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Zum 85. Geburtstag von Seiji Ozawa

Seiji Ozawa
© Decca
01.09.2020
Seiji Ozawa hat den Klassikbetrieb aufgewirbelt wie kaum jemand sonst. Seine direkte Art, sein uneitler Auftritt und nicht zuletzt seine charmante Umgehung der überlieferten Etikette haben das Berufsbild des Dirigenten als autoritärem Pultherrscher nachhaltig erschüttert. “Er trug lange Haare, einen Rollkragenpullover und eine Perlenkette”, so der US-amerikanische Musikkritiker Lloyd Schwartz über die Zeit, als Seiji Ozawa das Boston Symphony Orchestra übernahm. Es waren die frühen siebziger Jahre. Ozawa hatte seine Lehrzeit als Karajans Lieblingsschüler und Bernsteins Assistent hinter sich und bereits eine Reihe von großen Orchestern dirigiert. Jetzt war er auf dem Sprung nach ganz oben. 
Er nutzte seine Chance, steigerte das internationale Renommee des Boston Symphony Orchestra und ergänzte das Repertoire des berühmten Klangkörpers um herausragende Werke der musikalischen Avantgarde. In der medialen Öffentlichkeit avancierte Seiji Ozawa zu einem Sympathieträger par excellence, der es bei allem künstlerischen Ernst nicht an Humor fehlen ließ. Legendär sein Auftritt in der Muppet Show als Dirigent des Sesame Street All-Animal Orchestra mit dem Stargast Placido Flamingo.   

Kometenhafte Laufbahn 

Eigentlich wollte Seiji Ozawa Pianist werden. Aber ein Rugby-Unfall, bei dem er sich zwei Finger brach, machte seine Pläne zunichte. Sein Lehrer Noboru Toyomasu empfahl ihm daraufhin, Dirigent zu werden. Doch der junge Klavierschüler hatte bis dato noch nie einen Dirigenten auf der Bühne gesehen. Es gab kein Fernsehen. Das Internet war noch nicht erfunden. Ozawa musste selbst ein Konzert besuchen, und sein erstes Erlebnis überwältigte ihn so stark, dass er in aller Entschiedenheit Dirigieren und Komposition zu studieren begann. Eine kometenhafte Karriere, in deren Folge eine weitverzweigte Diskografie mit zahllosen Referenz-Aufnahmen entstand, nahm ihren Lauf. 
Der asiatischen Kulturwelt öffnete Seiji Ozawa die Türen für die klassische Musik des Westens. Viele Virtuosen kämen heute aus Asien, so der Filmkomponist John Williams, “aber in Seijis Generation war er der Einzige, also war er mit Sicherheit ein Pionier”.   

Triumphale Rückkehr

Im Jahre 2010 wurde bei dem grammy-gekrönten Stardirigenten Speiseröhrenkrebs diagnostiziert. Seiji Ozawa zog sich aus dem Konzertleben zurück, und niemand wusste, ob er noch einmal zurückkehren würde. Umso größer war die Freude, als er im Jahre 2013 wieder auf der Bühne erschien und in der Folge mit furiosen Aufführungen von sich reden machte. Einen seiner großartigsten Auftritte hatte er im Jahre 2016/17, als er mit dem einst von ihm selbst gegründeten Saito Kinen Orchestra Beethovens Sinfonie Nr. 7 in A-Dur und dessen Leonore-Ouvertüre Nr. 3 aufführte. Der schlanke Klang, das lyrische Feingefühl und die tänzerische Vollendung des Weltklasse-Orchesters bescherten dem Publikum einen Beethoven, wie man ihn sich im 21. Jahrhundert nur wünschen kann: furios, aber auch subtil, mit dem ganzen farblichen Reichtum, den Beethovens Klangpoesie bietet. 
Jetzt erscheint zum 85. Geburtstag von Seiji Ozawa ein Live-Mitschnitt der wegweisenden Beethoven-Interpretation. Im Beethoven-Jahr 2020 ein wunderschönes Geschenk, das Decca nicht nur seinem Dirigenten, sondern auch dem an mitreißender Orchestermusik interessierten Publikum macht.   
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