Mont in Paris und machte sich nicht nur als Organist, sondern auch als Komponist, dessen Werke international aufgeführt werden, einen Namen. Olivier Latry spielt hier gemeinsam mit dem Orchestre Philharmonique Royal de Liège unter Pascal Rophé das “Concerto No. 1 for Organ Solo and Orchestra”, das Thierry Escaich 1995 komponiert hatte. Auch mit dem Komponisten Jean-Louis Florentz (1947–2004), einem Schüler Messiaens, verband Latry eine enge Zusammenarbeit. Auf der Bonus-CD zu hören ist die Aufnahme eines von syrisch-orthodoxen Liturgie Äthiopiens inspirierten Werkes “Debout sur le Soleil” op. 8. Es entstand nach einer Meditation des von Florentz hochverehrten Notre-Dame-Priesters Jacques Leclercq.
Übrigens enthält die aufwändig editierte Box für alle Freunde des audiophilen Hörens eine Blu-Ray-Audio-Disc mit den Aufnahmen der Alben “In Spiritum” und “Midnight At Notre-Dame” sowie den bisher unveröffentlichten Tracks in 24bit-Surround-Sound und in Dolby Atmos.