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Géza Anda

Heiter bis wolkig

26.03.2004

Brahms zweites Klavierkonzert von 1881 gilt als freundlich und hell. Im Unterschied zu seinem ersten, das in mühsamem Kampf dem eigenen Genie abgerungen war, befand sich der Komponist in weit fröhlicherer Stimmungslage und wirkte in den ersten romantischen Horntönen gar unbeschwert romantisch. Die Interpreten nahmen das zum Anlass, es bis in die sechziger Jahre hinein in zuweilen atemberaubendem Tempo zu spielen (was den Geschwindigkeitsangaben von Brahms selbst entsprach). Geza Anda hingegen war diese Gewohnheit suspekt und so ließ er sich gemeinsam mit Herbert von Karajan wesentlich mehr Zeit.

Und das lag bestimmt nicht an mangelnder pianistischer Kompetenz. Im Gegenteil, Geza Anda galt als einer der beeindruckenden Virtuosen seiner Zeit, der sich mit enormer Kraft, immensem Wissen und Talent nach oben gespielt hatte. Geboren 1921 in Budapest, hatte er von seiner musikliebenden Familie alle mögliche Unterstützung erfahren. Er hatte die Ausbildung an der renommierten Budapester Musikakademie genossen, war von Ernst von Dohnányi in die höheren Weihen des pianistischen Ausdrucks eingeweiht worden und hatte dann 1939 den Franz-Liszt-Wettbewerb gewonnen. Die Karriere hätte zielstrebig weiter gehen können, doch in Europa herrschte Krieg. Anda landete zunächst als Stipendiat durch die Vermittlung Kodálys in Berlin, flüchtete aber 1942 aus Nazi-Deutschland in die neutrale Schweiz und wurde dort heimisch. Nach dem Krieg schaffte er den Wiedereinstieg in die Szene, machte sich zunächst als Virtuose halsbrecherischer Stücke von Liszt, Chopin, Tschaikowsky und Brahms einen Namen, bevor Clara Haskil auf ihn aufmerksam wurde. Mit ihr zusammen widmete er sich Mozart, trat nach dem frühen Tod der Pianistin quasi ihr Erbe an und war einer der ersten, der eine vollständige Einspielung der Mozartschen Klavierkonzerte wagte. Der eigentliche Durchbruch in der Meinung der Kritik gelang ihm allerdings 1960/61 mit der noch immer grundlegenden Einspielung von Bartóks Klavierkonzerten, die er gemeinsam mit Ferenc Fricsay und dem Radio-Symphonie-Orchester Berlin verwirklichte.

 

Von da an zählte Anda zu den zentralen Gestalten der zeitgenössischen Klavierkunst und konnte weitere wichtige Aufnahmen verwirklichen. Einige wie das Grieg’sche “Klavierkonzert a-moll” (1963) brachten ihn mit populärem Repertoire und großen Pultgestalten wie Raphael Kubelik zusammen. Andere wiederum waren ihm Herzensangelegenheiten wie Brahms' zweites “Klavierkonzert B-dur”. Denn das symphonisch opulente Werk begleitete ihn sein ganzes Leben lang. Es gehörte zum Programm seines Orchesterdebüts in Budapest 1939, das er mit Willem Mengelberg gegeben hatte. Er nahm es in einer frühen Phase seiner Karriere gemeinsam mit Fricsay auf und kümmerte sich anno 1967 zusammen mit Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern (im Stereo-Klangambiente) erneut um das ausladende Werke. Vier Sitzungen fanden zwischen den 18. und 20. September 1967 in der Berliner Jesus-Christus-Kirche statt, eine war allein für die Kadenzen reserviert. Alles verlief problemlos und so gelang Anda eine ungewöhnlich geruhsame Interpretation des Werkes, die Maßstäbe setzte. Allein das Tempo war schon gelassen – 17 Minuten für den ersten Satz, Vergleich: Rubinstein, 14 Minuten – und die Zusammenarbeit mit dem Orchester funktionierte auf symbiotische Weise. Im französischen Fachmagazin Diapason urteilte der Rezensent kurz nach der Veröffentlichung: “Ich habe die angeborene Zartheit von Brahms darin wiedergefunden, seine Vitalität und rhythmische Originalität, seinen Elan, bei dem sich das natürliche Verhalten mit Sensibilität und Intelligenz verbindet”. Und tatsächlich hält Andas Interpretation bis heute die Waage zwischen Pathos und Leichtigkeit, Ernst und Ironie. Deshalb wurde es auch in die Reihe Original Masters aufgenommen, die mit besonderer Sorgfalt ausgesuchte Meistereinspielungen im kompetent kommentierten und erschwinglichen Rahmen präsentiert. Wie eben Andas Brahms.

Brahms: Piano Concerto No. 2 / Grieg: Piano Concerto 0028947483823
BRAHMS · GRIEG Piano Concertos / Anda
2. Feb. 2004

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